Finanzkrise

Düstere Aussichten

von Clemens Hoffmann

Das Angebot klingt verheißungsvoll: Der Geldautomat neben der Brodsky‐Synagoge im Zentrum von Kiew wirbt mit „crisp new banknotes“: druckfrischem Geld. Und tatsächlich spuckt die Ma‐
schine einen nagelneuen 500‐Griwna‐Schein aus, das sind umgerechnet 50 Euro. Doch das knisternde Papier trügt.
Die ukrainische Währung präsentiert sich derzeit nicht in Bestform. Seit dem Sommer hat sie gegenüber Euro und Dollar fast die Hälfte an Wert verloren. Die Inflation galoppiert, die Preise steigen – auch im koscheren Lebensmittelladen in einem verspiegelten Anbau der Synagoge: Vor allem Importprodukte seien teuer geworden, bestätigt Verkäuferin Ira, die gerade Tüten mit koscherer Kartoffelstärke ins Regal räumt. „Für Fischkonserven oder Wein zahlen wir bei unseren Lieferanten in Israel mit Dollar, das müssen wir an unsere Kunden weitergeben.“ Und die kaufen weniger. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise sei der Umsatz des kleinen Ladens um 30 Prozent zurückgegangen, sagt die 37‐Jährige.
Auch Stammkunde Kostyantyn Bedovoy spart. Der stämmige Mittvierziger hat in guten Jahren im IT‐Business ein kleines Vermögen gemacht, vor den Toren Kiews ein großes Haus gebaut, drei Autos nennt er sein Eigen. 20 Jahre lang habe er mehr verdient als ausgegeben, erzählt der jüdische Geschäftsmann nicht ohne Stolz. Doch seit Beginn der Krise hat sich seine Lage fundamental verändert. Die Firma wirft weniger ab, 18 der rund 50 Angestellten musste er entlassen. „Ich gebe zur Zeit viermal mehr aus, als hereinkommt. Wir leben von Rücklagen.“ Gewisse Extras verkneift sich der Geschäftmann: teure Shopping‐Toure mit seiner Frau, den Winterurlaub im Schnee. Neujahr haben die Bedovoys diesmal zu Hause gefeiert. Zum ersten Mal seit Jahren.
Kassiererin Ira schmunzelt über die Probleme der Reichen. Die gelernte Buchhalterin findet derzeit in ihrem Beruf keine Arbeit. Sie ist froh über den Job an der Kasse. „Hier werde ich die Krise aussitzen“, hat sich Ira vorgenommen, die von 400 Dollar Gehalt noch ihre Tochter ernähren muss. Glücklicherweise hat sie kurz vor dem Währungsverfall ihr Einkommen noch auf Dollar umstellen können. So profitiert sie sogar ein wenig von den gestiegenen Wechselkursen. Alle, die nur mit Griwna auskommen müssen, sind schlechter dran. Lehrer, Rentner, Ärzte oder Krankenwestern: Uri verdient sein Geld als Onkologe in einem Kiewer Klinikum – noch. „Im Januar habe ich mein Gehalt bekommen. Aber keiner kann sagen, wie es diesen Monat wird.“ Für viele Lebensmittel zahlt er inzwischen doppelt so viel wie vor der Krise, deshalb verzichtet der 30‐Jährige auf Kinobesuche oder neue Computerspiele. Denn die Unsicherheit breitet sich aus: Uri kennt Ärzte, die bereits seit November kein Geld mehr bekommen haben, weil die städtischen Haushalte leer sind. Haben die Krankenhäuser ihre Mittel verbraucht, können sie keine neuen Medikamente mehr kaufen, nicht mehr operieren. Fraglich, wie lange das gut geht. „Die kommenden Monate werden düster“, prognostiziert Danny Gechtman. Leiter des Büros der amerikanischen Hilfsorganiation JOINT (JDC) für die Zentral‐ und Westukraine. „Firmen gehen pleite, Steuereinnahmen fallen weg, möglicherweise kann der Staat schon in zwei, drei Monaten keine Renten mehr zahlen.“ 100.000 Menschen in der Ukraine erreicht JDC direkt oder indirekt mit seinen Programmen von der Hauspflege bis zum Lebensmittelpaket. Allein 40 Hesed‐Zentren unterhält die Organisation zwischen Lemberg und Donezk. Bei JOINT gebe es bereits Überlegungen, wie die begrenzten Hilfsgelder umverteilt werden könnten, wenn sich die Krise verschärft, erzählt Gechtman. Großen Spielraum sieht er allerdings nicht. Zumal auch seine Organisation Ausfälle von Sponsoren verkraften muss, deren Stiftungen in der Finanzkrise viel Geld verloren haben.
Auf der zentralen Feier zum Holocaust‐Gedenktag am Dienstag vergangener Woche in Kiew ist die Finanzkrise nur ein Randthema. Unter den Teilnehmern sind viele Ghetto‐ und KZ‐Überlebende mit kleinen Renten. Die meisten haben ihr ganzes Leben in bescheidenen Verhältnissen gemeistert und sind es gewohnt, den Gürtel enger zu schnallen. „Die Finanzkrise betrifft uns nicht, wir haben immer Kartoffeln gegessen“, sagt Alla Petrovna mit einem Anflug von Galgenhumor. Ihre Freundin Valentina pflichtet ihr bei: „Wir haben nichts, was soll man uns da nehmen?“ Trotzdem macht die 85‐Jährige sich Sorgen. Sie kommt mit ihrer Rente gerade so über die Runden. Vor allem die steigenden Preise für Medikamente schmerzen sie. „Arzneimittel kosten jetzt doppelt so viel wie im Sommer. Ich weiß nicht, wo ich noch sparen soll.“ Dass die Renten ganz ausfallen könnten, will sie sich lieber nicht vorstellen. „Augen zu und durch“ scheint die Devise der Alten. Am deutlichsten zu spüren bekommt die Krise derzeit vor allem die Mittelklasse.
Zum Business‐Lunch herrscht gähnende Leere im koscheren King‐David‐Restaurant in Kiew. Leise Jazzklänge schwirren durch den Raum. Vor der Fototapete der Jerusalemer Altstadt löffelt ein einsamer amerikanischer Geschäftsmann seinen Borschtsch‐Eintopf und telefoniert dabei mit der Heimat. Ukrainische Juden sind nicht zu sehen. Die 85 Griwna für den Mittagstisch aus Suppe, Saft und Hauptgericht sind zu viel für Menschen wie den Ingenieur David, der zwar 10.000 Dollar Ersparnisse auf der Bank hat, aber nicht an sie herankommt, weil das Geldinstitut fast pleite ist. Oder Irina, Sekretärin bei einem Immobilienentwickler, die entlassen wurde und nun ihren Kredit für die Wohnung nicht mehr abzahlen kann. Jahrelang hatten sich ukrainische Banken auf dem internationalen Kapitalmarkt mit billigem Geld versorgt und es teuer weiterverliehen. Diese Quellen sind abrupt versiegt. Die Krise hat inzwischen so viele Banken an den Rand des Ruins getrieben, dass auch JDC‐Direktor Gechtman extrem vorsichtig geworden ist. Überweisungen von Hilfsgeldern aus der Zentrale in den USA stückelt er in kleine Beträge und leitet sie sofort an die Empfänger weiter, damit keine größeren Summen auf den Konten bleiben. Aber selbst dabei erlebt er Merkwürdiges: „Die Banken führen unsere Überweisungen zwar sofort aus, aber das Geld kommt erst mit langen Verzögerungen bei unseren Partnern an.“ Die Folge: Während die Bank mit dem fremden Geld arbeitet, können die örtlichen Hesed‐Zentren ihre Rechnungen, zum Beispiel für Lebensmittel, nicht bezahlen. Eine beunruhigende Situation – Ausgang offen. Hartnäckig halten sich Gerüchte, der Ukraine drohe der baldige Staatsbankrott. Ob es wirklich so weit kommen wird? Danny Gechtman sagt dazu: „Was wir jetzt erleben, ist erst der Anfang.“

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