Helga Simon

Einmal vor der Kamera

Nicht nur im Gemeindehaus an der Fasanenstraße: Nein, halb Berlin kennt die dienstälteste Profi‐Fotografin Helga Si‐
mon. Sie ist klein und zierlich und fällt doch überall auf. Schätzungen zu ih‐
rer Körpergröße schwanken zwischen 1,38 Meter und 1,48 Meter – was Simon in 55 Berufsjahren selten hindern konnte, auf Hunderten von Events die augenscheinlich besten Bilder zu schießen. Quirlig, energisch, weltoffen – das sind die Markenzeichen jener Grand Dame, die am Sonntag ihren achtzigsten Geburtstag in gebühren‐
dem Blitzlichtgewitter feiern durfte.
Fast eine geschlagene Stunde dauerte die Gratulationscour im Festsaal der Heinz‐Galinski‐Schule, was die Jubilarin sichtlich genoss. Ein buntes Stelldichein von Gemeindeaktiven, Künstlern, Politikern und Berufskollegen, dazu ein leckeres Buffet und muntere Klänge des Swing Klezmer Orchesters von Igor Ginsburg. Ruth Galinski war gekommen, Kantor Isaac Sheffer mit Enkel, der Chansonnier Henry de Winter machte seine Aufwartung, Playboy Rolf S. Eden brachte ein Ständchen und die Chefin des Afrika‐Hilfsvereins „Brücke zu To‐
go“, Essy Agboli‐Gomado, erschien sogar im traditionellen Nationalgewand.
Helga Simon ist eine Wanderin zwischen den Welten, aber ihre Ruhepunkte sind Berliner Freunde und die hiesige Gemeinde. Es hätte in ihrem bewegten Le‐
ben aber auch ganz anders kommen können. 1928 als Tochter des jüdischen Bankbeamten Moritz Simon und der evangelischen Mode‐Boutiquebesitzerin Else Si‐
mon in der Hauptstadt geboren, findet ihre Kindheit durch Nazidiktatur und Ho‐
locaust ein brutales Ende. Ihr Vater, ein hoch dekorierter Kriegsveteran des Ersten Weltkrieges, wird in Auschwitz ermordet. Die Mutter, die ihre „halbjüdische“ Tochter in Ostpreußen noch erfolgreich verstecken kann, stirbt 1945 beim Beschuss eines Flüchtlingstrecks. Traumatisiert und desillusioniert kehrt die jugendliche Vollwaise nach Berlin zurück. In der zerstörten Me‐
tropole lernt sie zunächst Modedesignerin, arbeitet als Krankenschwester im Jüdischen Krankenhaus, doch zu ihrer wirklichen Leidenschaft wird das Fotogra‐
fieren. Bereits gehegte Emigrationspläne in die USA verwirft Helga Simon, nachdem sie dem Vorsitzenden der jüdischen Nachkriegsgemeinde, Heinz Galinski, be‐
gegnet. Galinski nimmt sich Zeit, berät sie väterlich in verschiedensten Lebensfragen und engagiert sie schließlich als Gemeindefotografin. Der jungen Frau wird klar, dass sie hier tatsächlich gebraucht wird und zumindest ein Stück Zuhause findet.
Seit fast sechs Jahrzehnten ist die rüstige Dame mit getönter Brille, mondäner Frisur, großer Haarschleife und manchmal auch der legendären Treppchenleiter – „für alle Fälle“ – nun schon als Kronzeugin des Berliner Gemeindelebens unterwegs. Sie hat alle Vorsitzenden, Kantoren, Rabbiner, zahllose Hochzeiten, Gottesdienste, Geburten, Chanukkabälle und auch Gedenkveranstaltungen über drei Generationen hinweg abgelichtet und bestens archiviert.
Parallel avancierte die Simon zur gefragten Fotografin bei Politik, Unterhaltungskunst und Westberliner Schickeria. Es gelang ihr, die Großen der Großen na‐
hezu „distanzlos“ damals auf Zelluloid und heute auf Chip zu bannen. Kennedy und Clinton, Brandt und Weizsäcker, Bubi Scholz und Zarah Leander, Rolf Eden und Johannes Heesters – kaum jemand konnte ihren Schnappschüssen entwischen. Apropos Heesters: „So alt will ich auch werden“, bekannte die Jubilarin am Sonntag vergnügt. Ganz sicher wird die Kamera da nicht fehlen. Olaf Glöckner

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