FC Hapoel Abu Gosch-Mevasseret Zion

Elf Freunde

von Torsten Haselbauer

Dicke Gewitterwolken schieben sich an diesem Dienstagnachmittag über das Berliner Olympiastadion hinweg, und strömender Regen lässt das geplante Spiel zwischen Abu Gosch-Mevasseret Zion und der U17-Jugendmannschaft von Hertha BSC Berlin sprichwörtlich ins Wasser fallen. Und anstatt auf dem Rasen zu kicken, hängen 15 junge Fußballer ganz lässig in ihren Stühlen eines Hostels unweit der Synagoge in der Oranienburger Straße. Bei ihnen sind ein paar offizielle Betreuer und der Trainer Andrej Andonov, der eigentlich aus Bulgarien stammt und vor zehn Jahren nach Israel ausgewandert ist.
Da sitzt sie also, die arabisch-jüdische Jugendmannschaft von FC Hapoel Abu Gosch-Mevasseret, wie der Verein kurz genannt wird, die auf Einladung des Zentralrates der Juden in Deutschland diese Woche vier Tage lang die deutsche Hauptstadt besucht. Die Sportler treffen Politiker, machen Sightseeing und spielen natürlich Fußball, gegen das Jugendteam von Maccabi Berlin zum Beispiel.
Die Fragen sind auf solchen Besuchen immer die gleichen und die Antworten eigentlich auch. Wie passt das zusammen, wenn Araber und Juden gemeinsam Fußball spielen? Und vor allem: Wo liegen die Probleme? »Es ist viel einfacher, als man denkt, weil Fußball allen den gleichen Spaß bringt. Probleme gibt es bei uns genauso viele, wie in jedem anderen Verein auf der Welt auch«, erklärt Eldad Hayet. Fast schon ein wenig entschuldigend lächelt der Jugendkoordinator des Vereins über das, was er da eben mal wieder gesagt hat. Für die Nachwuchskicker ist längst normal, was für viele Israelis und Araber, aber auch Berliner, für einige Verwunderung sorgt. Sie kicken in dem einzigen Klub des Landes, in dem Juden und Araber wirklich gleichberechtigt sind.
Der FC Hapoel Abu Gosch-Mevasseret wurde vor sechs Jahren als ein arabisch-jüdischer Verein gegründet. Nicht als ein jüdischer Klub, wo Araber mitspielen dürfen oder umgekehrt. Hapoel trägt zudem das Ziel der friedlichen Koexistenz der beiden Religionsgruppen bis hoch in den Vorstand. Drei Juden und drei Araber teilen sich die Vorstandsarbeit nahezu brüderlich. »Für uns ist das so natürlich, dass wir gar nicht mehr darüber sprechen. Außer, wenn uns Journalisten danach fragen«, erklärt das arabische Vorstandsmitglied Muhammad Dschab in Berlin. Abu Gosch und Mevasseret liegen westlich von Jerusalem und sind gerade einmal zwei Kilometer voneinander entfernt. Doch für viele ist das eine ganze Welt. Abu Gosch, die arabische Kleinstadt mit 7.000 Einwohnern und ihrem orientalisch geprägten Lebensalltag. Mevasseret, die moderne, pulsierende jüdische Stadt mit 27.000 Einwohnern, die so stolz ist auf ihre imposante Shopping Mall – und mittlerweile ebenso auf ihren gemeinsamen Verein mit dem Nachbarort. Heute spielen bereits rund 120 arabische und jüdische Nachwuchskicker in den drei Jugendteams. Für die »Minis« ab drei Jahren wurde erst kürzlich eine Fußballschule eröffnet. Und die Seniorenmannschaft hat es bis in die dritthöchste israelische Liga geschafft. Insgesamt sind in den Mannschaftskadern zu einem Drittel arabische Spieler aus Abu Gosch und zu zwei Drittel jüdische Fußballer aus Mevasserert Zion vertreten. Das entspricht dem Größenverhältnis der beiden Städte. »Die Atmosphäre in unserem Team ist super. Wir spielen ja jetzt schon einige Jahre miteinander. Das schweißt zusammen, auch für die Zukunft«, beschreibt der jüdische Spielführer des U17-Teams, Yossi Wazana, die Stimmung. Natürlich gibt es Zeiten, in denen die Vereinsharmonie auf eine harte Probe gestellt wird. Wie zum Beispiel im zweiten Libanonkrieg, als ein arabischer Spieler einen nahen Angehörigen verlor. Oder erst jüngst während des Gasakrieges. Das geht vielen im Verein an die Substanz. »Doch unser Training ist nie ausgefallen und ein Meisterschaftsspiel sowieso nicht. Wir halten zusammen. Wir sind Fußballer, keine Politiker«, sagt der arabische Mittelfeldspieler Izat Abu Katish. Bemerkenswert krisenfest ist diese sportliche Gemeinschaft, die sich da im Westen von Jerusalem entwickelt hat. Die klassischen Stereotypen und Vorurteile hat der Fußball mit Leichtigkeit außer Kraft gesetzt. Wohl auch deshalb ist der Verein zu einer Art Modell geworden. Coach Andonov stellt auf, wer in sein Spielschema passt und gut in Form ist. Die Fußballersprache ist Hebräisch – darauf hat man sich schnell geeinigt. Dreimal die Woche trainiert die U17 im Stadion von Mevasseret.
Die meisten der Nachwuchskicker wollen im kommenden Jahr den Sprung in die erste Mannschaft schaffen, also in die dritte israelische Liga. Seine Ambitionen, einmal in die zweite Liga aufzusteigen, hat der Verein mit dem langen Namen mittlerweile ein wenig hinten angestellt. Aus Angst, mit der Professionalisierung seine Wurzeln, seine Identität zu verlieren. »Uns ist wichtig, dass wir ein arabisch-jüdischer Verein bleiben, mit Spielern, die aus unserer Region kommen. Das zählt viel mehr. Und so gut wie der FC Barcelona werden wir doch sowieso nie«, sagt der jüdische Vereinspräsident Liel lachend.

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