Juden und Identität

Eine Frage der Identität

von Jonathan Rosenblum

Oft schon wurde beklagt, wie sehr sich die jüngeren nichtorthodoxen amerikanischen Juden von Israel entfremdet hätten – das belegte auch kürzlich in aller Ausführlichkeit eine Studie der Soziologen Stephen M. Cohen und Ari Kelman. Ihr Befund bestätigt eine Vielzahl von Ergebnissen sozialwissenschaftlicher Untersuchungen, die das rapide schwindende Gefühl, ein Volk zu sein, und den wach- senden Unwillen, eine besondere Verantwortung für andere Juden zu bejahen, unter amerikanischen Juden zum Thema haben.
Es hat Versuche einer optimistischen Interpretation dieser Ergebnisse gegeben. Auch wenn das Gefühl für eine jüdische Identität im ethnischen Sinne stark zu-
rückgegangen sei, so wurde argumentiert, sei die Zahl der religiös lebenden Juden konstant geblieben und wachse vielleicht sogar. Leider bietet eine solche Interpretation wenig Trost. Was immer auch für ein religiöses Leben spricht, das die gegenseitige Verantwortung von Juden füreinander herunterspielt: Judentum ist es nicht.
Lawrence Hoffman, Professor für Liturgie am Hebrew Union College, sagt über den neuen Reform-Siddur, es berücksichtige die Tatsache »dass immer mehr Menschen Wert legen auf den persönlichen Glauben im Gegensatz zur Religion eines Volkes – die Suche des Einzelnen nach dem Göttlichen ...«
Diese Betonung des subjektiven Erlebens der Gläubigen als ausschließlicher Maßstab für die Gültigkeit religiöser Rituale ist dem deutschen Protestantismus des 18. Jahrhunderts entliehen. Doch gibt es wesentlich ältere Vorläufer. Die Quintessenz des heidnischen Rituals, stellte Rabbi Yosef Ber Soloveitchik fest, besteht darin, dass es Sinn allein durch die emotionale Wirkung, die es auf den das Ritual Erlebenden ausübt, erlangt.
Im jüdischen Denken, fährt Rabbi Soloveitchik fort, ist das objektive Gebot das Wichtigste, nicht die subjektiven Gefühle stehen im Vordergrund. Das Wort Mizwa, Gebot, ist aus der Wurzel, die Verbindung bedeutet, abgeleitet. Kurz: Der Wesenskern des Gebots ist die Verbindung, die zwischen demjenigen, der das Gebot ausführt, und Gott, der gebietet, hergestellt wird. Freude ist ein Nebenprodukt und nicht das Ziel der korrekten Ausführung des göttlichen Willens.
Kein jüdischer Begriff hat im Verlauf der Jahrtausende so große Anfeindung hervorgebracht und löst bei modernen Juden so viel Unbehagen aus wie der Begriff der Auserwähltheit; eine Auserwähltheit, die sich in der Idee der jüdischen Nation ausdrückt. Auf einem 1996 vom Monatsmagazin Commentary veranstalteten Symposium über den Zustand des jüdischen Glaubens in den Vereinigten Staaten war fast kein nichtorthodoxer Theologe zu einer bedingungslosen Bejahung des Gedankens, die Juden seien das auserwählte Volk Gottes, bereit. Aber was sollen wir machen – die Tora kommt immer wieder auf diesen Grundsatz zurück. Wenn wir aus der Tora vorlesen, segnen wir Gott als den »Einen, der uns aus allen Nationen auserkoren hat«. Die Tora schildert uns als »ein Königreich der Priester, eine heilige Nation« und wiederholt als »die geliebte Nation« Gottes.
Im Kuzari schreibt Rabbi Jehuda Halevi, die Juden seien einzigartig unter den monotheistischen Religionen, denn die Offenbarung fand vor einem ganzen Volk statt und wurde nicht einem einzelnen Propheten zuteil. Der Unterschied betrifft nicht nur die Offenbarung. In den anderen Religionen legt der einsame Prophet die Glaubensgrundlagen fest; und diejenigen, die diese Grundlagen annehmen, werden Mitglieder der Glaubensgemeinschaft. Im Judentum hingegen wird beschrieben, wie ein ganzes Volk einen Bund mit Gott schließt. Es ist ein Bund mit einer ganzen Nation.
Mit Seiner Offenbarung an ein ganzes Volk übertrug Gott dieser Nation eine ge-
meinsame Aufgabe, die für jedes einzelne Mitglied verpflichtend ist. Diese Aufgabe besteht in nichts Geringerem, als der Welt Gottes Existenz zu verkünden. Manchmal erfüllen wir diese Aufgabe durch unser Tun und manchmal durch das, was wir erleiden. Rabbi Samson Raphael Hirsch betonte, Gott offenbare sich in der Geschichte in erster Linie durch das Schicksal des jüdischen Volkes.
Die Aufgabe ist eine universelle; doch sie beginnt mit einem bestimmten Volk. Nur indem wir unter uns eine ideale Gesellschaft schaffen, können wir der Welt zeigen, wie eine Gesellschaft, die auf einer Beziehung zu Gott beruht, aussehen könnte. Natürlich beschreibe ich hier ein Ideal, das in keiner jüdischen Gesellschaft existiert.
Da die Aufgabe eine nationale Aufgabe ist, bekräftigt die Halacha immer wieder die gegenseitige Verantwortung, die das Verhältnis von Juden als Bürger einer einzigen Nation prägen muss. Daher ist es verboten, einem jüdischen Mitbürger Geld zu leihen – obwohl die Logik allein ein Zinsverbot nicht vorschreibt, so wenig, wie sie es verbietet, jemandem seinen Esel zu vermieten. Ebenso legt die Halacha im Fall von verlorenen Gegenständen unterschiedliche Pflichten auf, je nachdem ob sie einem jüdischen Mitbruder oder einem Nichtjuden gehören. Der Grund in beiden Fällen: der Jude ist »dein Bruder«. Ich kann Kiddusch für einen anderen Juden sprechen, der nicht weiß, wie man es macht, auch wenn ich meine Verpflichtung bereits erfüllt habe. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, dass kein Jude seine Verpflichtung erfüllt hat, bis alle Juden sie erfüllt haben.
Im christlichen Denken – und auch für die meisten modernen Juden – hat die Idee einer besonderen Liebe für die jüdischen Schwestern und Brüder etwas Niedriges. Viel höher gilt den meisten die universelle Liebe zur gesamten Menschheit. Nach der jüdischen Auffassung hingegen ist es ausschließlich die Liebe zum Einzelnen, durch die wir lernen, andere in unsere Fürsorge und Anteilnahme einzubeziehen. Diejenigen, die behaupten, sie liebten alle Menschen gleichermaßen, enden gewöhnlich so, wie es auf dem bekannten Autoaufkleber heißt: »Ich liebe die Menschheit. Es sind die Menschen, die ich nicht ausstehen kann.«
Dieser Unterschied in der Sichtweise, argumentiert Rabbi Meir Soloveitchik in der neuesten Ausgabe des Commentary, erklärt auch, warum das Judentum, im Gegensatz zum Christentum, das Ideal des Zölibats ablehnt. Die besondere Liebe zu Frau und Kindern beeinträchtigt die höhere, universelle Liebe keineswegs. Laut der Tora ist gerade diese besondere Liebe die notwendige Bedingung für die Entwicklung einer allumfassenden Liebe. Ein Hohepriester ohne Ehefrau konnte den Jom-Kippur-Gottesdienst nicht durchführen.
Wenn Juden das Gefühl für die gegenseitige Abhängigkeit voneinander verlieren und damit für die Pflichten, die die gegenseitige Verantwortung mit sich bringt, geht etwas verloren, das weit über ethnische Identität hinausgeht. Diese ethnische Identität selbst ist nichts anderes als die abgeschwächte Essenz dessen, was es heißt, Jude zu sein – Bürger jener Nation zu sein, die einen göttlichen Auftrag hat.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von www.jewishmediaresources.com

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