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Die Rolle aus Amerika

Ein Jahr ist sie nun in Berlin, die Torarolle, die am Samstagabend im Betsaal des ehemaligen Jüdischen Waisenhauses gefeiert wird. Untergebracht in einem tragbaren Aron Hakodesch, der von der jüdischen Künstlerin Anna Adam extra gebaut wurde, steht sie im Mittelpunkt einer ganz speziellen Feier, zu der der Verein Ohel Hachidusch geladen hat. Denn der Verein hat Besuch aus der Gemeinde, von der sie die Tora gespendet bekommen hat. Und 60 weitere Interessierte kamen.
Ohel Hachidusch arbeitet europaweit und versteht sich als Initiative für Juden, die außerhalb der »eingefahrenen hierarchischen Strukturen« der jüdischen Gemeinden einen Ort suchen, um moderne jüdische Zukunftsvisionen zu entwickeln. Als Konkurrenz zu den bestehenden Ge‐meinden sieht man sich dabei nicht, sondern hofft auf Dialog und Austausch. Ohel Hachidusch hat seine Wurzeln unter anderem im Jewish Renewal Movement, der jüdischen Erneuerungsbewegung, mit seiner völligen Gleichstellung von Männern und Frauen und der Aufnahme auch derjenigen, die nach der Halacha keine Juden sind, weil zum Beispiel nur der Vater jü‐disch ist.
Zu den regelmäßigen Veranstaltungen des Berliner Ohel Hachidusch gehören beispielsweise Nigunim – Jewish Spiritual Singing and Learning, gemeinsame Schabbatfeiern und auch Workshops zu unterschiedlichen Themen, bei denen Musik, Meditation, Erzählung und Tanz eine große Rolle spielen.
Unter denen, die sich an diesem Abend in Pankow versammelt haben, sind auch 15 Amerikaner, denn die Beth Jacob Tora in Berlin wurde Ohel Hachidusch von der US‐Gemeinde Shir Tikvah Troy geschenkt.
Diese liberale Gemeinde war vor 26 Jahren buchstäblich auf einem Parkplatz gegründet worden, als zwei Jüdinnen aus Troy feststellten, dass man die langen Autofahrten in umliegende Synagogen satt habe.
Der Großraum Detroit war damals besonders für junge Leute attraktiv, die Autoindustrie bot glänzende Karriereaussichten, entsprechend dauerte es nicht lange, bis die Congregation Shir Tikvah zum ersten Gottesdienst einladen konnte. Nicht erst seit der Wirtschaftskrise hat sich das Leben in Detroit gründlich geändert. Rabbiner Arnie Sleutelberg seufzt, als er auf die Auswirkungen des Niedergangs von Ford und General Motors angesprochen wird. Viele Detroiter sähen sich nun gezwungen, in anderen Städten nach Arbeit zu suchen, und auch bei denen, die bleiben, macht sich die Krise bemerkbar, berichtet er: »Wir spüren schon, dass unsere Mitglieder beispielsweise nicht mehr so großzügig Geld spenden.«
Die Entscheidung, eine neue Tora‐Rolle anzuschaffen, sei »zum Glück schon vor dreieinhalb Jahren gefallen« – mit Rücksicht unter anderem auf die Kinder, denn die alten Buchstaben sind schwer zu lesen.
Die Gemeinde hatte die Tora‐Rolle, die später nach Berlin weitergegeben werden sollte, in den ersten Jahren ihres Bestehens geschenkt bekommen. Aus traurigem Anlass, denn die Gemeinde Beth Jacob in Pontiac war überaltet und wurde schließlich mangels Mitglieder aufgelöst.
Über die Geschichte dieser Tora‐Rolle ist wenig bekannt, der älteste der insgesamt neun Teile, aus denen sie besteht, ist 250 Jahre alt, der jüngste 70, ursprünglich dürfte sie einer Gemeinde in Osteuropa gehört haben. In der Nazizeit war sie anscheinend in der Tschechoslowakei von Unbekannten gerettet und versteckt worden und von dort aus irgendwann nach Amerika gelangt.
Während die derzeit noch einzige weibliche Tora‐Schreiberin, der Welt, Jan Taylor Friedman, die neue Rolle schrieb, beschäftigte man sich in Troy mit der Frage, wie man mit der alten verfahren wollte. Sie einfach nur im Hakodesch aufzubewahren, kam nicht in Frage: »Wir konnten uns noch gut erinnern, wie kostbar dieses Geschenk für uns war, und wie wichtig es für unsere Entwicklung gewesen ist, eine eigene Tora zu haben, deswegen kam es für uns nicht in Frage, sie zu behalten«, erklärt der Rabbiner. Schließlich startete man eine Ausschreibung, auf die sich neun Gemeinden aus den USA, Europa, Südamerika und Israel meldeten.

Offenheit Erwartet wurden »ähnliche Vorstellungen«, erklärt Rabbiner Sleutelberg. Dazu gehöre unter anderem auch, für gemischtreligiöse Familien offen zu sein, »bei uns dürfen Nichtjuden die Tora halten und aus ihr lesen, jeder ist willkommen«. In der Shul, wie das Gemeindehaus im Amerikanischen genannt wird, werden auch lesbische und schwule Paare nach jüdischem Ritus getraut. Rein rechtlich gelten diese Ehen dann zwar nicht als geschlossen, »aber es ist ganz wichtig, den Menschen das Gefühl zu geben, dass sie in ihrer Gemeinde so akzeptiert werden, wie sie sind«, sagt der Rabbiner.
Nicht nur Offenheit war ein wichtiges Kriterium für die Vergabe der Tora, »wir wollten sie nur an eine Gemeinde abgeben, die von Dauer ist«, wie Sleutelberg betont. Natürlich habe man »keine Kristallkugel, um in die Zukunft zu sehen, aber die Arbeit von Ohel Hachidusch ist beeindruckend.« Dass neben Pfarrer Chris‐tian Zeiske von der Gethsemane‐Kirche auch zwei Musliminnen an der Feier teilnehmen, freut Sleutelberg besonders: »Das ist Offenheit, wie wir sie uns vorstellen.«

Tränen Auch wenn an diesem Abend Rabbiner Walter Rothschild und Rabbiner Tuvia Ben‐Chorin betonen, dass sich mit der Rückkehr der Tora‐Rolle nach Europa ein Kreis geschlossen habe, war die Entscheidung für den Berliner Verein Ohel Hachidusch nicht jedem in Troy leicht gefallen. Vier Mitglieder der Gemeinde, darunter die Mutter von Sleutelberg, sind Holocaust‐Überlebende. »Es war nicht einfach, sie davon zu überzeugen, ihre geliebte Tora nach Berlin abzugeben«, sagt der Rabbiner, »denn für manche ist es schon unerträglich, den Klang der deutschen Sprache zu hören.« Er nahm sich viel Zeit für Gespräche, und schließlich waren alle einverstanden. Und sie waren sehr gerührt, als sie dann vor einem Jahr das Video von der Übergabe der Tora‐Rolle und die freudigen Reaktionen der Empfänger sehen konnten: »450 Leute, die sich buchstäblich die Augen ausheulen«, erinnert sich der Rabbiner, »der schönste Moment war für uns nicht der, in dem wir unsere Tora‐Rolle bekamen, sondern der, in dem wir sie weiterschenkten.«

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