Ron Leshem

„Eine Luftblase“

Herr Leshem, der Zionist Nachum Goldmann hat einmal gesagt, er könne nie in Tel Aviv leben, weil er dort niemals seine Frau betrügen könne, ohne dass sie es sofort erfahren würde.
leshem: Eine meiner beiden Großmütter, eine gebürtige Ungarin, kam Ende der 20er‐Jahre aus Frankreich nach Tel Aviv. Und sie heiratete dort. Doch dann hat sie sich in einen jüngeren Mann verliebt. Und in dem Augenblick als ihre Affäre begann, beschäftigte sich ganz Tel Aviv mit dieser Geschichte! Deswegen musste sie mit ihrem Liebhaber, der mein Großvater werden sollte, nach Frankreich flüchten, es war völlig unmöglich für die beiden in Tel Aviv zu bleiben. Zumindest damals gab es keinen Ort auf der Welt, wo der Tratsch so heftig blühte wie in Tel Aviv.

Wohnen Sie auch in der Stadt?
leshem: Nein, ich wohne fünf Minuten Fahrzeit entfernt, in Ramat‐Gan. Ich bin der einzige Mensch, den ich kenne, der nicht im Zentrum von Tel Aviv wohnt.

Warum?
leshem: Ich leide an Klaustrophobie. Das bedeutet, ich brauche Bäume, Erde, ein eigenes Haus. Tel Aviv schnürt mir die Luft ab. Außerdem ist es fast unmöglich, dort einen Parkplatz zu finden.
Wie würden Sie Tel Aviv beschreiben?
leshem: Wenn Israel ein riesiges Irrenhaus ist, dann ist Tel Aviv darin der einzige Ort, an dem man ein normales, ruhiges, westlich‐liberales Leben führen kann. Aber dieser ge‐
sunde Eindruck ist nur oberflächlich. Es ist ja schon ein Klischee, wenn man das sagt, aber Tel Aviv ist wirklich eine Luftblase. Die Leute leben in dieser kleinen, geschlossenen Welt und weigern sich diese zu verlassen.

Weil Sie verdrängen wollen, was draußen passiert?
leshem: So ist es. Seit dem Ausbruch der zweiten Intifada, hat die junge Generation, vor allem in Tel Aviv den Glauben an eine Lösung des Konflikts verloren. Und so sitzen jeden Abend Tausende von jungen Leuten in den Tel Aviver Cafés und 20 Minuten Fahrtzeit entfernt fallen die Kassamraketen. Jede Nacht! Davon lesen diese Café‐Besucher zwar in der Zeitung, aber doch lassen sie die Probleme nicht an sich heran. Das Elend in Gasa blenden sie genauso aus wie das Elend in den israelischen Städten, wo die Raketen fallen. Sie sind überzeugt, dass sie daran ja doch nichts ändern können. Also wählen sie den Weg, der nach ihrer Meinung der gesündeste ist: Sie verdrängen. Sie machen sich vor, dass sie in der Schweiz leben. Aber diese Haltung ist nicht gesund, sondern eher traurig.

In Tel Aviv flüchtet man nicht nur vor der Realität, man gewährt auch Zuflucht.
leshem: Tel Aviv ist heute zweifellos eine der liberalsten Städte der Welt. Der größte Außenseiter fühlt sich dort akzeptiert. Und deswegen verfügt Tel Aviv über sehr viel
Charme. Zum Beispiel hat sich Tel Aviv – da der Rest des Landes ja eher konservativ ge‐
prägt ist – auf ganz natürliche Weise zum Anziehungspunkt für Homosexuelle entwi.
ckelt. Überall sieht man gleichgeschlechtliche Paare Händchen haltend über die Straßen flanieren. Und so flüchten auch viele palästinensische Homosexuelle nach Tel Aviv, die zu Hause wegen ihrer sexuellen Ausrichtung ja oft vom Tod bedroht sind. Und sie werden von den Tel Avivern sehr gut aufgenommen. Ja, Tel Aviv ist so eine Art Zufluchtsraum.

Kann man sagen, dass sich im toleranten, europäisch geprägten Tel Aviv der zionistische Traum der Gründergeneration verwirklicht hat?
leshem: Vielleicht ist Tel Aviv der Wirklichkeit gewordene Traum der Zionisten, aber Tel Aviv ist nicht Israel! Das wirkliche Israel, das findet man in Afula, in Netanja, Chadera, in jenen Orten, wo man all die Einwanderer aus den arabischen Ländern und aus Russland und Äthiopien angesiedelt hat. Dort ist das wirkliche Israel. Tel Aviv ist, naja, … eine Luftblase.

Wie funktioniert Ihrer Ansicht nach das Zusammenleben zwischen Juden und Arabern im Großraum Tel Aviv‐Yaffo?
leshem: Damals, während der zweiten Intifada, gab es in Yaffo Unruhen. Es gab Demons‐trationen, es flogen Steine, und da waren ein paar Tage, wo es wirklich zu gefährlich war, dorthin zu fahren. Aber im Allgemeinen gibt es tatsächlich eine Art gut funktionierender Koexistenz. Das beginnt bei den Geschäftsleuten und setzt sich auf allen Ebenen fort – bis zu den Ganoven und Gangstern.

Das Gespräch führte Christian Buckard.

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