Yoram Ben-Zeev

»Die spannendste Aufgabe meiner Laufbahn«

Stahlblauer Himmel, 23 Grad. Über dem Gendarmenmarkt strahlt die Sonne. Die Hauptstadt genießt einen der letzten warmen Spätsommertage des Jahres. Auch Yoram Ben‐Zeev, Israels Mann in Berlin, ist sichtlich zufrieden. »Ist das nicht herrlich?«
Auf die Frage nach dem Lieblingsort fiel seine Entscheidung auf das »Refugium«. Ein Restaurant im Gewölbe der Französischen Friedrichstadtkirche. Bei diesem Wetter sitzen die Gäste aber lieber draußen, auf braunen Gartenstühlen an weiß eingedeckten Tischen. Andere Diplomaten hätten für ein Treffen eher das »Borchardt«, »Bocca di Bacco« oder ähnliche In‐Restaurants in Berlin‐Mitte vorgeschlagen. Dort, wo Szene, Politik und Medien zusammenkommen, wo man sieht und gesehen wird. »Mir gefällt es hier besser«, sagt Ben‐Zeev. »Ich liebe diesen Ort. Hier am Gendarmenmarkt habe ich das Gefühl, im Herzen Deutschlands und mitten in Europa zu sein«, sagt er und schaut über den Platz, wo Touristen fotografieren und Geschäftsleute vorbeieilen.
Yoram Ben‐Zeev nimmt einen Schluck Espresso. Er genießt es. Schon die wenigen Meter von seiner gepanzerten Limousine hierher zum Restaurant ist er geschlendert. Später entscheidet er, den Weg zu seinem nächsten Treffen – in der Nähe des Brandenburger Tors – zu Fuß zurückzulegen. Bald kommen wieder die ungemütlichen Monate. Kalt, grau, regnerisch. Das ist für den Tel Aviver, der mediterranes Klima gewöhnt ist, nicht so leicht. Auch deshalb nutzt er jetzt noch die Abende und Wochenenden intensiv, um seinem sportlichen Hobby in der freien Natur nachzukommen: Fahrradfahren. »Ich lege dabei so um die 50 bis 70 Kilometer zurück.« Ben‐Zeev wirkt mit seinen 65 Jahren sehr sportlich. »Er hat wirklich eine gute Kondition«, bestätigt einer seiner Leibwächter, die ihn auf seinen Touren in und um Berlin stets begleiten.
Nach diplomatischen Aufgaben in Hongkong, Manila und Los Angeles ist Ben‐Zeev seit Anfang 2008 in Berlin. Die Stadt ist mehr als nur eine weitere Station in seiner Karriere, meint er: »Das ist sicherlich die spannendste Aufgabe meiner diplomatischen Laufbahn.« Dabei sei er vor Amtsantritt noch etwas skeptisch gewesen. »Ich wusste um die guten Beziehungen unserer beiden Länder. Aber ich hatte keine Vorstellung, wie man mich hier aufnehmen würde. Schließlich bin ich nicht – wie manche meiner Vorgänger – deutscher Herkunft.« Doch seine Erfahrungen seien sehr gut, besser als erwartet, meint er. »Das ist für mich und meine Frau Iris sehr wichtig.«

yes we can Ein sehr interessantes Jahr liege hinter ihm, sagt Ben‐Zeev. Eines mit vielen wichtigen politischen Ereignissen in Israel und Deutschland. Und in den USA. Im November bestimmte die US‐Präsidentschaftswahl die politische Tagesordnung, auch in Jerusalem und Berlin. Nach der »Yes we can«-Euphorie ist in Israel inzwischen Ernüchterung und bisweilen Enttäuschung eingekehrt. Der Kurs, den Barack Obama in der Nahostpolitik eingeschlagen hat, wird offen kritisiert. Ben‐Zeev winkt ab. Er kenne Obama aus der Zeit, als er noch nicht nicht einmal Senator war. »Wir haben in ihm einen wahren Freund.« Doch das bedeute nicht, dass es nicht auch Meinungsverschiedenheiten gäbe, wie jetzt in Fragen der Siedlungspolitik. »Ich denke, dass Obama sich Israel und dem Friedensprozess verpflichtet fühlt. Und ich hoffe in unserem Sinne sehr, dass er bei seinen Bemühungen Erfolg hat.«
Im Dezember dann die Eskalation der Situation im Süden Israels. Dutzende Kassam‐Raketen gehen täglich auf die Städte und Dörfer in der Nähe des Gasastreifens nieder. »Das war wirklich eine unhaltbare Situation, seit acht Jahren wurde israelisches Territorium aus dem Gasastreifen heraus mit Raketen beschossen«, betont Ben‐Zeev. Ende Dezember, zu Beginn der Operation »Gegossenes Blei« war er in Israel, reiste aber gleich nach Deutschland zurück. »Wir haben sofort damit begonnen, der Politik und den Medien die Situation zu erläutern.« Bei der Regierung und vielen Bundestagsabgeordneten sei er auf großes Verständnis gest0ßen. Dennoch gab es – vor allem mit zunehmender Dauer des Militäreinsatzes – zahlreiche kritische Töne. Besonders enttäuscht haben ihn Stellungnahmen verschiedener Politiker der Linken. »Einige Vertreter dieser Partei nahmen damals an Demonstrationen teil, auf denen sogar zur Vernichtung Israels aufgerufen wurde. Ich habe Briefe von führenden Politikern der Linken bekommen, die sehr aggressiv und unangenehm waren.« Auch über manche Presseberichte hat er sich geärgert. »Aber das ist Teil der Demokratie.« Häufig hat er sich in dieser Zeit an die Medien gewandt, Zeitungs‐, Radio‐ oder Fernsehredaktionen besucht. »Nicht immer waren wir einer Meinung. Aber man gab mir die Gelegenheit, das zu sagen, was ich sagen wollte.«
Hat Israel mit dem militärischen Einsatz im Gasastreifen seine Ziele erreicht? »Kein Zweifel: Die Sicherheitslage hat sich deutlich verbessert.« In den vergangenen neun Monaten herrschte Ruhe im Süden Israels. »Und wenn ich etwas für das kommende Jahr wünschen kann, dann, dass die Situation so bleibt. Und auch, dass sich im Friedensprozess mit den Palästinensern etwas entwickelt.«

verkäufer Ben‐Zeev wurde in der 90er‐Jahren von der Jerusalemer Regierung als Chef‐Koordinator des Friedensprozesses mit den Palästinensern eingesetzt. Er nahm an den Verhandlungen der Osloer Verträge teil, war 2000 beim gescheiterten Gipfel in Camp David dabei. Aus diesen Erfahrung heraus blickt er mit einiger Skepsis auf den derzeitigen Streit um den Stopp des Baus jüdischer Siedlungen im Westjordanland. Das seien alles Detailfragen, meint er. »Wichtig ist die zentrale Frage: Wenn Israel alle Kompromisse in der Siedlungs‐ und Jerusalem‐Frage gemacht hat, wären die Palästinenser bereit, Israel als jüdischen Staat anzuerkennen? Und – noch wichtiger – würden sie dann das Ende des Konflikts erklären? Keine weiteren Forderungen, keine weiteren Ansprüche – sind sie bereit, dass zu versprechen?« Wenn diese entscheidenden Fragen geklärt seien, könne in der Region ein neues Kapitel der Beziehungen aufgeschlagen werden. »Dann könnten wir endlich wie gute Nachbarn leben, wie Deutsche und Franzosen.«
Im Februar wurde in Israel gewählt, Benjamin Netanjahu wurde Regierungschef. Ein politischer Kurswechsel. Natürlich sei es gelegentlich schwer, als Botschafter stets die neue Politik »zu verkaufen«. Dazu komme, dass es auch immer etwas Zeit brauche, bis eine Regierung die Grundsätze ihrer Außen‐, Innen und Sicherheitspolitik deutlich macht, meint Ben‐Zeev. Doch das sei inzwischen gelungen. »Man muss immer versuchen zu erklären. Das ist nicht immer einfach, aber das ist unsere Aufgabe.« In diesem Sinne fand auch der Besuch von Außenminister Lieberman im Mai in Berlin statt. Keine einfache Mission. Es habe viele schwierige Fragen gegeben, zum Beispiel im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages. »Aber der Minister hat sich den Fragen gestellt. Und das hat sehr geholfen.«
Auch in Deutschland wurde und wird gewählt: Drei Landtagswahlen vor knapp drei Wochen, Bundestagswahl am 27. September. Natürlich lässt sich ein Diplomat keine Antwort auf die Frage entlocken, welcher Partei er Erfolg wünsche und welcher eher ein schlechtes Ergebnis. Nur in einem ist er unmissverständlich: »Überall auf der Welt muss die Demokratie mit linken und rechten Bewegungen zurechtkommen. Nur bei der NPD ist das etwas anderes. Die bringt Deutschland nicht nur in die jüngste Vergangenheit zurück, sie bedroht auch die Zukunft.« Er habe in Dresden selbst eine NPD‐Demonstration verfolgt. »Und ich wusste: Das ist nicht Deutschland, das ist eine Minderheit.« Dennoch fragt er: Wie soll sich ein jüdischer Diplomat dabei fühlen, wenn er eine solche Kundgebung erlebt? Oder wenn er davon liest, dass ebenfalls in Dresden eine Ägypterin aus rassistischen Motiven ermordet wurde? »Ich kann nur immer wieder davor warnen, wie gefährlich diese Entwicklung ist, und wie fremd für die demokratische Kultur.«
Ein Thema, dass auch im zu Ende gehenden Jahr die außenpolitischen Bemühungen Israels geprägt hat, ist die nukleare Bedrohung aus Teheran. »Doch die gilt nicht nur für Israel, sondern auch für die arabischen Länder und die gesamte Welt.« Daher müsse die internationale Gemeinschaft entschlossen handeln, macht Ben‐Zeev klar. »Man muss eingestehen, dass die internationalen Bemühungen bislang keinen Erfolg hatten. Ich hoffe sehr, dass dies im kommenden Jahr anders wird.«
So strahlend blau wie an diesem Tag der Himmel über Berlin ist, so scheint auch kein Wölkchen die deutsch‐israelischen Beziehungen zu trüben. Ganz im Gegenteil. Vor drei Wochen war Benjamin Netanjahu in Berlin. »Das war ein sehr guter Besuch«, unterstreicht Ben‐Zeev. Der Premier habe Bundespräsident Horst Köhler, Außenminister Frank‐Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel getroffen. Und Merkel habe noch für 2009 geplante deutsch‐israelische Regierungskonsultationen angekündigt. Ein Ausdruck der besonderen Beziehungen. »Das kommende Jahr wird ein gutes.«

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