Brüder und Fremde

Elena und Herbert

von Claudia Schade

Sie sind sich nah und manchmal doch unendlich fern. Von 61 auf 727 Mitglieder ist die Dresdner Jüdische Gemeinde gewachsen – in nur 18 Jahren. Die 61 waren alteingesessene Dresdner, die der Stadt nach den Gräueln der Nazizeit treu geblieben sind und sich daran erinnern, wie lebhaft das jüdische Leben vor der Schoa war. Die vielen anderen sind neu hinzugekommen. Sie sprechen eine andere Sprache und pflegen andere Traditionen. Manche von ihnen waren, bevor sie als sogenannte Kontingentflüchtlinge aus der früheren Sowjetunion nach Deutschland kamen, noch nie in einer Synagoge. Aus einer kleinen, fast familiär verbundenen Gemeinschaft ist eine heterogene, schnell wachsende Gemeinde entstan‐ den. Wie aber soll angesichts einer solchen Fremdheit ein lebhaftes Gemeindeleben entstehen? Was macht die Gemeinde aus?
Dieser Frage will eine Ausstellung auf den Grund gehen, die am vergangenen Sonntag im Gemeindesaal der neuen Synagoge eröffnet wurde. Brüder und Fremde heißt sie – der Name ist dem Titel eines Buches von Steven E. Aschheim entlehnt, der das schwierige Verhältnis zwischen osteuropäischen und deutschen Juden im 19. und frühen 20. Jahrhundert beschreibt.
20 Lebensgeschichten hat Sandra Anusiewicz‐Baer in drei Jahren zusammengetragen. Die 33‐jährige Museumspädagogin, selbst Gemeindemitglied, hat sie – sozusagen unter einer Chuppa – vereint. „Es ist wie bei einer Vermählung“, sagt sie. „Viele Menschen kommen und wollen ein gemeinsames Haus einrichten. Dabei bringen sie ihre unterschiedlichen Geschichten ein.“ 20 Menschen haben für dieses Projekt von ihrem Werdegang erzählt, ihrem Verhältnis zum Judentum, ihren Traditionen und dem Verhältnis zu den anderen Gemeindemitgliedern. Es kommen Junge und Alte, Russisch‐ und Deutschsprachige zu Wort. Auf Plastiktafeln hängen ihre Porträts – in Russisch und Deutsch. Auch die Videointer‐
views sind in beiden Sprachen abrufbar.
Einer der Interviewten ist Herbert Lappe. Sein Vater konnte 1939 emigrieren. Er ist 1946 in Großbritannien geboren und lebt seit 1949 in Dresden. „Für mich war es nicht schwierig, mein Leben zu erzählen“, sagt er. „Ich halte ständig Vorträge zu meiner Familiengeschichte.“ Von dem Projekt erhofft er sich Einblicke, wie andere gelebt haben. „Hier treffen sehr unterschiedliche Lebensläufe aufeinander“, sagt er. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es uns in der DDR gut ging. Meine Eltern bekamen als von den Nazis Verfolgte mehr Rente, als ich als promovierter Ingenieur verdient habe. Die Zuwanderer dagegen wurden in ihrer Heimat häufig als Menschen zweiter Klasse behandelt. Sie haben nie Geld erhalten.“ In diesen unterschiedlichen Wegen sieht Herbert Lappe Reibungsflächen.
Elena Tanaeva verweist auf die Außenwirkung, dem zweiten Anliegen der Ausstellung: „Wir sitzen wie in einem Glashaus, und die Dresdner schauen auf uns. Ich möchte aber, dass sie uns wie normale Menschen sehen.“ Die aus St. Petersburg stammende 49‐Jährige half bei der Entwicklung der Ausstellung. Sie ermutigte russischsprachige Mitglieder teilzunehmen, führte einige Interviews und übersetzte. „Sich zu öffnen, ist nicht immer leicht“, berichtet sie. „Ich habe viele Ältere erst gar nicht gefragt, ob sie mitmachen möchten. Sie sind traumatisiert. Im Gespräch wäre alles wieder hochgekommen.“
Anusiewicz‐Baer möchte mit ihrer Ausstellung auch Vorurteilen entgegenwirken und den Dresdnern zeigen, „dass diese gewachsene Gemeinde eine Bereicherung ist. Der individuelle Blick auf die Gemeindemitglieder eröffnet vielleicht eine ganz neue Sicht“, hofft sie. Dass es innerhalb der Gemeinde heftige Diskussionen geben wird, wurde bereits beim Aufbau deutlich. Man stritt über die Auswahl der Personen, warum bestimmte Mitglieder nicht dabei sind und wen nun das schlimmere Schicksal ereilt hat. Wie sagte Herbert Lappe: „Es gibt unter den Juden eine Leidenskonkurrenz.“
Auch Nora Goldenbogen aus dem Gemeindevorstand erwartet viele Diskussionen. „Viele Alteingesessene fühlten sich anfangs in ihrer Minderzahl und in ihrem Wirken für die Dresdner Gemeinde nicht genügend geachtet“, beschreibt sie die noch nicht ganz überwundenen Schwierigkeiten. „Und viele Neuankömmlinge mussten erst lernen, dass die jüdische Gemeinde in erster Linie eine religiöse Institution ist, die keine unrealistischen Wünsche erfüllen kann. Wir sind auf dem Weg, das Ergebnis ist offen.“ Und sie ergänzt: „Die Ausstellung macht mit ihren Mitteln vieles von dieser Entwicklung deutlich. Sie wird unser Gemeindeleben positiv verändern.“

Die Ausstellung „Brüder und Fremde“ ist noch bis zum 18. Mai im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, Am Hasenberg 1, zu sehen.

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