Schweden

Ein Blick, ein Tanz, ein Kuss

Oase», «Idylle» und «jüdisches Sommerparadies» – so umschreiben schwedische Juden «ihr» Glämsta. Meist mit leuchtenden Augen und begleitet von nostalgisch schwelgenden Seufzern. «Wir mögen unsere Synagogen, finden die Hillelschule gut und sind gern im Gemeindezentrum», erklärt Judith Narrowe das Phänomen. «Wir lieben Glämsta!», beschreibt die Frau des früheren Oberrabbiners das Gefühl, das die Stadt bei schwedischen Juden auslöst. Glämsta geht unter die Haut. Glämsta knüpft Verbindungen fürs Leben. Glämsta prägt die jüdische Identität.
Ein Großteil der Juden Schwedens fährt bereits in sechster Generation ins schwedisch-jüdische Schärengartenidyll vor den Toren Stockholms. Kinder, deren Eltern und Großeltern bereits die Sommerferien dort verbrachten, finden hier Zugang zur jüdischen Gemeinschaft. Viele dieser Geschichten hat der Autor Matthias Grosin aufgeschrieben. Ein dicker Bildband soll daraus werden, der pünktlich zum 100-jährigen Jubiläum Glämstas im November erscheinen soll. «Wer weiß, ob ich diese Arbeit heute überhaupt machen würde, wäre ich nicht selbst als Kind in Glämsta gewesen», meint der Mittdreißiger nachdenklich. «Ohne Glämsta würde die Jüdische Gemeinde Stockholm heute gewiss anders aussehen», ist sich Grosin sicher.

bilderbuchidyll Rund 80 Kilometer nördlich von Stockholm gelegen, wirkt die Ferienanlage mit ihren roten Holzhäusern, dem Strand und den Booten, die ruhig im Ostseewasser schaukeln, wie ein Bilderbuchidyll von Astrid Lindgren. Fröhliche Kinderstimmen, wilde Himbeersträucher und der Duft von Kartoffelsuppe aus der Ferienlagerküche komplettieren zwar den Eindruck vom schwedischen Sommerparadies für Kinder. Doch ganz so schwedisch ist es auf den zweiten Blick nicht.
Wer hinein will, muss Sicherheitskontrollen passieren, so wie an jeder anderen jüdischen Einrichtung in Schweden. Neben dem Fußballplatz, wo für ein paar Zwölfjährige gerade zur Halbzeit abgepfiffen wird, weht weithin sichtbar die israelische Flagge. Einige Mädchen singen laut hebräische Lieder. Vor einem Bungalow teilen Jungen mit Kippot ihre Süßigkeiten miteinander. Ferienlager mit Kibbuz-Stimmung. Und überall entspannte offene Gesichter.
Egal ob man Mitglied der Gemeinden Stockholm, Göteborg und Malmö ist oder nicht, traditionell oder säkular lebt – Glämsta gehört für die meisten jüdischen Familien im Sommer einfach dazu. Hier lernen ihre Kinder andere jüdische Kinder und Jugendliche im Alter von acht bis 15 Jahren kennen und lernen drei Wochen jüdische Tradition – mit Schabbat, Tischgebeten und Einhaltung der Kaschrut.
Eine Erfahrung, die für viele neue Welten eröffnet. Gaby Dahan aus Göteborg hat diesmal an Tischa beAw freiwillig gefastet. «Was ich zu Hause nicht tue, erscheint mir in Glämsta selbstverständlich», erzählt die 14-Jährige. Daheim in Göteborg gehe sie nur an den Hohen Feiertagen in die Synagoge, in Glämsta jeden Tag. «Hier ist eben vieles anders», erklärt Gaby. «Aron Verständig, unser religiöser Leiter, erzählt uns Geschichten aus der Tora. Manchmal inszenieren wir sogar ein Theaterstück zum Gottesdienst. Alles ist irgendwie lebendiger hier», meint Dahan begeistert.
«Wichtig sind nicht nur die religiösen Aktivitäten», erklärt Benjamin Flam, einer der 40 Leiter, die die rund 130 Jugendlichen betreuen. «Zusammen segeln oder Geburtstag feiern kann ebenso gut eine jüdische Aktivität sein, weil man sie zusammen mit seinen jüdischen Freunden erlebt. Oder der erste Tanz, der erste Kuss. Ganz menschliche Aspekte. Schließlich sind viele der Jugendlichen in ihrer nichtjüdischen Umgebung oft isoliert, assimiliert oder werden sogar gemobbt.» Zum Programm gehört zudem ein jüdisches Thema, an dem die Teilnehmer arbeiten. Dieses Jahr lautet es: «Jüdische Einwanderungswellen nach Schweden» – da kann fast jeder Teilnehmer seine Familiengeschichte beisteuern.

geschichte Der erste Jude, der sich im Königreich Schweden niederlassen durfte und 1776 die Jüdische Gemeinde Stockholm gründete, war der Kaufmann Aron Isaac aus Mecklenburg. Nur drei Generationen später übertrug Isaac Hirsch, ein Nachkomme jener ersten jüdischen Einwanderer aus Deutschland, Glämsta der jüdischen Gemeinde. Hirsch, ein Immobilienbesitzer und Philantroph, wollte das Gelände seit 1910 als Kolonie für arme jüdische Kinder nutzen. Denn seit der Einwanderung von rund 3.000 Juden aus Osteuropa, die meisten von ihnen arm und orthodox, klafften in Stockholm die sozialen Gegensätze auseinander. In Glämsta sollten sich die Kinder zwei Monate lang an «guter schwedischer Hausmannskost» satt essen, barfuß durch die Natur laufen und «schwedisiert werden», so Grosins Einschätzung.
identität Das ist heute anders. Mit seinem Angebot an positiver jüdischer Identität scheint Glämsta ein Vakuum zu füllen. Deshalb seien die Abschiede auch immer so herzzerreißend, findet Gaby Dahan und nimmt ihre Freundinnen aus Stockholm und Malmö in den Arm, als gelte es schon jetzt, die Koffer zu packen. Bereits seit sechs Jahren nimmt die junge Göteborgerin am jährlichen Sommerlager teil und kann sich gut vorstellen, später selbst einmal Gruppenleiterin in Glämsta zu werden. «Das ist der übliche Weg», meint Matthias Grosin. Viele der ehemaligen Glämsta-Kinder seien als Erwachsene engagierte Jugendleiter geworden, erzählt der Autor der Glämsta-Jubiläumsausgabe.
Früher sah das Konzept von Glämsta nicht vor, sich mit den einzelnen Familienschicksalen auseinanderzusetzen – obwohl die Hälfte aller Kinder Flüchtlinge war. Man wollte das Sommerparadies um keinen Preis mit Problemen belasten. «In dieser Zeit begann sich Glämstas Funktion grundlegend zu wandeln», beobachtet Grosin. Fuhren in den ersten 50 Jahren vorwiegend Kinder aus armen jüdischen Familien zur Erholung nach Glämsta, so wurde die Ferienkolonie nach dem Krieg für alle zugänglich. Anfangs zahlte noch die Jüdische Sozialfürsorge die Ferien – vom Haareschneiden bis zur Kleidung –, heute ist der Aufenthalt gebührenpflichtig. Und im Gegensatz zu früher geht es heute darum, assimilierte schwedische Juden durch Glämsta wieder Zugang an die jüdische Ge- meinschaft heranzuführen.

reformen «Wäre Rabbiner Morton Narrowe nicht gewesen», sagt Grosin, «hätte Glämsta schon in den 60er-Jahren seinen Glanz verloren.» Doch als Narrowe seinerzeit das Amt übernahm, machte er Glämsta von Anfang an zu seiner Herzensangelegenheit. Er schickte junge Jugendleiter in die USA zur Weiterbildung, etablierte den sogenannten «Glämsta-Stil» in der kleinen Holzsynagoge im Wald. Geschichten wurden erzählt anstatt Kathederpredigten. Rabbiner Narrowe reformierte zusätzlich den Gottesdienst. Unter seiner Ägide durften Mädchen bereits seit den 70er-Jahren aus der Tora vorlesen. Noch heute erzählt man sich in Glämsta staunend die Episode von dem Mädchen, das gerade aus der Tora vorlas, als plötzlich ein Blitz vor der Synagoge einschlug. «Man kann das interpretieren, wie man will», sagt Grosin mit einem vieldeutigen Lächeln. Auch eine von vielen Geschichte, die er ins Glämsta-Buch aufgenommen hat.
Eine andere Episode handelt von Bernhard Gurevich und Mona Friedman. Als beide im Alter von zwölf Jahren 1937 zum ersten Mal in die Schärengartenidylle von Glämsta kamen, fühlten sich beide nicht gerade voneinander angezogen. Bis zum ersten Tanz. Auf den folgte ein zweiter, dann der erste Kuss und ein paar Jahre später die Hochzeit. Glämsta, das ist für die meisten schwedischen Juden – damals wie heute – «Liebe auf den ersten Blick».

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