Fürth

Ein Haus macht Geschichte

Zehn Jahre ist es alt und hat bereits ein recht bewegtes Leben hinter sich: Das Jüdische Museum Franken in Fürth. Bewegt deshalb, weil in den ersten Jahren die Arbeit von Gründungsdirektor Bernhard Purin bei den israelitischen Kultusgemeinden in Fürth und Nürnberg auf heftige Kritik stieß. Purin ging, Daniela Eisenstein kam. Im April 2003 ist mit der Amerikanerin an der Spitze des Hauses Ruhe eingekehrt und der Weg für ein konstruktives Miteinander ist geebnet.
Der Standort des Museums ist nicht zu-
fällig gewählt. Fürth gilt als die Muttergemeinde der Juden Bayerns. »Das erste jüdische Krankenhaus und das erste jüdische Waisenhaus hat es hier gegeben«, erzählt Eisenstein. Das Museumsgebäude selbst ist Teil der Geschichte der Juden in Franken. Denn in dem Sandsteinhaus an der Königstraße wohnten 300 Jahre lang jüdische Familien. Unter ihnen auch Hirsch Fromm, der erste Eigentümer einer hebräischen Druckerei in Fürth. Authentische Zeugnisse dieser Zeit sind das erhaltene Ritualbad im Keller und die historische Sukka, eine Laubhütte direkt unter dem Dach des denkmalgeschützten Bauwerks.
Froh ist Eisenstein, dass die Schulden, die sie nach ihrem Antritt im Museum vorfand, endlich abgebaut sind. Nun will die 39-Jährige die Besucherzahl von jährlich 15.000 Besuchern erhöhen. Ein Schritt in diesem Sinne wird der rund 850 Quadratmeter große Erweiterungsbau mit museumspädagogischem Zentrum sein. »Wir bauen die Bildungsarbeit aus«, sagt sie. Damit wandelt sich der Ausstellungsort mehr zu einem Lernort.
Überdies haben das Fürther Museum und seine Außenstelle im mittelfränkischen Ort Schnaittach im vergangenen Jahr Zuwachs bekommen: Durch Zufall ist man in der Nachbarstadt Schwabach bei Renovierungsarbeiten auf historische Funde jüdischer Geschichte gestoßen. Nun entsteht eine weiterer Dependance des Fürther Museums. Ab 2010 werden die einzigartigen Zeugnisse wie auf einem Lehrpfad einer breiteren Öffentlichkeit präsentiert. Das Schwabacher Museum wird dann eine Etage in einem jüdischen Wohnhaus mit einer Laubhütte aus dem 18. Jahrhundert und spätbarocker Wandmalerei bestücken.
Zum 10. Geburtstag hat das Jüdische Museum in Fürth sich selbst und der Öffentlichkeit ein Geschenk gemacht: eine erweiterte Dauerausstellung. »Es ist ein weiterer Schritt in eine hoffnungsvolle Zukunft«, sagt Eisenstein. Die englisch und deutsch erklärten Exponate folgen dem Konzept, biografische Zugänge zu vertiefen. Den Rahmen dafür bilden die Epochen bürgerliches Zeitalter, Zwischenkriegszeit, nationalsozialistische Zeit und Gegenwart.
Auch Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch lobte bei der Feier zum zehnjährigen Bestehen am 16. September, das jüdische Museum gebe tiefe Einblicke in die jüdische Lebenswirklichkeit vom Mittelalter bis heute.
Stelenartige, hohe Schaukästen aus Glas umfassen die Ausstellungsstücke aus dem Besitz unterschiedlicher Familien. So auch eine Reisetora aus dem Themenfeld »Schoa«. Heinrich Wild und seine beiden Söhne Fritz und Norbert überlebten im Schutz einer »privilegierten Mischehe« in Fürth. Als einer der letzten Jungen feierte Fritz 1939 mit 13 Jahren seine Barmizwa in der jüdischen Gemeinde Fürth. Er be-
kam hierzu eine Reisetora geschenkt. »Uns geht es nicht nur darum, die jüdische Be-
völkerung im Dritten Reich als passive Opfer darzustellen, sondern ihre kulturelle Selbstbehauptung zu dokumentieren«, er-
klärt Daniela Eisenstein.
Dieser Absicht folgt auch der erste hebräische Druck nach dem Zweiten Weltkrieg. Er entstand 1946 in Deutschland als Symbol für das Überleben der Juden. Auf dem Titelblatt ist ein verlassenes Konzentrationslager zu sehen, aber auch die Hoffnung jüdischer Displaced Persons auf eine Zukunft – einen Sonnenaufgang über einer Stadt im Lande Israel.
Im Ausstellungsteil mit dem Titel »Heimat« liegt ganz persönliches Hab und Gut fränkisch-jüdischer Bürger hinter Glas. Etwa der Bierkrug einer Familie aus dem Jahr 1918. Darauf zu sehen ist das Konterfei von Kurt Eisner. Der sozialistische Politiker, monarchiekritische Journalist und Schriftsteller mit jüdischen Wurzeln war nach dem Ersten Weltkrieg der erste Minis-
terpräsident des von ihm ausgerufenen »Freistaates«, der bayerischen Republik.
Oder die drei Schellack-Langspielplatten. Die hat eine in Nürnberg lebende Fa-
milie dem Museum überlassen. Die historischen Tonträger enthalten Synagogalmusik, die in Russland in chorlosen Gemeinden erklang.
Das Museum ist auf einem guten Kurs. Dass das Haus allerdings bis heute touris-
tisch noch nicht richtig beworben wird, ist der Museumsdirektorin ein Dorn im Auge – auch daran will Daniela Eisenstein arbeiten. Dennoch: Als Standort für die besondere Darstellung jüdischer Kultur und Geschichte» wird laut Eisenstein das jüdische Museum Franken in einem Atemzug mit den Häusern in Berlin, Frankfurt und München genannt. Alexander Brock

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