Tridentinische Messe

Eisige Zeiten

von Micha Brumlik

Die Nebel lichten sich. Oder: Wer sich durch den kafkaesken Wust des römischen Kirchenrechts, vatikanischer Erklärungen und apostolischer Sendschreiben, die in ihrer undurchschaubaren Komplexität nichts anderes darstellen als reines Herrschaftswissen, durchgearbeitet hat, wird nun klarer sehen. Doch das, was sich dem Blick bietet, macht frösteln: Die katholische Kirche ist unter der Ägide Papst Benedikts XVI. mit der Wiederzulassung der tridentinischen Messe offiziell zum Antijudaismus zurückgekehrt. An diesem Eindruck ändert weder der Besuch an Gedenkstätten des Holocaust etwas, noch, dass der Papst sich in seinem Jesusbuch wohlwollend mit den Argumenten eines jüdischen Theologen auseinandersetzt, der erklärt, warum er sich Jesus verweigert.
Über eines dürften Katholiken und Juden sich noch einig sein: In Fragen der Glaubenswahrheit kann es keinen Discount, keine Ausnahmen und keine Prozentuierungen geben. Deshalb ist es ganz gleichgültig, dass die tridentinische Messe, zumal ihre Karfreitagsliturgie, nur unter ganz bestimmten, meist erschwerten und unwahrscheinlichen Umständen gefeiert werden kann. In dieser Liturgie werden die Juden zwar nicht mehr als »perfide« bezeichnet, wohl aber als Menschen, denen mit Gottes Hilfe zu wünschen ist, dass der Schleier von ihren Herzen genommen wird. Mit anderen Worten: Sie mögen die Wahrheit des katholischen Glaubens erkennen. Eine Glaubensannahme, in einem Gebet verfestigt – zumal in einer dem Kult so verhafteten Religion wie dem Katholizismus –, gilt oder sie gilt nicht. Im Klartext: Nach wie vor sind die Juden in ihrer Zurückweisung des als Messias und Gottessohn bekannten Jesus so verblendet, dass sie eines Gebets um Erleuchtung bedürfen.
Es hat keinen Zweck, die große Enttäuschung über diese Entscheidung des Papstes zu verhehlen. Das war nach seinem Besuch in der Kölner Synagoge und seinen immer wieder geäußerten positiven Auslassungen über das Judentum in Predigten und Büchern so nicht zu erwarten.
Politisch ist die katholische Kirche eine Art Monarchie. Es gilt das Wort des jeweiligen Herrschers, uneingeschränkt und unangreifbar. Auf diese Vollmacht gestützt hat Benedikt XVI. aus Gründen, über die viel spekuliert wird, dem Antijudaismus seine seit Paul VI. genommene theologische Würde zurückerstattet. Aber vielleicht hätte man es sich ja auch denken können: Einem Kirchenoberhaupt, das letztlich einem platonisch-metaphysischen Wahrheitsbegriff anhängt, dürften Ambivalenzen oder offene Fragen unerträglich sein.
Jüdinnen und Juden, zumal solche, die im Dialog mit der katholischen Kirche stehen, müssen nun ihre Konsequenzen ziehen, ohne (wie die vorsichtigen israelischen Oberrabbiner oder der stets optimis- tische Rabbi David Rosen) auf weitere »Klarstellungen« zu warten. Es kann sie nicht geben, und sie werden nicht kommen. Die Liturgie gilt oder sie gilt nicht. Sie bleibt oder sie wird wieder abgeschafft. Jüdinnen und Juden sollten dennoch wie bisher mit Mitgliedern der katholischen Kirche, mit Laien und Theologen reden, streiten und Gemeinschaft pflegen. Offizielle Kontakte jüdischer Repräsentanten mit der Geistlichkeit sollten jedoch schon allein der Fairness halber unterbleiben, um diese Geistlichkeit nicht in Verlegenheit zu bringen. Zudem: Worüber sollte überhaupt noch geredet werden?
Bald ist wieder Katholikentag, auf dem es seit Jahren den schönen Brauch gibt, eine religiöse Gemeinschaftsfeier mit Priestern und Rabbinern abzuhalten. Derlei scheint – solange diese Karfreitagsliturgie noch gilt – undenkbar. Katholische Teilnehmer würden sich dem Verdacht aus- setzen, missionieren zu wollen. Jüdischen Teilnehmern würde vorgeworfen werden, sich würdelos zu unterwerfen.
Viele – seien es Katholiken, seien es Juden –, die sich seit Jahren mit Herzblut am Dialog beteiligt haben, stehen nun düpiert und mit leeren Händen da. All jene, die jahrelang bemüht waren, die katholische Kirche vom feingeistigen Antijudaismus abzubringen, müssen wohl die Vergeblichkeit ihres Tuns erkennen. Ja, es fröstelt einen. Aber vielleicht wird auch diese Eiszeit einmal enden. Die letzte hat allerdings fast 2.000 Jahre gedauert, das Tauwetter noch keine 50.

Der Autor ist Religionsphilosoph und seit mehr als 20 Jahren aktiv im christlich-jüdischen Dialog.

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026

Holocaust-Gedenken

Wagner und Mendel kritisieren Yad-Vashem-Entscheid

In Deutschland sollen zwei Niederlassungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstehen. Der jüdische Wissenschaftler Meron Mendel und der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, sehen das in Teilen kritisch

 29.05.2026

Reisen

Kein Parkplatz am Ben-Gurion-Flughafen

US-Militärjets blockieren 70 Prozent des Flughafens. Flüge fallen aus, Airlines bleiben weg und kurz vor dem Sommer herrscht große Unsicherheit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Diplomatie

Israels Präsident begrüßt ersten Botschafter Somalilands

Als weltweit erstes Land hatte Israel vor einem halben Jahr die muslimisch geprägte Region im Norden Somalias als unabhängigen Staat anerkannt. Jetzt kommt der erste Botschafter nach Israel

 18.05.2026

Internationaler Strafgerichtshof

Bericht: Geheime internationale Haftbefehle gegen Ben-Gvir und andere

»Haaretz« berichtet über mögliche neue Schritte gegen mehrere israelische Minister und Militärvertreter

von Sabine Brandes  17.05.2026

Stuttgart

Die Vorfreude steigt

Die Jüdische Allgemeine berichtet weiterhin live von der Jewrovision. Die Jugendzentren sind inzwischen nach und nach angekommen, das Madrichim-Team empfängt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort. Die Vorfreude auf die Show steigt!

 15.05.2026

Genf

Döpfner fordert beim World Jewish Congress entschlossenen Kampf gegen Antisemitismus

Mit Blick auf die Hamas-Massaker vom 7. Oktober kritisiert der Springer-Chef die Reaktion: »Unmittelbar nachdem die Bilder der Opfer zu sehen waren, begann die Verharmlosung.«

 12.05.2026

In eigener Sache

Wir suchen Verstärkung

Wir suchen zum 1. Juli 2026 einen Politik-Redakteur (m/w/d) in Vollzeit

 07.05.2026

Jerusalem

Israel fordert von Großbritannien mehr Einsatz gegen Antisemitismus

Nach einem weiteren Terrorangriff auf Juden wirft Jerusalem London vor, die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Präsident Herzog: »Es ist an der Zeit, dass die Welt aufwacht.«

 30.04.2026