zwei Torarollen

Doppelte Freude

von Steffen Reichert

Netanel Teitelbaum ist die Freude anzusehen. »Hier tanke ich Kraft«, sagt der Sprecher der Orthodoxen Rabbinerkonferenz. »Obwohl ich zunächst annahm, hier Kraft spenden zu sollen.« Aber das, was er, seine Rabbiner-Kollegen aus ganz Deutschland, Gemeinde und Gäste an diesem Sonntag in der Synagoge der Magdeburger Gemeinde erleben, ist etwas ganz Besonderes.
Die Synagoge ist völlig überfüllt. Mit Einsetzen der Dämmerung hat sich der Zug von Menschen Meter um Meter durch die nahen Straßen zur Synagoge bewegt. Man lacht, tanzt und singt. Jetzt drängen sich Gemeindemitglieder und Gäste aus Politik und gesellschaftlichem Leben in den Räumen. Die Videokameras surren leise vor sich hin, viele schauen sich aus Platzmangel die Übertragung in den Nachbarzimmern an. Das deutsch-russische Stimmengewirr dringt bis auf die Straße.
Es liegt eine erwartungsfrohe Spannung im Raum: Alles schauen in Richtung Aron Hakodesch, dem »heiligen Schrein«. Es hat lange gedauert, bis verwirklicht worden ist, was die mehr als 600 Mitglieder der sachsen-anhaltischen Gemeinde als Projekt bereits vor Jahren begonnen haben: Zum ersten Mal seit mehr als 45 Jahren wird in der Gemeinde wieder eine Torarolle eingebracht. Und nicht nur das. Weil die Gemeindemitglieder unermüdlich Euro um Euro zusammentrugen, sich ehemalige Magdeburger dabei engagierten und auch anonyme Spender großzügig halfen, konnte sogar eine zweite handgefertigte Torarolle in Israel erstanden werden. Gewidmet sind sie den Opfern der Schoa sowie den Kindern und Jugendlichen der Gemeinde. Mit diesem liebevoll auf den dunkelblauen samtenen Toramänteln gestickten Hinweisen sollen Vergangenheit und Zukunft verbunden werden. Mit der doppelten Einbringung erlebten die Magdeburger einen »königlichen Schritt«, sagt Rabbiner Jakoov Ebert aus Würzburg. Nun hätten sie eine Tora für die Synagoge und eine für jeden Ort, an dem sie sich aufhielten.
Doch nicht nur im religiösen Sinne ist dies für die Magdeburger ein wichtiges Ereignis. Einst hatte die fast 2.000 Mitglieder zählende Gemeinde 23 solcher Rollen. Die Nationalsozialisten zerstörten jedoch in der Pogromnacht 1938 nicht nur die altehrwürdige Synagoge, sondern raubten auch die Torarollen. Ihr Verbleib ist bis heute unklar. Nur einmal konnte in den fünfziger Jahren Hachnassat Sefer Tora, die Einbringung, gefeiert werden. Anschließend war es ruhig um die Gemeinde geworden, in der sich nur noch wenige Überlebende der Schoa versammelten. Erst mit der politischen Wende 1989 und der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion blühte das Gemeindeleben neu auf.
Wie vielerorts in den neuen Bundesländern brauchte die Synagogengemeinde lange, um sich selbst zu finden. »Aber inzwischen sind wir auf sehr gutem Wege«, sagt Werner Täger, der Assistent des kommissarischen Geschäftsführers. Drei russisch sprechende Sozialarbeiter helfen den Gemeindemitgliedern bei der Integration, die vor allem für die älteren Juden nicht immer problemlos funktioniert. »Vor allem aber war uns klar, dass wir die Religionslehre voranbringen müssen«, erzählt Täger.
Seit wenigen Wochen – und der Stolz ist der Gemeinde anzumerken – hat sie einen eigenen Rabbiner. Mit dem 41-jährigen Ariel Lototzki haben die Magdeburger den ehemaligen Landesrabbiner Schleswig-Holsteins gewinnen können.
»Bei aller Freude, dass uns dies heute gelungen ist«, fasst der aus der Ukraine stammende und in Israel ausgebildete Lototzki zusammen, »wollen wir aber nach vorn schauen.« Er hat deshalb schon ein konkretes Projekt, das sich an die Kleinsten der Gemeinde richtet. Der Rabbiner will in Kürze eine Sonntagsschule für sie eröffnen, »damit wir unseren Jüngsten zeigen, wo ihre Wurzeln liegen«.
Ein Gedanke, den auch Landtagspräsident Dieter Steinecke (CDU) aufgreift. »Juden sind in dieser Stadt willkommen«, verspricht er und betont, er hoffe, dass die Gemeinde schon bald ein neue Synagoge erhalte. »Wir sollten mit diesem Traum nicht zu lange warten«, sagt er angesichts der Tatsache, dass die Gemeinde in ihren Räumen derzeit buchstäblich aus allen Nähten platzt – sie ist seit 1968 in einer ehemaligen Fabrikantenvilla untergebracht.
Rabbiner Lototzki ist es dann, der die Zeremonie leitet. »Das ist ein Tag, den jede Generation nur einmal erlebt«, ruft er aus. Als die Torarollen in den Aron Hakodesch eingehoben sind, spricht er den Segen.

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