Durchgangsverkehr

Durchatmen

von Peter Bollag

Endlich sind die Zeiten vorbei. Seit über einer Woche kommen sich die traditionell gekleideten Mitglieder der orthodoxen Gemeinde Agudas Achim im Zürcher Stadtteil Wiedikon nicht mehr wie Zootiere vor. Lastwagenfahrer oder Urlauber aus Nordeuropa, die auf ihrem Weg in die Schweizer Berge und nach Italien durch Zürich fuhren, blickten oft irritiert, wenn sie die in Kaftan und Hüten zur Synagoge eilenden oder von dort herausströmenden schwarz gekleideten Orthodoxen sahen. Solche Bilder kannten sie nur aus dem Fernsehen oder aus Antwerpen. Aber Zürich?
Damit ist jetzt Schluss. Denn mit der Einweihung des Uetlibergtunnels werden die Zürcher Stadtteile 3 und 4 verkehrsberuhigt. Die Lebensqualität soll nun deutlich steigen. Viele der etwa 9.000 Jüdinnen und Juden des Großraums Zürich wohnen hier, die meisten sind Orthodoxe und Charedim. Im Gegensatz zu den assimilierten Gemeindemitgliedern, die mit zunehmendem Wohlstand in die nobleren Vororte umgezogen sind, halten die Frommen an ihrem „Mini‐Schtetl“ fest. Nicht zuletzt aus praktischen Gründen, denn der Weg zur Synagoge darf nicht weit sein.
In der Mitte der Weststraße steht das Bethaus der 1912 gegründeten Agudas Achim. Anfang der 60er‐Jahre ist die strengreligiöse Gemeinde aus der nahen Umgebung in den schmucklosen Bau gezogen. Viel jünger, nämlich erst rund zwei Jahre alt, ist ein ganz modern wirkender Gebäudekomplex genau gegenüber. Dort im Untergeschoss befindet sich „Koscher‐City“, der größte Koscher‐Händler der Schweiz. In den Etagen darüber liegen 28 Wohnungen, die vor allem jüdische Eigentümer gefunden haben. Die Wohnungen kommen dem Kinderreichtum der meisten Familien sehr entgegen. Sie haben bis zu acht Zimmer, was in diesem Quartier, aber auch sonst in Zürich selten zu finden ist.
Gary Herzog, Geschäftsführer von „Koscher‐City“, nach eigenen Angaben der einzige Koscher‐Laden der Welt ohne Parkplätze vor dem Haus, hofft, dass sich die Verkehrsberuhigung auch aufs Geschäft auswirkt. „Wenn die Lastwagen nicht mehr durchs Quartier donnern und der Durchgangsverkehr abnimmt, verbessert sich vielleicht die Laune unserer Kunden.“ Als Quartierbewohner freut er sich vor allem darauf, dass es wieder möglich sein wird, die Kinder in den Straßen spielen zu lassen. Ähnlich wie Herzog denkt auch Gitta Krakauer, die ebenfalls nahe der Weststraße zu Hause ist. „Wir haben so sehr darauf gewartet, endlich wieder aufatmen zu können – im wahrsten Sinne des Wortes!“
Seit die Weststraße Anfang der 70er‐Jahre für den gesamten Durchfahrtsverkehr geöffnet wurde, sei die Lebensqualität auf unter null gesunken, so Krakauer. „Im Durchschnitt fuhren hier pro Stunde tausend Autos durch, darunter rund hundert LKWs.“ Wer es sich leisten konnte, ist weggezogen. Den meisten charedischen Familien mit vielen Kindern fehlte das Geld dazu. An der Weststraße – und das gilt wohl fürs ganze Quartier – leben zurzeit viele Migranten. Die meisten sind auf billigen Wohnraum angewiesen. Doch der ist Mangelware in Zürich, der sich gern nobel gebenden Metropole mit dem selbstgewählten Label „Downtown Switzerland“.
Seit der Eröffnung des Uetlibergtunnels befürchten Stadtplaner allerdings, dass die jetzigen Bewohner der Weststraße die neu gewonnene Lebensqualität nicht mehr lange genießen können. Das Wort „Gentrifizierung“ macht die Runde. In Zürich heißt es „Seefeld‐Effekt“: Das einstmalige Handwerksviertel Seefeld wurde im Laufe der Zeit, nachdem viele kleine Betriebe aufgegeben hatten und das Quartier verlassen mussten, zur teuren Trend‐Meile und war damit für die meisten kinderreichen Familien nicht mehr erschwinglich. „Wir werden genau hinschauen, ob das hier auch passiert“, sagt Werner Liechtenhan, Projektleiter bei der Zürcher Stadtentwicklung.
Von beginnender Gentrifizierung könnte man sprechen, wenn in nächster Zeit überdurchschnittlich vielen Mietern gekündigt wird, sagt Liechtenhan, oder wenn auf einmal deutlich mehr Wohnungen und Häuser die Besitzer wechseln. Der Stadt seien die Hände weitgehend gebunden. „Wir haben in diesem Teil Zürichs leider keine Genossenschaftswohnungen, die wir den großen Familien zur Verfügung stellen könnten.“ Dass die Preise in Wiedikon steigen werden, hält Liechtenhan für unumgänglich, entscheidend sei jedoch, in welchem Maße.
Nicht so dramatisch sieht es ein Mitglied der orthodoxen Gemeinde, das im Immobiliengeschäft tätig ist. Der Mann möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. „Ich denke, hier wird sich die aktuelle Wirtschaftskrise bemerkbar machen, die Bautätigkeit wird in nächster Zeit zurückgehen.“ Dies bremse zwar vorerst die Wohnungsspekulation, längerfristig jedoch könnte der „Seefeld‐Effekt“ dazu führen, dass jüdische Familien die Weststraße und ihre nähere Umgebung verlassen müssten.
Treffen wird diese Entwicklung auch eine Branche, die man so überhaupt nicht mit dem orthodoxen Judentum in Zusammenhang bringen möchte: dem Rotlichtmilieu. Sex‐Shops und Bordelle säumen in Wiedikon die Straßen. Wenn die Mieten steigen, werden sich diese Gewerbe hier nicht mehr halten können, sagen die Zürcher Stadtplaner voraus. Für die kinderreichen orthodoxen Familien käme diese nicht unerwünschte Entwicklung zu spät.

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