In einer idealen Welt sollte die iranische Identität nur einer von vielen Aspekten der Identität meiner Person sein, zumal ich mich kulturell in Europa viel wohler fühle. Aber so ist es nicht. Auch wenn ich mehr als die Hälfte meines Lebens in Deutschland verbracht habe, wird mein Verhältnis zu mir selbst und zur Welt fast immer von dieser iranischen Identität bestimmt. Sie lässt mich nicht los.
Das liegt natürlich in erster Linie an meiner psychischen Prägung, die im Iran entstanden ist. Es liegt aber auch daran, dass der Iran seit fast 50 Jahren, also seit der Revolution, ein Dauerthema ist – und das nicht nur in den Nachrichten. Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht: Wenn ich auf die Frage »Woher kommst du?« mit »Aus dem Iran« antworte, entsteht bei meinem Gegenüber eine gewisse Unsicherheit. Oft liegt sogar eine Art Mitleid in der Luft, das man aber nicht offen zeigen möchte. Dann versuche ich, die positiven Aspekte des Iranischseins hervorzuheben, um zu signalisieren, dass es ja auch nicht so schlimm sei – obwohl ich weiß, dass es eigentlich traurig ist.
Und es ist tatsächlich sehr traurig: eine gewalttätige Revolution, ein achtjähriger Krieg, der meine gesamte Kindheit geprägt hat, und eine Islamische Republik – oder besser gesagt eine Diktatur. Jedes dieser Ereignisse allein hätte das Leben eines Landes erschüttert. Die Iraner haben alle drei Katastrophen gleichzeitig erlebt.
Diesmal bin ich zuversichtlich
Und damit kommen wir zu einer weiteren, der aktuellen Katastrophe. Nachdem das Regime noch vor zwei Monaten mehrere Zehntausend unschuldige Menschen auf den Straßen brutal unterdrückt und getötet hat, führt es nun einen Krieg, der die gesamte Region bedroht. Und doch bin ich diesmal zuversichtlich. Diese Katastrophe könnte der letzte Akt einer fast 50 Jahre währenden Tragödie sein.
Ich bin von Natur aus ein optimistischer Mensch. Wenn es jedoch um den Iran ging, war ich lange skeptisch – und bin es zum Teil noch. Aber diesmal bin ich hoffnungsvoller. Und das hat einen Grund.
Dieser Grund heißt Israel – oder genauer: die iranisch-israelische Freundschaft.
Als ich vor rund 15 Jahren die Idee hatte, ein Ensemble mit iranischen und israelischen Musikern zu gründen, konnte ich nicht ahnen, dass diese Verbundenheit einmal zu einem globalen Phänomen werden würde. Wenn ich heute Fotos und Videos von Demonstrationen sehe, auf denen iranische und israelische Flaggen nebeneinander getragen werden, wenn ich erlebe, wie Iraner und Israelis weltweit ihre Solidarität miteinander zeigen und gemeinsam feiern, dann gibt mir das Mut.
Natürlich mache ich mir Sorgen um meine Familie im Iran und um den Ausgang dieses Krieges, aber dieser Krieg wurde den Iranern vom Regime aufgezwungen. Seit Jahrzehnten rufen die Machthaber »Tod Israel« und drohen mit dessen Vernichtung. Die Iraner selbst aber wollten nie den Tod der Israelis – oder irgendeines anderen Volkes.
Die iranisch-israelische Verbundenheit zeigt etwas anderes: den unbedingten Willen zum Leben. Sie zeigt, dass hier niemand die Existenz des anderen negieren will. Gemeinsam können sie den islamistischen Todeskult überwinden – und hoffentlich bald gemeinsam friedlich leben. Einfach leben.