Pogromnacht

Ein Datum macht Geschichte

von Michael Wolffsohn

In West und Ost blieben Deutschlands Juden lange unter sich, wenn sie der »Reichskristallnacht« gedachten. Als »Reichspogromnacht« jedoch gedenkt ihrer Deutsch- land erst seit 1988. Alljährlich versammelte sich die winzige jüdische Gemeinschaft der alten Bundesrepublik zum Gedenken an den NS-Terror vom 9. November 1938. Hier und dort nahmen zwar auch Vertreter der jeweiligen Stadt, des Bundeslandes oder auch Bundespolitiker teil, aber das war die Ausnahme. Wir und unsere Vorfahren blieben weitgehend unter uns – und wir wollten das auch. Das Bedürfnis, Vertreter des offiziellen Deutschlands bei uns zu haben, behagte vielen nicht. Wer könnte das nicht verstehen?
Die Bundesrepublik verstand sich einerseits von Anfang an als ein »neues Deutschland«, andererseits aber auch als Nachfolgestaat des Deutschen Reiches. Und dieses hatte das Pogrom vom 9. November 1938 und danach noch Schlimmeres inszeniert. Dass Juden besonders in den ersten Jahren nach der Katastrophe des Holocaust »Bauchschmerzen« bekamen, wenn sie daran dachten, zum Gedenken würden »Nachfolger« des Deutschen Reiches kommen, überrascht nicht. Das bedeutete: Geladen waren, und es kamen nur solche, Nichtjuden, die entweder in braunen Zeiten eine weiße Weste bewahrt oder sich als alte beziehungsweise neue Freunde der Juden bewährt hatten.
Besonders in West-Berlin gab es solche, denn der Senat bemühte sich sehr um die größte der kleinen deutsch-jüdischen Gemeinden. Zunächst vielleicht auch aus einer gewissen Angst vor Heinz Galinski, dem strengen Vorsitzenden der Berliner Juden, allmählich aber sicher aus echter Freundschaft. Man denke an Ernst Reuter, Willy Brandt, Klaus Schütz, Hans-Jochen Vogel, später auch an Richard von Weizsäcker und Eberhard Diepgen.
Bundesweit und bewusst national sichtbar wurde des 9. Novembers 1938 erst im Jahr 1978, am dritten runden Gedenktag, gedacht. Dreißig Jahre zuvor, 1948, gab es die Bundesrepublik als Staat noch nicht. Zehn Jahre später, 1958, waren beide Seiten an dem Ereignis emotional noch »zu dicht dran«. 1968 beschäftigte sich die nichtjüdische Gesellschaft vornehmlich mit sich selbst. Nie schien es so viel Auf- und Umbruch gegeben zu haben wie damals. Noch heute sind die 68er legendär, besonders bei den 68ern selbst. Sie redeten vom deutschen Gestern, das ihr Handeln im damaligen Heute rechtfertigen sollte, doch sie schauten aufs Morgen und weniger aufs Morden von Juden und anderen Völkern. Die bessere Zukunft im Blick hofften sie zugleich, sich von der kollektiv-deutschen Vergangenheit zu befreien. Man vergesse nicht, dass gerade unter den 68ern schon damals eine – sagen wir es freundlich – Israel-Distanz bestand, die nicht nur Deutschlands Juden erschreckte. Deshalb war es auch 1968 ratsam, dass Juden beim Novembergedenken unter sich blieben.
Warum änderte sich dies 1978? Kanzler Helmut Schmidt kam, von Nachum Goldmann, dem Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses begleitet, am 9. November in die Kölner Synagoge. Seine Ansprache beeindruckte Juden wie Nichtjuden. Voller Stil und Substanz war sie des Kanzlers des neuen Deutschland würdig. Deutscher Staat und deutsche Juden hatten sich nicht nur in einem gemeinsamen Raum zum Gedenken versammelt, es hatten sich nach knapp drei bundsdeutschen Jahrzehnten so viele gemeinsame Wertvorstellungen gebildet und bewährt, dass beide Seiten zusammen gedenken wollten – und konnten.
Doch das ist nur die eine, die süße Schokoladenseite. Bitterer und tagespolitisch war folgender Aspekt: Unter Bundeskanzler Helmut Schmidt hatten sich die deutsch-israelischen Beziehungen geradezu dramatisch verschlechtert. Gemeinsam mit Frankreichs Präsident Giscard d’Estaing hatte Kanzler Schmidt systematisch Sand ins Getriebe des israelisch-ägyptischen Friedenprozesses gestreut. Doch auch Helmut Schmidt suchte den Friedensweg, aber nicht den, wie er behauptete, bilateralen, sondern einen anderen, wie er ihn nannte, »umfassenden«. Zum explosionsartigen Zerwürfnis zwischen Helmut Schmidt und dem damaligen Ministerpräsidenten Israels, Menachem Begin, kam es erst im Mai 1981, doch die Vorboten waren schon im Herbst 1978 zu hören und zu sehen.
Der Bundeskanzler suchte im November 1978 jüdische Legitimation: örtlich, inhaltlich und persönlich. Er musste und wollte zeigen, dass seine heftige und offene tagespolitische Kritik an Israel kein geschichtspolitischer Revisionismus war. Dieses Zeichen musste der Kanzler des neuen Deutschland setzen. Ort und Zeitpunkt waren hierfür ideal, auch die jüdische Begleit- und Hauptperson, Nachum Goldmann. Dessen Jüdischkeit stand ebenso außer Zweifel wie seine Verbundenheit mit Israel. Doch jedermann, natürlich auch Helmut Schmidt, wusste: Goldmann und Israels »Establishment« waren seit den Zeiten Ben Gurions – und erst recht unter Begin – wie Hund und Katze. So gesehen, war jenes Gedenken geschichts- und judenpolitisch bedenkenlos und es vereinte. Israelpolitisch war es trennend, ja, eine schallende Ohrfeige, die Helmut Schmidt in Köln austeilte und Begin in Jerusalem erreichte.
Neu war diese juden- und israelpolitische Doppelbödigkeit nicht. Willy Brandt hatte sie 1970, bei seinem zurecht unvergessenen Warschauer Kniefall, erstmals angewandt: Vom Herbst 1969 bis zum Jahresende 1970 hatte sich das bundesdeutsch-israelische Verhältnis verschlechtert. Israels Ministerpräsidentin Golda Meir fürchtete, Willy Brandt und Walter Scheel würden auf dem Altar ihrer neuen Ostpolitik die alte, israelfreundliche Nahostpolitik opfern. Die SPD/FDP-Koalition tat wenig, um diese Befürchtungen zu entkräften. Im Gegenteil, sie eskalierten in Israel und der jüdischen Welt. Brandt brauchte die geschichtspolitisch jüdische Legitimation, um gegebenenfalls seine dem jüdischen Staat missfallende Politik fortzusetzen. Deshalb setzte er, gegen den Willen der polnischen Kommunisten, die Kranzniederlegung am Denkmal, das an den Aufstand im Warschauer Ghetto erinnerte, durch. Die Großgeste des Kniefalls war sicher spontan, nicht jedoch die Gedenkstrategie.
Willy Brandt und Helmut Schmidt – zwei Kanzler, zwei Anlässe, eine Gedenkstrategie. Ähnlich hatte, ebenfalls 1978, US-Präsident Jimmy Carter gehandelt: Gegen massiven israelischen Protest setzte er den Verkauf von US-Kampfflugzeugen an Saudi-Arabien durch. Um die »jüdische Front« auf Kosten Israels zu begradigen, regte er auf Vorschlag seines jüdischen Vertrauten Stuart Eisenstadt an, das Holocaust-Memorial an der Washingtoner Mall zu errichten. 1993 wurde es eröffnet. Carter war längst nicht mehr Präsident, aber in Erinnerung bleibt der Gedenkort.
Gemeinsames Gedenken wurde in West-Deutschland seit 1978 trotzdem Routine. Der erste zentrale »Bundesgedenkakt« fand im Bonner Bundestag am 9. November 1988 statt. Seine Vorgeschichte hatte bereits 1981 begonnen, seit dem die Gemüter erhitzt und 1985/86 einen emotionalen Höhepunkt erreicht. 1981 plante die Regierung Schmidt/Genscher den Verkauf von Leopard-2-Panzern an Saudi-Arabien. Das führte zum Eklat zwischen Begin und Schmidt. Dessen Nachfolger Helmut Kohl, so schien es, hielt an dem Plan fest, ließ ihn jedoch 1984 fallen. Kurzfristig kehrte Ruhe ein. Einen neuen Sturm entfachte Bitburg im April 1985. Trotz internationaler, besonders jüdischer Proteste, besuchten Kanzler Kohl und US-Präsident Reagan den dortigen Friedhof, auf dem auch Angehörige der Waffen-SS ihre letzte Ruhe gefunden hatten. Mit der Gedenkruhe der Politiker war es vorbei. Die famose Ansprache von Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 beruhigte kurzfristig die Gemüter. Es folgten die geschichtspolitischen Kontroversen um die großdeutsch-braune Vergangenheit von Österreichs Präsident Kurt Waldheim und der »Historikerstreit« um den Berliner Geschichtsprofessor Ernst Nolte. Der Kern der Kontroversen: War die Schoa als Verbrechen einzigartig oder anderen vergleichbar?
Allmählich waren die Akteure des Streitens müde. Der 9. November 1988 – 50 Jahre danach – sollte ein deutsch-jüdischer »Versöhnungstag« werden. Festred- ner wollte Heinz Galinski sein, inzwischen Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland. Doch die Bundestagsverantwortlichen wollten es anders und bestimmten Parlamentspräsident Philipp Jenninger (CDU). Jahre später lobte sogar Zentralratspräsident Ignatz Bubis dessen Rede, doch am 9. November 1988 empörte sich über ausgesprochene Anführungszeichen Jenningers, der Sichtweisen über das »Dritte Reich« zitiert, doch diese nicht als Zitate gesprochen hatte.
Deutsch-deutscher Gedenksieger wurde an jenem 9. November 1988 die DDR. Seit ihrer Gründung hatte sie nur »Opfer des Faschismus« gekannt und geehrt. Nie hatte sie die Sonderstellung der jüdischen Opfer erwähnt. Nichtjuden hatten im »Dritten Reich« wenigstens selbst entscheiden können, ob sie »mitlaufen« und »mitmachen« wollten. Juden war selbst diese Wahl verwehrt. Ihrer angeblichen »Rasse« wegen waren sie sozusagen von Geburt an zum Tode verurteilt. Nichts davon hatten DDR und Kommunismus-Block zur Kenntnis nehmen wollen. Die wahren Opfer waren für sie Kommunisten. Als der real existierende Sozialismus Mitte der 80er-Jahre vor dem Bankrott stand, entdeckte besonders die DDR die jüdische Welt. Sie war fest davon überzeugt, dass die US-Juden den Schlüssel zum Weißen Haus in Washington sowie zu den Köpfen und Herzen der US-Gesellschaft in der Hand hielten. Die dringend benötigten Finanzspritzen sollten die USA ermöglichen, und als Wegweiser hatte Ost-Berlin, in einer Art Neuauflage der »Protokolle der Weisen von Zion«, die Jüdische Welt entdeckt. Einige DDR-Juden halfen dabei.
Begrifflicher Höhepunkt war die Umbenennung der »Reichskristallnacht« in »Reichspogromnacht«, denn, so die DDR-Lesart, der traditionelle Begriff verniedliche die NS-Verbrechen. Historisch war diese Behauptung falsch, aber sie wirkte – und artige Westdeutsche, später Gesamtdeutsche, übernahmen bis heute diesen Begriff.
Wurde es dem »lieben Gott« zu bunt oder zu rot, oder war es nur Ironie der Geschichte? Genau am 9. November 1989, ein Jahr nach dem DDR-Gedenksieg fiel die Mauer, und Deutschlands Ost-Staat brach zusammen. Nicht zuletzt in der jüdischen Welt bangte man damals: Würde das wiedervereinigte Deutschland nur noch des 9. November 1989 gedenken und den 9. November 1938 verdrängen wollen?
20 Jahre später wissen wir: Deutschland gedenkt beider Daten. Mehr noch: Den 9. November 1989 bewerten viele Deutsche – jubelnd oder bedauernd – als Anfang deutsch-deutscher Alltäglichkeit. Der 9. November 1938 bleibt der Anfang der Katastrophe, der Schoa.

Der Autor ist Historiker an der Bundeswehruniversität München. Zuletzt erschien von ihm, gemeinsam mit Thomas Brechenmacher: »Deutschland, jüdisch Heimatland« (Piper-Verlag).

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