leipzig

Drei Prozent Alltag

Es ist windig in Leipzig, fast schon stürmisch an diesem Freitagnachmittag. Doch die Menschen lassen sich davon nicht beeindrucken. Sie sind auf dem Weg ins Wochenende, kaufen ein, halten ein Schwätzchen in den Straßen oder sitzen im Café.
Eine Woche nach den Kommunalwahlen ist die Stimmung in der Stadt entspannt. Dass dieses Mal zwei Abgeordnete der NPD in den Stadtrat gezogen sind, besorgt viele. Aber nicht alle. Und so versickert das Leipziger NPD-Ergebnis von 2,9 Prozent langsam im Alltag.
Etwas entfernt vom Leipziger Zentrum, mitten im Waldstraßenviertel, liegt das vor vier Wochen bezogene Gemeinde- und Begegnungszentrum »Ariowitsch-Haus«. Es riecht nach Holz und Farbe. Alles ist hier neu. Wie viele andere Räume auch ist das Zimmer des Gemeindevorsitzenden Küf Kaufmann noch kahl: ein Sofa, ein Tisch und ein paar Bilder auf dem Boden. Kaufmann legt die Stirn in Falten: »Als einfacher Bürger bin ich sehr besorgt und freue mich gar nicht, dass diese zwei NPD-Angehörigen in den Stadtrat eingezogen sind.« Für ihn war es Bürgerpflicht, bei der Kommunalwahl am vergangenen Sonntag seine Stimme abzugeben. Doch viele seiner Gemeindemitglieder haben das nicht getan. Dafür gibt es einen einfachen Grund: »Sie sind noch keine Staatsbürger«, sagt der 60-Jährige. Hinzu kommt die Sprachbarriere. Viele Zuwanderer sind des Deutschen noch nicht mächtig. Küf Kaufmann kann das nachvollziehen. Er ist selbst ein Zuwanderer. 1991 ist er aus Russland nach Leipzig gekommen. Und längst ist es »seine« Stadt.
Der Gemeindevorsitzende legt Wert darauf, dass der Einzug der Rechtsextremen kein Leipziger Phänomen sei. Einige Wahlplakate sprächen die Grundsorgen der Menschen an. »Wenn man den Schriftzug NPD von manchen Plakaten entfernen würde, dann würde ich auch für die dort geschriebenen Parolen stimmen. Wie zum Beispiel Familie, Heimat, Arbeit – dagegen habe ich selbstverständlich nichts. Aber soll ich wirklich glauben, dass sich darum ausgerechnet die NPD kümmert?«
Worum sich die rechtsextreme Partei allerdings »kümmert«, das weiß Marina Limperska seit ein paar Wochen. Als die 26-Jährige am Morgen vor der Eröffnung des Begegnungszentrums die Türen des Hauses aufschloss, drehte sie sich noch einmal um und traute ihren Augen nicht. Direkt gegenüber der Eingangstür hingen zwei Wahlplakate der NPD. Das sei zwar in einigen Bezirken der Stadt genauso, doch diese zwei Plakate waren am Abend zuvor noch nicht da. »Hätten wir nach der Zeremonie das Haus verlassen, wir wären direkt daraufzugelaufen.«, sagt Limperska. In diesem Moment wurde der Gemeindemitarbeiterin bewusst, wie nah die Politik an das Ariowitsch-Haus gerückt ist. »Aber ich fühle mich wohl in Leipzig. Es ist eine Studentenstadt, und Probleme gibt es überall.« Der Einzug der NPD in den Stadtrat ist für Marina Limperska »einfach nur peinlich«. Was ihr jedoch zu denken gibt, das ist die zunehmende Zahl rechter Aufmärsche.
Kollegin Alla Mostovetska sieht den Grund für die zunehmende politische Frustration der Menschen auch in der Wirtschaftskrise. »Einige in meinem Viertel merken, wie schwer der Alltag werden kann, wenn die wirtschaftliche Situation kompliziert ist.« Die 46-Jährige versucht, sich über die Wahlergebnisse nicht allzusehr aufzuregen, aber ignorieren kann sie sie auch nicht. Trotzdem muss sie erst einmal, so wie viele andere Gemeindemitglieder auch, ihren Alltag bewältigen, bevor es um Politik geht. Geld verdienen, die Familie über Wasser halten, die Schule der Kinder – das sind die Prioritäten, die Alla Mostovetska im Alltag setzt, setzen muss.
Wenn von bestimmten Gegenden in Leipzig die Rede ist, fällt auch schon mal das Wort »Problembezirk«. Küf Kaufmann kann mit diesem Begriff nichts anfangen. »Nicht alle Stadtteile, die als schwierig gelten, sind auch wirklich schwierig. Ich bin mit meiner Kippa durch einen dieser sogenannten Problembezirke gegangen. Kein Mensch hat sich für mich interessiert.«
Mehr Sorgen als die beiden NPD-Abgeordneten im Stadtrat machen dem Gemeindevorsitzenden deren Hintermänner und die »schweigende Mehrheit« der Bürger. Und dem will er ganz pragmatisch etwas entgegensetzen: Aufklärung. Für ihn heißt das, Juden und Nichtjuden sollen sich begegnen, einfach mal miteinander ins Gespräch kommen. »Wenn es gelingt, dass Menschen sich besser verstehen, dann haben wir mehr erreicht, als wenn es von oben herab heißt ›Antisemitismus ist nicht gut‹«, sagt Kaufmann. Das bedeutet auch, die Kultur des anderen kennenzulernen. Welche Feiertage haben Juden und wie begeht sie die Gemeinde? Zwar gibt es viele Projekte, die das gegenseitige Kennenlernen fördern, wie die bevorstehenden Jüdischen Wochen. Doch wie wird das weitergehen? Jetzt, mit zwei Rechtsextremen im Stadtparlament? »Für die Stadträte wird es komplizierter werden, denn sie werden immer ein Auge auf die NPD haben müssen«, sagt Kaufmann. Und falls er je mit den NPD-Abgeordneten zusam-
mentreffen sollte, hätte da auch schon ein paar Fragen an sie: »Wie stehen Sie zu unserem Haus – einer jüdischen Einrichtung, in dem alle herzlich willkommen sind? Wie stehen sie zu Fragen wie Glauben?« Einfach sei die neue Situation nicht, eher kompliziert.

kennenlernen Für Begegnungen wie die Jüdische Woche hat das Ariowitsch-Haus einen großen Gemeindesaal. Von dort aus kommt an diesem Freitag Musik, Klavier und Oboe. Eine Frauenstimme gibt Anweisungen auf Russisch: »Das bitte etwas stärker.« Familie Ratiner steckt mitten in den Proben. Immer wieder spielen sie die Stelle aus einem Samuel-Barber-Stück. Noch mal und noch mal, bis es perfekt klingt. Mutter, Vater und die erwachsene Tochter sind hoch konzentriert. Auf Rechtsextremismus oder Antisemitismus angesprochen, reagieren sie zurückhaltend, fast schüchtern. Das Thema will nicht so recht zwischen Notenschlüssel und Betonungszeichen passen. »Aber wir sind besorgt«, sagt die Tochter. Die Eltern nicken. Viel mehr wollen sie dazu nicht sagen. Die Probe geht weiter.

7. Oktober

Steinmeier: Antisemitische Hetze unerträglich aufgeflammt

Der schlimmste Anschlag auf Jüdinnen und Juden seit der Schoa: Der Bundespräsident verurteilt den Hamas-Terror vom 7. Oktober 2023. Und blickt auch auf die Lage im Gazastreifen

 08.10.2026

Terror

US-Präsident Trump glaubt, dass Iran hinter Flydubai-Attentat steckt

Noch ist unklar, ob und zu welchen ausländischen Organisationen der Attentäter Verbindungen hatte

 06.10.2026

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026