kolumbien

Draußen vor der Tür

Kolumbiens jüdische Gemeinde tritt in der Öffentlichkeit selten in Erscheinung. Kaum jemand weiß, dass der Gründer der weltberühmten Bavaria-Brauerei ein deutscher Jude war und in der Hauptstadt Bogotá ganze Straßenzüge mit jüdischen Häusernamen versehen sind. Kleine Geheimnisse, die ein Stadthistoriker gerade zutage fördert.
Die golden glänzende Statue ist schon von Weitem zu sehen. Nur einen Steinwurf entfernt von der Skulptur, die anmutig auf einem gegossenen Sockel kniet, haben die Blumenfrauen vom Zentralfriedhof Bogotás ihren Verkaufsstand aufgemacht. Mit »Don Leo« lässt sich Kasse machen, denn der »Heilige von Bogotá« mag Blumen. »Vor allem Rosen lassen ihn Wünsche erfüllen«, erklärt nicht ganz uneigennützig eine ältere Dame mit schadhaftem Gebiss. Zu Don Leo alias Leo Kopp kommen immer wieder Bittsteller aller Altersgruppen, denn der deutsch-jüdische Freimaurer gilt in Bogotá als Wohltäter, der schon zahlreiche Wünsche erfüllt hat. »Im richtigen Leben genauso wie im späteren«, erklärt Enrique Martínez (28) lachend. Er weiß nahezu alles über Leo Siegfried Kopp, der 1889 eines der berühm- testen Geschäfte des Landes, die legendäre Bavaria-Brauerei, gründete.

Einfluss »Gleich um die Ecke vom Friedhof, im Stadtviertel San Diego, stand die Cervecería«, sagt Geschichtsstudent Martínez, der auf den berühmtesten Deutschen in Kolumbien gestoßen ist, als er begann, zur Geschichte der jüdischen Emigration in Kolumbien zu forschen. Das ist das Thema seiner Abschlussarbeit an der Universidad Nacional, und Martínez kam auf die Idee, weil seine Mutter lange Jahre als Hausangestellte bei einer jüdischen Familie in Bogotá arbeitete. »In der kolumbianischen Gesellschaft sind die Juden nach außen kaum wahrnehmbar, aber sie haben beachtliches ökonomisches Gewicht«, sagt Martínez. Dafür stehen nicht nur Unternehmen wie Bavaria, das im Zweiten Weltkrieg enteignet wurde und seit 2006 zum Branchenkrösus SAB Miller gehört, sondern auch das Textilunternehmen Permoda, der Reiseveranstalter Aviatur oder der Kofferproduzent Totto.

Geschichte Die ersten Juden kamen im 18. Jahrhundert nach Kolumbien, die meisten wanderten über die Küstenstadt Barranquilla oder über die grüne Grenze Venezuelas ein. So auch Don Leo. Pogrome in Osteuropa waren ebenso ein Grund wie wirtschaftliche Schwierigkeiten auf Curaçao zu Beginn des 19. Jahhunderts. Die kleine Insel vor Venezuelas Küste war eine jüdische Enklave in holländischer Hand, fehlende wirtschaftliche Perspektiven sorgten für die Abwanderung der jüdischen Gemeinde in die Nachbarländer.
Unter den Emigranten war auch Juan Bernardo Elbers, der 1823 vom Freiheitskämpfer Simón Bolívar persönlich die Konzession erhielt, den Magdalena Medio, Kolumbiens größten Fluss, von Barranquilla aus mit dem Dampfboot zu befahren. Für die kleine Karibikstadt, die heute den wichtigsten Hafen des Landes beherbergt, war das ein Entwicklungsimpuls und auch ein Grund für die Formierung der ersten jüdischen Gemeinde Kolumbiens. »Es waren Sefarden aus Portugal und Spanien, die sich in Barranquilla 1874 zur Comunidad Israelita de Colombia formierten«, erzählt Enrique Martínez. Von dort zogen viele Familien weiter, weil die besseren Handelsperspektiven sie nach Bogotá lockten. Darunter auch Don Leo.
Bis weit in die 60er-Jahre schlug das Herz des jüdischen Lebens in Kolumbien im Stadtviertel La Soledad. Häuser im Bauhaus-Stil mit Namen wie Perla, Esther oder Dora zeugen genauso davon wie zwei Synagogen. In den 70er-Jahren zogen die meisten jüdischen Familien weiter in den Norden der Stadt, wo die Gemeinde ein großes Grundstück für den Bau einer neuen Synagoge erworben hatte. Damals war die Zahl der Juden im Land bereits rückläufig. Von schätzungsweise 15.000 Ende der 50er-Jahre sank sie auf heute rund 5.000.
»Die Erneuerung unserer Gemeinde und die soziale Arbeit steht für mich im Vordergrund«, sagt Oberrabbiner Solomon Meir Elharar (49). »Wir müssen mit der Jugend arbeiten, ihr etwas anbieten, denn sonst hat unsere Gemeinde keine Zukunft.« Folglich organisiert der Rabbiner den Jugendaustausch mit Israel, bemüht sich um Fördergelder und Kontakte zu anderen Gemeinden in der Region.

sozialarbeit Elharars Synagoge steht in dem Ruf, landesweit die aktivste zu sein, urteilt Carlos Schwartz, Herausgeber des jüdischen Magazins »Salomon«. Auch beim Sammeln von Spenden ist die Gemeinde weit vorn, wie die prall gefüllte Box im Eingang zum Büro des Rabbiners zeigt. Tikvá steht darauf und darin befinden sich Lebensmittel aller Art: Nudeln, Zucker, Kekse, Milchpulver, aber auch Kleidung und vieles mehr werden darin gesammelt. Einmal pro Monat verpackt man die Hilfsgüter in handliche Kartons und karrt sie nach Soacha, eine Vorstadt im Süden Bogotás. »Dort unterstützten wir seit vier Jahren rund 250 Familien mit unserer monatlichen Spende«, sagt der Rabbiner lapidar. Dass die regelmäßige Spende so manche Familie über Wasser hält, führt der Rabbiner nicht aus. »Helfen gehört nun mal zur jüdischen Kultur.«

Anita Lasker-Wallfisch

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