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Shavei Israel

Die Rückkehr-Helfer

von Baruch Rabinowitz

Sie sehen sich als Hüter ihrer Brüder. »Als Juden tragen wir moralische, historische und religiöse Verantwortung für die Menschen, die ihre jüdische Identität verloren haben«, sagt Michael Freund, Gründer und Leiter von Shavei Israel, einer Organisation, die »verlorenen Juden« dabei hilft, zum jüdischen Volk zurückzukehren. Für ihn und seine Mitarbeiter ist das nicht nur Theorie. Seit zehn Jahren versucht Freund, jenen Menschen zu helfen, die ethnisch und geistig dem Volk Israel verbunden sind, auch wenn sie keine halachischen Juden sind. Ihre Vorfahren waren einst Juden, aber Verfolgung, Assimilation und Mischehen haben ihre Verbindung zum jüdischen Volk unterbrochen. Heute sind ihre Nachkommen dazu eingeladen zurückzukehren.
Vor vier Jahren hat Michael Freund das Zentrum Shavei Israel in Jerusalem gegründet. Er und seine Mitarbeiter bemühen sich, die zehn verlorenen Stämme und alle anderen zu finden, die einst eine Verbindung zum Judentum hatten. Das Ziel ist, diesen Menschen den Weg zurück zu ihren Wurzeln zu zeigen und sie zu begleiten. »Sie sind unsere verlorenen Brüder und Schwestern, wir müssen ihnen helfen«, sagte Freund der Jüdischen Allgemeinen.
Vor drei Monaten wandte sich eine kleine Gemeinde aus der peruanischen Stadt Tarapoto an Shavei Israel mit der Bitte, sie beim der Suche nach ihren jüdischen Wurzeln zu unterstützen. Die Organisation half. Seit zwei Wochen hat die Dschungel-Gemeinde erstmalig einen Rabbiner. Der in Argentinien geborene Daniel Litwak ist 40 Jahre alt, wurde in Jerusalem ausgebildet, und betreute mehrere Jahre die jüdische Gemeinde in der bolivianischen Hauptstadt La Paz. Er wird die Gemeinde in Tarapoto einige Monate begleiten und unterrichten.
Die Gemeindemitglieder sind keine halachischen Juden, sondern Nachkommen von marokanischen Juden, die Ende des 19. Jahrhunderts ihre Heimat wegen Verfolgungen verließen und nach Brasilien auswanderten. Von dort zogen sie weiter nach Peru, ließen sich nieder und assimilierten sich. Heute versuchen ihre Nachkommen, die abgebrochene Verbindung zu ihrer Religion und zu ihrem Volk wiederherzustellen. Zum ersten Mal haben sie vor wenigen Tagen Tu Bischwat gefeiert. Mit großem Interesse lernen sie ihre Tradition wieder kennen. Zwei Mal täglich bietet der Rabbiner Unterricht an. Sein Ziel ist, der Gemeinde beizubringen, was es bedeutet, jüdisch zu sein. Morgens und abends versam- meln sich Dutzende Menschen zum Torastudium. »Ich bin froh hier zu sein. Die Menschen sind sehr wißbegierig und sehnen sich danach, zu ihren Wurzeln zurückzukehren«, sagt Litwak. Wie lange der Rabbiner in Tarapoto bleiben wird, steht noch nicht fest. Er wird aber versuchen, solange er da ist, die einzelnen Menschen auf den Weg zu einer jüdischen Identität zu bringen. Denjenigen, die dem jüdischen Volk angehören wollen, bietet das Hauptrabbinat des Staates Israel eine besondere Möglichkeit überzutreten und damit halachische Juden zu werden. »Ich bin sehr froh, daß das Hauptrabbinat so verständnisvoll ist und viel Sensibilität zeigt«, betont Michael Freund. »Shlomo Omar, der sefardische Hauptrabbiner, der auch für die Konversion zuständig ist, unterstützt uns sehr.«
Vergangenen September wurde auf Anfrage von Shavei Israel eine rabbinische Kommision nach Nordost-Indien geschickt, um die Identität der dort lebenden Juden zu untersuchen. »Rabbiner Omar hat es offiziell bestätigt, daß sie jüdisch sind, und 200 Menschen sind zurück zum Judentum konvertiert. Sie bereiten sich jetzt auf die Alija vor, und wir erwarten sie in Kürze in Israel«, sagte Freund. (Vgl. Jüdische Allgemeine vom 28. Juli 2005)
Nur wenige der »zurückkonvertierten« Juden bleiben in ihrer alten Heimat. »Die meisten verstehen, daß es für Juden das allerbeste ist, in Israel zu leben«, sagt Eliahu Birnbaum, Rabbiner von Shavei Israel und Leiter der rabbinischen Abteilung der Or-Torah-Stone-Jeschiwa in israelischen Efrat. »Aber wir helfen auch denjenigen, die ihre Gemeinde in ihrer Heimat aufbauen wollen.«
Shavei Israel ist überall da, wo Menschen ihre jüdische Identität entdecken und sich nach der Rückkehr zum Glauben ihrer Väter sehnen. »Wir suchen Rabbiner und Religionslehrer mit Erfahrung und Sprachkenntnissen, die sensibel genug sind für die komplizierte Aufgabe, eine Gemeinde zu betreuen, die zu ihren jüdischen Wurzeln erst finden muß«, sagte Rabbiner Birnbaum. Die Or-Tora-Stone-Jeschiwa bildet Rabbiner aus für dieses besondere Projekt. In den vergangenen Jahren hat die Organisation Rabbiner und Lehrer auch nach Polen, China und sogar nach Sibirien geschickt. Dort leben seit Jahrzehnten mehrere tausend Juden. Ihre Vorväter waren wahrscheinlich dorthin deportiert worden. Im Laufe der Zeit verloren sie ihren jüdischen Glauben und wurden Christen. Aber jüdische Elemente sind trotzdem geblieben. So feiern sie den Samstag als ihren heiligen Tag und nicht den Sonntag.
Erwartet Shavei Israel, daß alle Nachkommen von Juden konvertieren? »Nein, wir sind keine Missionare. Wir müssen uns aber auch um diejenigen kümmern, die bei ihrer Tradition bleiben wollen. Denn alle Juden sind füreinander verantwortlich«, sagt Freund.

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