»BallinStadt«

Disneyland der Migration

von Frank Keil-Behrens

Reisekoffer, ständig stolpert der Besucher über Reisekoffer oder Sackkarren mit Jutesäcken. Dazu Fotos, Briefe, Videoeinspielungen und lebensgroße sprechende Puppen: Das alles soll vom Los der Millionen Menschen erzählen, die zwischen 1850 und 1934, oft aus Osteuropa kommend, in den Auswandererhallen auf der Hamburger Elbinsel Veddel landeten, um von dort nach Amerika einzuschiffen. Für sie baute die Reederei Hapag unter ihrem Generaldirektor Albert Ballin zwischen 1901 und 1907 auf 55.000 Quadratmetern eine regelrechte Auswandererstadt.
Durchdringend tutet eine Schiffssirene, als würde der nächste Dampfer gleich ablegen. Der Naturalismus ist gewollt. »BallinStadt ist kein Museum – es ist ein Ort lebendiger und gelebter Geschichte auf historischem Boden«, erklären die Betreiber. Allerdings: Keines der ursprünglichen 30 Gebäude, in denen Hunderttausende Menschen manchmal wochenlang auf ihre Einschiffung warteten, ist noch erhalten. Stattdessen wurden drei Hallen komplett neu erbaut, die mit einer »interaktiven Edutainmentausstellung« ein Gefühl für das Damals erzeugen sollen. An zehn Computerterminals können Informationen über jeden der fünf Millionen Auswanderer abgelesen werden, die von hier ihren Weg nahmen. Man will möglichst viele Nachkommen der einst in die Neue Welt Ausgewanderten nach Hamburg lo-cken, um hier nach familiären Spuren zu suchen – und auch ihr Geld zu lassen. Die »BallinStadt Auswandererwelt Hamburg« ist ein kommerzielles Unternehmen. Die »Leisure Work Group«, die es betreibt, konzipierte zuvor ein Aquarium auf Sylt und die Biosphäre bei Potsdam.
Trotz allem Disneylandflair hat man aber auf historische Akkuratesse geachtet. So finden sich auch überall Hinweise auf die große Zahl von Juden unter den Auswanderern. Dass es in der Ballinstadt eine eigene Synagoge gab, wird ebenso erwähnt wie die Tatsache, dass die letzten jüdischen Flüchtlinge, die von Hamburg aus im Sommer 1934 nach Amerika fuhren, bis zuletzt um ihr Leben fürchten mussten: In einem Teil der Hallen war die SS-Standarte »Germania« eingezogen.
Bei aller Faktentreue freilich fehlen die Hintergründe. Da erzählt eine der sprechenden Puppen etwa vom Leben eines zehnjährigen jüdischen Mädchens, das mit seiner Familie im 19. Jahrhundert vor den Pogromen aus Russland fliehen musste. Doch nach kaum drei Minuten ist der Bericht zu Ende – und hinterlässt eine spürbare Leere. Die Chance, die Fluchtbewegungen der osteuropäischen Juden in ihrer ganzen Tragik und Bedeutung zu erklären und in einen politisch-geschichtlichen Kontext zu stellen, wurde nicht genutzt.
Ebenso wenn es um den Gründer der ursprünglichen Ballinstadt, den jüdischen Reeder Alfred Ballin geht. Zwar werden artig seine biografischen Eckdaten aufge-listet. Unbeleuchtet bleibt aber die gerade in seiner Person deutlich werdende Tragik des assimilierten deutschen jüdischen Bürgertums. »Der Reeder des Kaisers« war ein persönlicher Freund Wilhelms II. Doch in der Hamburger Gesellschaft wurde der Generaldirektor der Hapag als Jude weiter geschnitten. Da half auch sein extremer Patriotismus nicht, der so weit ging, dass Albert Ballin sich nach der Kriegsniederlage 1918 aus Verzweiflung mit Gift das Leben nahm.
Vollends patzt die Ausstellung schließlich, wenn es in die Gegenwart geht. Und das, wo doch das Thema Aus- und Einwanderung hier wirklich auf der Straße liegt. Im tristen benachbarten Wohngebiet Veddel kommt man locker aufeinen Migrantentanteil von mindestens 50 Prozent. Doch dieses Themenfeld ist offenbar zu heikel, um es zu vertiefen. Stattdessen sieht man eine Fototapete mit Kindergesichtern aus aller Herren Länder sowie eine Videoinstallation, in der einige der Kleinen sinnstiftende Sätze wie »Viel Glück!« oder »Deine Welt soll schön sein« in ihrer Mutter- sprache aufsagen dürfen. Kein Wort aber darüber, wie und warum es sie und ihre Eltern hierher verschlagen hat.
Fazit: Vieles wird angerissen, weniges vertieft. Für Amateurfamilienforscher auf den Spuren ihrer Vorfahren könnte dieses Mueum, das keines sein will, interessant sein, ebenso für jene, die von den Auswanderungswellen im 19. Jahrhundert wenig oder nichts wissen. Wer mehr und gar Hintergründiges über Migration und Flucht erwartet, wird allerdings enttäuscht werden.

BallinStadt, Veddeler Bogen 2, 20539 Hamburg. Mo - So.10 -18 Uhr
www.ballinstadt.de

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