Haifa

»Eine Geisterstadt«

Kommenden Monat erscheint das neue Album Unarmed and Dazed der in Berlin lebenden israelischen Jazzsängerin Efrat Alony. Vor den beginnenden Tourstrapazen wollte die Musikerin drei Wochen bei ihrer Familie in Haifa Kraft tanken. Dort erwischte sie der Krieg. Kurz nach ihrer Rückkehr berichtete sie Jonathan Scheiner von ihren Erlebnissen.

Wie sieht es in Haifa zur Zeit aus?
alony: In der ersten Zeit war es gespenstisch. Haifa war eine Geisterstadt. Alle Lä-den und Cafes hatten geschlossen. Alle standen unter Schock, weil keiner eine derartig schnelle Eskalation der Situation vorhersehen konnte. Man muß sich das vorstellen, selbst der Strand war leer, obwohl gerade Urlaubszeit ist.

Wie haben Sie die Tage verbracht?
alony: Ich war unter Schock. Die Situation war nicht einzuschätzen. Es war wie im Gefängnis. Ich habe die Tage entweder vor dem Fernseher oder im Keller verbracht. Zehnmal am Tag gingen die Sirenen. In Haifa hast Du anderthalb Minuten Zeit, um in den Keller zu kommen, was in einem einstöckigen Haus gut zu schaffen ist. Im Laufe der Zeit bin ich abgebrüht geworden, weil sich gezeigt hat, daß die Raketen eher auf der Nordhälfte des Hafenbeckens einschlagen. Das Haus meiner Mutter liegt aber im Süden, Richtung Tel Aviv. Und es liegt hinter einem Berg. Wir sind dann nur noch in das Schlafzimmer gegangen, das im Souterrain liegt. Dort fühlten wir uns sicher.

Also gar keine Angst vor Katjuschas?
alony: Rund einen Kilometer von dem Haus meiner Mutter ist eine Rakete runtergekommen. Aber man muß sich doch vor Augen halten, daß seit Beginn der Kampfhandlung etwa 2500 Raketen eingeschlagen haben. Gemessen an dieser Menge ist doch relativ wenig Schaden angerichtet worden.
Die meisten Israelis befürworten den Krieg gegen die Hisbollah. Sie auch?
alony: Es ist ein berechtigter Existenzkampf, daran gibt es kein Zweifel. Und trotzdem frage ich mich, was mit dem Libanon wird. Wenn ich mir vorstelle, daß eine so wunderschöne Stadt wie Beirut, die sich gerade erst wieder erholt hat, erneut zerstört wird, dann frage ich mich schon, ob Israels Antwort wirklich die richtige ist. Es ist doch keine Lösung, ein anderes Land zu zerstören.

Gilt eine solche Haltung in Israel nicht als unpatriotisch?
alony: Anfangs wurden alle, die sich derart geäußert haben, als Nestbeschmutzer beschimpft. Aber inzwischen hat sich die Situation ein wenig verändert, weil sich viele Leute an die Dauer des letzten Libanon-Krieges erinnern. Die kritischen Stimmen werden lauter. Ich selber kann beide Seiten verstehen. Vielleicht liegt es daran, daß man sich außerhalb Israels doch noch eine andere Perspektive leisten kann.

Kommentar

Mit dem Kreuz gegen religiöse Vielfalt

Wie das neue Humboldt-Forum zu einem Symbol Berliner Intoleranz wird

von Andreas Nachama  28.05.2020

USA

Machanot trotz Corona

In Neuengland öffnet ein Sommercamp mit besonderen Schutzmaßnahmen

 19.05.2020

Corona-Krise

Fortschritte im Dialog der Religionen

Europäische Rabbinerkonferenz: Gemeinsame Herausforderungen lösen neue Dynamik aus

 14.05.2020

Extremismus

Zentralrat der Juden warnt vor Zunahme von Verschwörungstheorien

Proteste gegen Corona-Beschränkungen locken auch Hassprediger an. Viele sehen darin eine Gefahr

 10.05.2020

Israel

Maskenpflicht verhängt

Coronavirus: Gesundheitsministerium verschärft Vorschriften. Jerusalemer Stadtviertel abgeriegelt

 12.04.2020

London

Kandidaten für den Labour-Vorsitz stellen sich vor

Bewerber beantworten Fragen zu Antisemitismus und zur Ausrichtung der Partei

von Daniel Zylbersztajn  14.02.2020

Thüringen

»Definitiv ein Dammbruch«

Zentralratspräsident Schuster zur Ministerpräsidentenwahl: »Diese Einfallstore müssen wir wieder schließen«

 11.02.2020

Diplomatie

Knatsch zwischen Brüssel und Jerusalem

Israel wirft Belgien systematische Kampagne im UN-Sicherheitsrat gegen den jüdischen Staat vor

von Michael Thaidigsmann  07.02.2020

»Markus Lanz«

Atze Schröder bittet um Verzeihung

Komiker entschuldigt sich bei Schoa-Überlebender Eva Szepesi für Nazi-Verbrechen seines Vaters

 07.02.2020