John Axelrod f

Ein populärer Klassiker

Von Ilka Hillger

So muss der Start in eine musikalische Karriere aussehen. Ein schwarzes Kindermädchen nimmt ihren dreijährigen Schützling, einen kleinen jüdischen Jungen, mit in eine baptistische Kirche. Dort, im texanischen Houston, sitzt der Knabe auf den Knien ihres Mannes vorm Klavier, und Gospels schwirren um seine Ohren. Als er später selbst in die Tasten greift, spielt der Junge – noch vor Bach und all den Klassikern – in erster Linie Blues und Jazz. Und noch heute, Jahre später, fühlt er sich im Populären genauso zu Hause wie in der Klassik: John Axelrod ist Chef des Luzerner Sinfonieorchesters. Er leitet seit acht Jahren die Sinfonietta Cracovia in Polen, ist Ehrendirigent des texanischen OrchestraX und oft gebuchter Gast, beispielsweise beim Gewandhausorchester Leipzig, beim Chicago Symphony Orchestra oder jüngst bei den Dresdner Philharmonikern.
John Axelrod: ein Dirigent auf Reisen mit (derzeit) festem Wohnsitz Schweiz. Ein Land, von dem er kaum etwas wusste, als er vor vier Jahren die Stelle des Chefdirigenten antrat. Da hatte der Amerikaner, gerade 36 Jahre alt, bereits eine ganze Reihe von Karrieren hinter sich.
Die Collegejahre sind gute Jahre. 1988 macht John Axelrod an der Bostoner Harvard University seinen Abschluss als Bachelor of Music. Ein Jahr zuvor wurde seine Collegeband „Rhythm Method“ zur besten der USA gewählt. John Axelrod ist ein klein wenig berühmt. Aber zu diesem Zeitpunkt ist auch das Jahr 1982 ein wenig vergessen. Da arbeitete Leonard Bernstein in Houston, bereitete in der Heimatstadt des jungen Texaners die Première „A Quiet Place“ vor. John Axelrod ist mit dabei, der berühmte Dirigent gibt ihm Unterricht. „Bernstein sagte damals zu meinen Eltern: ‚Der Junge ist ein Dirigent. Er liebt es, Menschen zu führen.‘“ Dass John Axelrod dies nicht so recht glauben wollte, hat ihm einige Umwege beschert und lässt ihn nun einen gewaltigen Zahn zulegen, um Jahre aufzuholen, die spannend waren, von denen er aber sagt: „Ich habe zwölf Jahre meiner Musik verloren.«
Dazu kam es ganz klassisch mit einer gewissen Ratlosigkeit nach dem Abschluss und dem Zufall, der ihn in die Manager‐Etagen des Musikkonzerns BMG führte. Sechs Jahre ist er dort eine Art Talentscout. Marc Cohn hat er entdeckt, in einer Kneipe. Weil das lange her ist und Cohn vor allem mit einem Hit bekannt wurde, fängt Axelrod während des Gesprächs an zu singen:

„Walking in Memphis“, summt er, mit einem Glas Früchtetee zwischen den Händen, vor sich hin und nennt im nächsten Atemzug mit gelassener Selbstverständlichkeit Musiker wie Tori Amos, Bruce Hornsby und die Smashing Pumpkins, deren Karrieren er vorantrieb. Die eigene freilich stagnierte. „Musik war nur noch Geschäft, ich war nicht mehr selbst kreativ und an einem Tiefpunkt meines Lebens angekommen.“
Auch als Direktor des Robert Mondavi Wine & Foodcenter wurde die Situation für Axelrod nicht besser. „Das Gastrobusiness war nicht anders als das Rockbusiness.“ Sechs, sieben Kilo nahm er zu (von denen man heute längst nichts mehr sieht), lebte nicht gesund, war 28 und stellte sich die eine Frage: „Was mache ich mit meinem Leben?“ Gleich gefolgt vom Eingeständnis: „Ich vermisse meine Musik.“ Seine Musik, das war die Klassik. Also komponiert er erst einmal eine ganz kleine Oper. Um ganz den Weg zurückzufinden, bedurfte es allerdings einer Nacht im Nappa Valley. Die war so dunkel und voll absoluter Stille, dass der junge Amerikaner den Wagen stoppte und innehielt. Im spirituellen Sinne habe er, der amerikanische Jude, in diesem Moment Gott gefunden. Als er, wieder im Auto, das Radio anmacht, wird Richard Wagners „Tristan“ gespielt, ein Stück, das er schon den ganzen Tag im Kopf hatte. Nun weiß er, dass er sein Leben ändern muss, schmeißt alles hin und wird Dirigent.
Eine richtige Entscheidung. Publikum und Orchester lieben den charismatischen Amerikaner gleichermaßen. Jugendlich forsch tritt er auf und legt eine Herzlichkeit an den Tag, die so gar nicht an die oft monierte Oberflächlichkeit der Amerikaner denken lässt. Seine Beliebtheit mag auch an den vielen unkonventionellen Ansichten des John Axelrod liegen, der ein Orchester in erster Linie als Dienstleister begreift und sich selbst nur als den Vermittler zwischen Bühne und Zuschauersaal. „Ich bin wie ein Filter für die Energie an solch einem Konzertabend“, sagt er. „Liebe und Energie zwischen den Musikern und dem Publikum werden durch mich transportiert. Like Swing, like a Metronom. Und ich bin in der Mitte.“ Bei John Axelrod, der, zumeist ganz in Schwarz gekleidet, gerne auch das Image des Künstlers pflegt,

erscheint vieles erfrischend unkompliziert. Nicht umsonst vergleicht er ein Orchester im Frack mit einem Priester in der Kirche und meint: „Wir sind keine heiligen Botschafter der Musik.“
Ein Botschafter in vielerlei anderer Hinsicht ist der Chef des Luzerner Sinfonieorchesters freilich doch. Dafür spricht sein Repertoire ebenso wie die Zusammenarbeit mit verschiedenen Klangkörpern. Gerade erst ist eine CD erschienen. „Kaddish“ heißt sie und stellt neben das titelgebende Werk von Bernstein das „Berliner Requiem“ Kurt Weills und Arnold Schönbergs Melodram „Ein Überlebender aus Warschau“. Eingespielt hat Axelrod die CD mit dem Berliner Rundfunkchor, seinem Luzerner Orchester und mit Solisten. Sucht man den Dirigenten und dessen Arbeit nicht zwischen den CD‐Regalen der Klassikabteilung, so stößt man auf der Internetplattform YouTube schnell auf Filme, die von seiner Arbeit zeugen, die er mit dem Begriff „Versöhnung“ verknüpft.
Vor drei Jahren dirigierte John Axelrod ein Konzert mit der Sinfonietta Cracovia im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz. 60 Jahre nach Kriegsende war das Orchester das erste, das dort spielte. Die dabei entstandene BBC‐Produktion im Gedenken an den Holocaust gewann vor zwei Jahren den International Emmy Award. Wie kaum ein anderer junger Dirigent setzt John Axelrod sich „mit der Musik zwischen den Kriegen“ auseinander. „Das ist für mich die wichtigste Zeit“, sagt er und nennt die Komponisten Kurt Weill, Arnold Schönberg, Franz Schreker, Ernst Krenek und Viktor Ullmann – allesamt Künstler einer von den Nationalsozialisten verfemten und verfolgten Generation. Wenn Axelrod deren Werke in Polen, Deutschland, der Schweiz und den USA aufführt, sieht er die klassische Musik als Mittel der Versöhnung zwischen den Kulturen. „Musik kann ausdrücken, was Worte nicht sagen können.“ Da sieht er sich dann als Botschafter und träumt von einem Orchester der Vereinten Nationen.
Das kommt nicht von ungefähr. Die multikulturelle Vielseitigkeit lebt Axelrod vor. Der Urgroßvater stammt aus Ostpreußen, die Verwandtschaft der Mutter aus dem Sächsischen, nach Amerika gingen die Vorfahren noch vor dem Ersten Weltkrieg. „Ich lebe nicht jüdisch, aber wenn ich die Musik jüdischer Komponisten dirigiere, dann ist das für mich Spiritualität.“ Ganz wichtig sei für ihn jüngst das Pessach‐Fest gewesen. Das feierte seine amerikanische Familie gemeinsam mit der Verwandtschaft seiner deutschen Frau. Axelrod ist mit der Moderatorin des Fernsehsenders „Arte“, Annette Gerlach, verheiratet. Die wiederum sieht die gemeinsame Tochter Tallulah – das Kind eines amerikanischen Juden und einer deutschen Katholikin – als Antwort des Paares auf den Holocaust.
Jeder religiöse Extremismus ist John Axelrod fremd. „Es gibt Freiheit in Sicherheit. Mein Leben aber ist Sicherheit durch Freiheit.“ Frei zu entscheiden, das sei eine seiner Lebensmaximen. Bald wird wieder eine solche Entscheidung zu fällen sein. Im nächsten Jahr endet John Axelrods Vertrag als Chefdirigent des Luzerner Sinfonieorchesters. Er liebt die Schweiz, aber auch nach vier Jahren dort ist ihm die Mentalität fremd geblieben. Axelrod vergleicht die Schweizer mit einer Kokosnuss und die Amerikaner mit einem Pfirsich. Gestenreich malt er mit den Händen die Früchte und deren Eigenheiten in die Luft und setzt zu einer Erklärung an: Daheim finde sich hinter weicher Schale ein harter Kern, in der Schweiz sei es schon schwer, das Äußere zu knacken. „Als Amerikaner ist es schwierig, sich dort einzuleben.“ Deutschland soll für ihn deshalb die nächste Station sein. „Vor Luzern war ich noch nicht bereit für ein deutsches Orchester. Aber ich denke, dass es jetzt soweit ist“, sagt der Dirigent. Ein neues Kapitel möchte er jetzt aufschlagen. An Angeboten sollte es nicht mangeln. Und spätestens, wenn er dann mal wieder nach einem Konzert seine Blumen an die Musiker verteilt, dürfte der Amerikaner auch hierzulande Herzen er‐ obert haben. Zwar ist man hier nicht unbedingt ein Pfirsich, aber eben auch keine Kokosnuss.

Die CD „Kaddish: Bernstein, Weill, Schönberg“ ist bei Nimbus Records erschienen. Am 14. Juni dirigiert John Axelrod in der Staatsoper Hamburg. Weitere Informationen: www.johnaxelrod.com

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi-Gruß ist«

Torwart des Premiere-League-Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019

Ferdinand von Schirach

Die zweite Schuld

Der Autor stellt Studie über Raubkunst in seiner Familie vor – und fordert Nazi-Nachkommen zu Transparenz auf

 12.04.2019

USA

Polizeihund darf nicht »Rommel« heißen

Mit den Worten »Willkommen an Bord, Rommel!« hatte das Sheriff-Büro den Neuzugang stolz vorgestellt

 08.04.2019