Schnee in Jerusalem

Die weiße Stadt

von Ulrich W. Sahm

Im Schönwetterland Israel herrschte in der vergangenen Woche Ausnahmezustand. Schuld war ein ungewöhnlich kräftiges Tief, gefolgt von einer Polarfront. Bereits am Dienstag sorgten kräftige Re‐
genschauer und heftige Sturmböen für erhebliche Verkehrsbehinderungen. In der Folge kam es am Ben‐Gurion‐Flughafen zu erheblichen Verspätungen. Wegen starker
Winde musste eine Iberia‐Maschine sogar den Kurs ändern und nach Zypern ausweichen. In der Nacht zum Mittwoch folgten Schneefälle in Nord‐ und Zentralisrael. Berge und Hügel über 500 Meter waren mit einer weißen Decke überzogen.
Auch wenn es in Jerusalem eher Regen war, der vom Himmel fiel, wurde die Bevölkerung über Rundfunk und Fernsehen aufgefordert, möglichst zu Hause zu bleiben oder zumindest auf Fahrten mit dem eigenen PKW zu verzichten. Denn mit den in Israel üblichen Sommerreifen konnte sich sogar eine nasse Fahrbahn zu einer gefährlichen Rutschbahn verwandeln. Die Stadtverwaltung hatte vorsichtshalber 300 Tonnen Salz gekauft und Schneeketten für die Rettungsfahrzeuge besorgt. Viele Autofahrer ließen ihre Wagen am Mittwoch wirklich stehen, die Straßen der Hauptstadt waren auffallend leer. Dabei hatten die nächtlichen Schneefälle den parkenden Autos nur ein weißes Häubchen aufgesetzt. Gleichwohl war das öffentliche Leben weitgehend lahmgelegt.
Schulen und Kindergärten blieben ge‐
schlossen. Im Industrie‐ und Einkaufszentrum Talpiot im Süden der Hauptstadt waren alle Läden geschlossen, als wäre der Mittwoch zum Schabbat erklärt worden. Angereiste Israelis aus Tel Aviv, wo es nur
sehr selten schneit, kamen nach Jerusalem, um im zentralen Sakker‐Park mit ihren Kindern Schneemänner zu bauen. Das Ergebnis waren dann zumeist eher kümmerliche Häufchen Matsch, Eis – und nur ein wenig Schnee.
Im Biblischen Zoo Jerusalems zog es die Giraffen in ihren gewärmten Stall. Die afrikanischen Flamingos und das Nilpferd tauchten im nichtgefrorenen Teich des Zoos unter. „Im Wasser ist es wärmer als draußen im Hagel‐ und Regensturm“, erklärte Zoo‐Direktor Schai Doron. Und ein Reporter berichtete aus dem Tierpark: „Hypothermia ist für die Hippopotame (Nilpferde) kein Thema.“
Doch Hypothermia, lebensgefährliche Unterkühlung, ist vor allem für die Obdachlosen im Landeszentrum und für die Beduinen in der Negev‐Wüste im Süden ein kritisches Thema. Die Stadtverwaltungen von Tel Aviv sammelte Drogen‐ und Alkoholsüchtige ein, die in verlassenen Häusern übernachten, und versuchten sie in gewärmte Einrichtungen zu bringen. Mindestens sieben Menschen sind bereits erfroren, unter anderem in Bat Yam und Rischon Lezion. Dennoch wollten sich viele dieser Menschen, die auf Pappkartons und unter zerrissenen Decken hausen, oft nicht in die Heime retten. Die Jerusalemer Stadtverwaltung brachte Obdachlose in Hotels unter. Die Beduinen in der Wüste kämpften nicht nur gegen die Kälte, sondern vor allem gegen den Sturm. Der fegte ihre Ziegen‐ und Kamelhaar‐Zelte von den kahlen Hügeln. Vor allem Kinder wa‐
ren dadurch teilweise schutzlos den Naturgewalten ausgeliefert. Mehrere lebensgefährdend unterkühlte kleine Patienten wurden mit Körpertemperaturen unter 35 Grad ins Soroka‐Krankenhaus in Beer Schewa eingeliefert. Ein achtjähriges Mädchen erlag am Dienstag den Folgen der Unterkühlung.
In Jerusalem empfiehl die Stadtverwaltung noch am Wochenanfang, warmes Wasser permanent durch die Hähne tropfen zu lassen, um dem Einfrieren und Platzen von Wasserleitungen vorzubeugen. Weiter sollten Türen und Fenster abgedichtet und die Heizungssysteme überprüft werden. Viele Israelis heizen ihre Wohnungen derzeit mit Elektrogeräten, was zu einer Hochlast in Kraftwerken führt. Die Stromversorger warnten sogar vor Überlastungen des Netzes.
Auf den Golanhöhen freuten sich die Bewohner über das Winterwetter und die weiße Pracht. Sie beklagten sich aber insbesondere am Mittwoch, als der mit Spannung erwartete Winograd‐Bericht veröffentlicht wurde, über den schlechten Fernsehempfang, da sich Schnee auf ihren Satelliten‐Schüsseln gesammelt hatte.
Übrigens hat das Wetter noch andere Auswirkungen: Nachdem Einkaufszentren und Fabriken geschlossen blieben, weil die Verkäufer lieber zu Hause blieben und auch die Kunden sich nicht auf die nassen
Straßen wagten, rechnet man zum Beispiel in Jerusalem mit einem finanziellen Schaden von mindestens 55 Millionen Schekeln, etwa 10 Millionen Euro.

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