Ronald S. Lauder

Ein Wiener in New York

von Eva C. Schweitzer

Ronald S. Lauders Büro befindet sich in einem der oberen Stockwerke des General Motors Building an der New Yorker Fifth Avenue. Der Raum ist mit einem massiven dunklen Art‐Deco‐Schreibtisch ausgestattet, es gibt Bauhaustelefone, der Teppich ist grau mit geometrischen Mustern. Alles sieht aus wie in einer österreichisch‐ungarischen Bank kurz nach der Jahrhundertwende. Tatsächlich kommen die Möbel von der alten Postbank in Wien. Lauder hat sie vor ein paar Jahren von einem Kunsthändler erworben. Sie passen gut zu dem gravitätisch wirkenden, silberhaarigen 63‐Jährigen, der selbst in der Wüste Israels in maß‐ gefertigtem Anzug und Krawatte auftritt.
Der Milliardär und Kosmetikerbe – seine Mutter schuf das Haus Estée Lauder – ist im Herzen ein Wiener Jude aus den Zeiten von Sigmund Freud, Gustav Mahler und Egon Schiele. Er spricht deutsch, besitzt die größte expressionistische Kunstsammlung dieser Epoche, verbrachte seine Ferien schon als Teenager im habsburgischen Reich und war Botschafter in Wien, als Kurt Waldheim Bundespräsident wurde. Jetzt hat Lauder einen neuen, nicht weniger brisanten Job: Am Sonntag wurde er zum neuen Präsidenten des World Jewish Congress (WJC) gewählt, mit einer überwältigenden Mehrheit von 59 Stimmen gegen 17. Es ist ein Neuanfang – unter veränderten politischen Vorzeichen. Denn Lauder ist kein Clinton‐Demokrat wie sein Vorgänger Edgar Bronfman, der den WJC fast drei Jahrzehnte lang regierte. Er ist ein Reagan‐Republikaner rechts von New Yorks früherem Law‐and‐Order‐Bürgermeister Rudy Giuliani. Mit Lauder als neuem starken Mann hoffen nun viele, dass sich der WJC nach den zahllosen Streitigkeiten endlich wichtigen Probleme widmet, zum Beispiel der Bedrohung Israels durch den Iran.
Lauder ist nicht nur ein Wiener im Herzen, er ist auch ein Familienmensch. Die wichtigste Figur in seinem Leben ist seine verstorbene Mutter Estée. Sie war die Tochter eines armen tschechisch‐ungarischen Einwandererpaares und baute ihr Imperium auf, indem sie nachts zu Hause Cremetöpfe anrührte. Ihr erster Sohn Leonard ist heute Chairman des Konzerns, Ronald, der jüngere, steht dem Label Clinique vor, ist aber ins Tagesgeschäft nicht involviert. Der Vater zweier Töchter, der im Haus seiner Mutter an der Upper East Side lebt –eine alte Stadtvilla des Bankiers Arthur Lehmann, eingerichtet wie ein Museum –, interessierte sich schon früh mehr für Kunst. Mit 16 Jahren erwarb er sein erstes wertvolles Gemälde, einen van Gogh für 100.000 Dollar. Heute ist das Bild acht Millionen Dollar wert. Auch Flüchtlingen aus Nazi‐Deutschland kaufte er Bilder ab: „Die brachten mit, was sie tragen konnten, und damals sammelte niemand deutsche Kunst“, sagte er einmal der Zeitschrift „New Yorker“.
Lauder studierte in Paris und Brüssel. 1984 machte er seinen ersten Ausflug in die Politik. Er wurde Berater für das Pentagon, wo er sich mit dem späteren Außenminister Colin Powell anfreundete, mit dem er Ausflüge nach Berlin machte. Zwei Jahre später vermittelte ihm seine Mutter, die Nancy Reagan gut kannte, seinen Traumjob: Botschafter in Wien. Aber nach 18 Monaten gab er auf. Er sah sich in Wien viel mit Antisemitismus konfrontiert, die Österreicher mokierten sich über seine Leibwächter und warfen ihm vor, widerrechtlich Bilder zu exportieren (was nie bewiesen wurde).
Dennoch fand der Kunstmäzen, der früher als Weihnachtsmann für seine Kinder aufgetreten war, hier seine jüdischen Wurzeln. 1987 gründete er die Ronald S. Lauder Foundation, die heute jüdische Schulen in 16 Ländern Osteuropas unterstützt, in Berlin gibt es das Jüdische Lehrhaus in der Rykestraße im Bezirk Prenzlauer Berg. Lauder engagiert sich zudem bei zahllosen jüdischen Organisationen, darunter dem Jewish National Fund, dem American Jewish Joint Distribution Committee, der Anti‐Defamation League Foundation und der Brandeis University. Auch bei Yad Vashem und dem Tel Aviv Museum ist er Mitglied, beim Jewish Heritage Program, das Synagogen renoviert, amtiert Lauder als Chairman.
Von Wien ging er nach New York zurück, blieb aber in der Politik. 1989 kandidierte Lauder als Bürgermeister gegen Giuliani, sein Verbündeter war der umstrittene republikanische Senator Al D’Amato. Lauder attackierte Giuliani unerbittlich. So warf er ihm vor, dass Staatsanwälte einen Auschwitz‐Überlebenden in eine Zelle gesperrt hätten, in der auf einer Tafel „Arbeit macht frei“ gestanden habe. Der Vorwurf stimmte, aber Giuliani hatte damit nichts zu tun. Lauder unterstellte seinem Kontrahenten auch, gemeinsame Sache mit Panamas Diktator Manuel Noriega zu machen. Der Wahlkampf war so schmutzig, dass Lauders Kampagnenchef Roger Ailes, heute Chef von Fox News, das Handtuch warf. Lauder gab 14 Millionen Dollar aus und bekam 9.000 Stimmen.
Danach widmete er sich wieder der Kunst und wurde Präsident des renommierten Museum of Modern Art. 2001 eröffnete er sein eigenes Museum: die Neue Galerie an der Fifth Avenue, beheimatet in der früheren Stadtvilla der Vanderbilts, Eisenbahnbarone des 19. Jahhunderts. Hier stellt Lauder seine Sammlung deutscher und österreichischer Kunst aus. Im Auftrag der US‐Regierung kümmerte er sich auch um die Rückgabe von Raubkunst aus Museen. Das brachte ihm bisweilen Ärger ein. Die liberale jüdische Wochenzeitung Forward, die seine Wahl als WJC‐Präsident nicht unterstützt hatte, warf ihm einmal vor, dass das Museum of Modern Art und die Neue Galerie Raubkunst aus der NS‐Zeit beherbergten.
Wichtiger dürfte allerdings sein, ob mit Lauder beim WJC eine politische Kehrtwende einsetzt. Denn der Republikaner steht dem Likud nahe, ist mit Benjamin Netanjahu befreundet, der womöglich ein Comeback plant, und hat sich für den israelischen Schutzwall ausgesprochen. Als spirituelles Vorbild bezeichnete er im „New Yorker“ den verstorbenen Rabbiner Menachem Schneerson. Der orthodox‐chassidische Rebbe rief Israel beim Sechstagekrieg dazu auf, auch Syrien und Ägypten zu besetzen und stand immer für eine harte Linie gegen die Araber.
Mit Lauder folgt der WJC einem Trend: In vielen jüdischen Organisationen der USA setzen sich Republikaner durch; das gilt auch für den wichtigsten Dachverband, die „Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations“. Auch dort war Lauder Präsident. Das könnte womöglich die politische Ausrichtung des World Jewish Congress verändern. Den Demokraten, die den Anwaltsverbänden politisch nahestehen, waren bisher die Kämpfe für Entschädigungen am wichtigsten, den Republikanern liegt ein starkes Israel am Herzen. Die Frage ist nur: Wie viel Einfluss behält der World Jewish Congress, wenn der nächste US‐Präsident ein Demokrat ist oder Rudy Giuliani heißt?

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