Benjamin polewski

»Dieses Jahr wird vieles anders«

Als ich nach den Sommerferien das erste Mal wieder in der Schule war, bekamen wir von unserem Lehrer eine Liste mit den Terminen für die Abi‐Prüfungen. Da ist mir mulmig geworden. Bisher konnte ich immer sagen: Nächstes Schuljahr fange ich an, mich anzustrengen. Nun habe ich keine Ausrede mehr, denn die kommenden Monate sind entscheidend fürs Abitur. Das macht mir Angst. Aber ich werde es schon schaffen – mit meiner Willenskraft.
Ich bin 19 Jahre alt und gehe in die 13. Klasse der Berliner Jüdischen Oberschule. Im neuen Jahr wird vieles anders laufen als bisher. Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag zunächst alles für die Schule zu erledigen und erst dann Zeit mit meinen Freunden zu verbringen.

schwächen Das meiste muss ich für Deutsch tun. In meinem Kurs sind viele nette Leute, mit denen ich gern quatsche. Das ist ein Problem. Heute habe ich mich weggesetzt, an den Rand neben ein Mädchen, das gut ist in Deutsch. Mit ihr rede ich nicht so viel, obwohl sie nett ist.
Eine weitere Schwäche von mir ist Mathe. Aber ich habe dieses Schuljahr eine neue Lehrerin, und es sieht ganz so aus, als könnte ich schon allein dadurch besser werden. Die Lehrer setzen viel auf Selbstständigkeit, das finde ich gut. Sie versuchen uns anzuhalten, viel zu tun, aber sie bauen nicht auf Angst.
Mein Lieblingsfach ist Englisch, das fällt mir leicht. Ich war sieben Mal in Amerika, vier Jahre hintereinander im Schwayder Camp, einem Machane in den Rocky Mountains. Nächsten Sommer, nach dem Abi, möchte ich als Madrich dorthin fahren.
Was ich danach tun werde, weiß ich noch nicht. Mein Traum ist, im Fußball zu arbeiten, am liebsten als Sportmanager. Oder vielleicht in der Wirtschaft. Ich kenne mich gut in Börsendingen aus. Seit einem halben Jahr lege ich Geld an, investiere. Nicht trotz, sondern wegen der Wirtschaftskrise. So etwas wie Daytraden könnte ich mir als Beruf gut vorstellen. Das ist nicht so langfristig und entspricht eher meinem Naturell, denn ich bin ein Zocker. Wo man so etwas studieren kann, weiß ich nicht, ich habe mich noch nicht umgeschaut. Erst mal Abitur machen, dann sehe ich weiter.

militär Zur Bundeswehr werde ich nicht gehen, auch Zivildienst fällt weg. Meine Großeltern waren Schoa‐Opfer, ich bin per Gesetz vom Wehrdienst befreit. Auch zu Zahal möchte ich nicht gehen. Ich bin mir zu schade, im Krieg zu sterben – auch nicht für Israel. Darin sehe ich keinen Sinn.
Ich war schon drei‐, viermal in Israel, auch im Machane. Mein Verhältnis zu diesem Land ist sehr gut, ich fühle mich dort unglaublich wohl. Am meisten mag ich Eilat. Aber wohnen würde ich am liebsten in Tel Aviv. Und Jerusalem? Nun ja, interessant, aber zu krass.
Eines meiner Prüfungsfächer im nächsten Frühjahr ist Religion. Ich bin nicht religiös, aber den Stoff kann man gut lernen. Man kann sich in Religion gut rausreden, denn es geht viel um Auslegungen. »Warum hat ein Rabbiner dieses oder jenes gesagt? Erläutern Sie Ihren Standpunkt!« Na, da fällt einem doch immer etwas ein. Selbst wenn man nur einen Satz verstanden hat, hat man doch einen Standpunkt.
Meine anderen Prüfungsfächer sind Erdkunde und Biologie. Da muss ich viel, viel lernen. Eine Menge Arbeit machen bestimmt auch die Vorbereitungen auf die Präsentationsprüfung. Da habe ich im Hauptfach Geschichte gewählt und als Bezugsfach Sport. Mein Thema sind die Olympischen Spiele 1936 in Berlin. Sport interessiert mich sehr, bis vor Kurzem habe ich bei Makkabi Fußball gespielt.

barock‐sonette Was ich sonst in meiner Freizeit mache? Ich spiele E‐Gitarre, Songs von den Arctic Monkeys und The Hives. Außerdem höre ich viel Indie‐Rock. Und ich lese gern. Das mag verwundern bei einem, der in der Schule Schwierigkeiten in Deutsch hat. Aber ganz ehrlich, wer in meinem Alter interessiert sich für Barock‐Sonette? So etwas behandeln wir gerade. Mein Lieblingsautor ist Nick Hornby. Zurzeit lese ich A Long Way Down. Darin geht es um vier Leute, die sich zufällig auf dem Dach eines Hochhauses treffen, weil sie sich umbringen wollen. Sicherlich wird es ein Happy End geben. Aber es wäre zu klischeehaft, wenn alle überleben würden. Ich denke, einer wird wohl sterben.
Völlig am Ende fühle auch ich mich jeden Morgen. Denn ich muss um 6.30 Uhr aufstehen, obwohl ich eigentlich ein Langschläfer bin. Die Schule beginnt um acht. Manchmal fahre ich mit der S‐Bahn, viel lieber nehme ich aber das Auto, auch wenn ich fünf Minuten länger brauche und es schwierig ist, einen Parkplatz zu finden. Erst gestern stand ich falsch und habe einen Strafzettel bekommen.
Zweimal in der Woche, Dienstag und Mittwoch, habe ich mitten am Tag ein paar Freistunden. Da gehe ich mit Freunden in den Monbijoupark chillen, das ist gleich um die Ecke. Oder ich schaff’s in die Fitness Company. Aber jetzt habe ich mir vorgenommen, in Zukunft in dieser Zeit lieber Hausaufgaben zu machen oder für Erdkunde zu lernen.
Das kommt auch meinen Eltern entgegen. Sie sagen immer häufiger: Streng dich an! Und sie haben ja recht. Viele jüdische Eltern wollen, dass ihre Kinder Ärzte oder Anwälte werden. Ich habe es da gut: Meine Eltern drängen mich nicht in eine bestimmte Richtung. Durch meinen Bruder haben sie gelernt, dass man auch als Künstler erfolgreich sein kann. Bestimmt hätten sie es am liebsten, wenn ich etwas mit internationalem Management studieren würde. Aber sie lassen mir freie Hand. Weniger kompromissbereit als bisher werden sie im neuen Jahr allerdings sein, wenn ich ihnen von meinen Wochenendplänen erzähle. »Du bleibst zu Hause, du brauchst die Zeit zum Lernen«, werden sie bestimmt oft sagen. Ja, es sind eben doch jüdische Eltern.

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