Boykott

Die Milch macht’s

von Heide Sobotka

Donnerstagabend im Supermarkt: Das untere Regal der Kühltheke ist leer. In den oberen klaffen bei Joghurt, Sahne und Frischkäse ebenfalls erhebliche Lücken. Der Nachschub steht noch auf Holzpaletten und versperrt den Weg zwischen den Regalen. Mitarbeiterinnen des Frischmarktes füllen neue Ware in die Kühlregale. Bei der H-Milch lädt sich ein Mittfünfziger sechs Tetrapacks in den Einkaufswagen.
Nur wenige Stunden, nachdem ein großer Lebensmitteldiscounter dem Druck der Milchbauern nachgegeben und die Erhöhung der Milchpreise angekündigt hat, werfen die Geschäfte ihre Bestände zu herabgesetzten Preisen auf den Markt. Bis zu 14 Cent pro Liter billiger wird die Milch angeboten, und das Hamstern beginnt. Auch der Bioladen um die Ecke hat seine Preise gesenkt und bietet seine Biomilch für kurze Zeit deutlich günstiger an.
Die für den Montag angedrohte Preiserhöhung betrifft auch gläubigerJuden. Denn staatlich geprüfte Frischmilch ist koscher, bestätigt Rabbiner Tuvia Hod, bei der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands zuständig für die Kaschrutliste. So sind auch viele sogenannten Milchderivate, Frischmilchprodukte wie Joghurt, Sahne, Hüt- tenkäse oder Butter koscher und für den Verzehr auch frommer Juden geeignet – vorausgesetzt, sie stammen von Kuh, Ziege oder Schaf, also koscheren Tieren.
Viele koschere Lebensmittelanbieter haben deswegen Milch schon lange nicht mehr im Angebot. Maurice Elemaleh vom Kosher Deli in Berlin hat sie schon früh aus seinem Sortiment gestrichen. Er habe einmal einige Hundert Liter vernichten müssen, weil sie verdorben waren. Wegen ihrer kurzen Haltbarkeit und der geringen Nachfrage lohnt sich für ihn das Geschäft mit koscherer Milch nicht. Im Monat verkauft Aluva Heller von Aviv Frankfurt auch nur etwa 50 Liter Milch bundesweit. Er habe sich über die steigenden Preise noch keine Gedanken gemacht, sagt der Frankfurter Geschäftsmann. Heller meint, dass diejenigen, die streng koschere Lebensmittel über ihn beziehen, auch diese Preiserhöhung »schlucken werden«.
Die Erhöhung von zehn Cent für Milch und 20 Cent für Butter trifft alle. Denn viele Juden, die die Speisegesetze einhalten wollen, ernähren sich gern vegetarisch. Hierbei sind Milch und Milchprodukte besonders gefragt. Ihr hoher Calciumgehalt ist wichtig für den kindlichen Knochenaufbau. Ausreichender Milchkonsum beugt bei Älteren Osteoporose, Bluthochdruck, Herzinfarkt und Übergewicht vor.
Zehn bis zwölf Liter Milch kauft Aaron Appelfield für seine siebenköpfige Familie wöchentlich ein. Die Kinder trinken sie pur oder rühren den Kakao mit ihr an, brauchen sie für Müsli oder den Getreidekaffee. Aarons Frau Noemi benutzt Sahne für eine Gemüsesauce, überbackt Brokkoli oder Blumenkohl mit Käse oder würzt Grünes gern mit Parmesan. Da fallen 10 Cent pro Liter Milch und die höheren Kosten für Käse schon ins Gewicht.
Wer bei Hartkäse auf Nummer Sicher gehen will, wählt im Zweifelsfall den koscheren. Nur dann weiß er, dass kein tierisches Lab aus Kälbermägen verwendet wurde, sondern mikrobielles Lab, das in Fermenten mit Hilfe von Schimmelpilzen gewonnen wird. Und koscherer Hartkäse ist ohnehin sehr teuer. Von den sechs bis acht Euro für Emmentaler oder Gouda im Einkauf habe er sich schon lange verabschieden müssen, sagt Maurice Elmaleh. Heute sei man schon bei einem Preisniveau von neun bis zehn Euro pro Kilo angelangt. Elmaleh bezieht seinen Käse aus Belgien oder Dänemark, auch Frankreich und die Niederlande haben Molkereien, in denen unter rabbinischer Aufsicht Käse hergestellt wird.
In Brandenburg wurde ebenfalls noch bis vor Kurzem koscherer Camembert produziert. Doch die Preise konnten die Herstellungskosten nicht decken. Zu hoch ist der Aufwand bei der Käseverarbeitung, die eine rabbinische Aufsicht beim Produktionsprozess erfordert, und zu gering der Absatzmarkt in Deutschland.
Anders sieht es bei der Herstellung von Milchpulver aus. Hier hat der Protest der Milchbauern Auswirkungen bis nach Israel gezeigt. Aufgrund ihrer großen Milchhöfe, die noch aus DDR-Zeiten erhalten blieben, sind die östlichen Bundesländer wichtige Lieferanten für glattkoschere Milch, Chalav Yisroel genannt. Sie benötigt man für die Herstellung von Milchpulver für Babynahrung. Deutschland ist einer der größten Lieferanten für den israelischen Markt.
Seit 15 Jahren überwachen Mitglieder des Beit Din aus Israel die Herstellung von Chalav Yisroel vom Melkvorgang bis zum Pulver. Als die Bauern zehn Tage die Anlieferung von Milch boykottierten, musste die Produktion eingestellt werden. Denn für die Herstellung von 1 Kilogramm Trockenmilchpulver sind 6 bis 7 Liter Milch erforderlich. Die Mitarbeiter des rabbinischen Gerichts wurden nach Israel zurückgeschickt, weil es für sie nichts zu tun gab.
Inzwischen liefern die Bauern wieder. Die israelischen Fachleute kommen wieder zurück. Die Regale mit Frischmilch sind wieder gefüllt – die Preise gestiegen. Rabbiner Jonah Sievers aus Braunschweig zeigt Verständnis für die Milchbauern. »Schließlich müssen auch sie von dem leben, was sie erwirtschaften«, sagt er.

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