Ari Folman

Die Hunde des Krieges

von Ann-Catherin Karg

Dass beim Festival von Cannes, den wohl bedeutendsten Filmfestspielen der Welt, ein fast unbekannter israelischer Regisseur im Wettbewerb um den Hauptpreis mit Clint Eastwood, Steven Spielberg, Atom Egoyan und Woody Allen konkurriert, ist an sich schon eine Sensation. Dass seinem Film von den Kritikern auch noch gute Chancen auf die Goldene Palme attes-tiert werden, ist noch ungewöhnlicher. »Waltz with Bashir« von Ari Folman ist seit dem Screening vorigen Donnerstag ein heißer Favorit. Das hat mit dem Thema zu tun, aber auch mit der ungewöhnlichen Machart. Folman hat ein neues cineastisches Genre geschaffen, den animierten Dokumentarfilm. Als Grundgerüst dient eine konventionell gefilmte und geschnittene Dokumentation. Danach werden die Filmaufnahmen durch einen Mix aus klassischer Animation, Flash-Animation und 3D-Animation ersetzt. Ähnlich einer Graphic Novel schildert Folman so die Erlebnisse eines israelischen Soldaten im Libanon-Krieg 1982 und das Massaker von Sabra und Schatila, als die mit Israel verbündete christliche Falangemiliz in zwei palästinensischen Flüchtlingslagern tausende Zivilisten abschlachtete. Die israelische Armee ließ die Milizionäre gewähren. Eine spätere Untersuchung durch eine israelische Kommission wies dem damaligen Verteidigungsminister Ariel Scharon persönliche Verantwortung für die Geschehnisse zu. Scharon musste daraufhin zurücktreten.
Die schmerzhafte Reise in die Vergangenheit beginnt in einer Bar. Boaz erzählt seinem Freund Ari, dem Regisseur des Films, von seinem immer wiederkehrenden Albtraum: 26 blutrünstige Hunde sind ihm jede verdammte Nacht auf den Fersen. Unter wildem Gejaule verfolgen sie zähnefletschend ihr Opfer und stellen es schließlich. Erst in letzter Sekunde kann sich der Verfolgte in die Realität flüchten und erwacht schweißgebadet. Hintergrund des Traums ist Boaz’ Einsatz im Libanon 1982. Da er sich nicht traute, auf Menschen zu schießen, wurde ihm das Töten der Dorfhunde befohlen. Deren Geister suchen ihn wie Zombies nun Nacht für Nacht heim.
Ari, der selbst auch im Libanonkrieg mitgekämpft hatte, stellt, während er Boaz zuhört, erstaunt bis erschrocken fest, dass er sich kaum an diese Zeit erinnern kann. Eine riesige Lücke klafft in seinem Gedächtnis. »Wo zur Hölle war diese Geschichte mein Leben lang versteckt?«, fragt er sich und beschließt, einige seiner Kriegskameraden aufzusuchen, um im Gespräch die Vergangenheit zu rekonstruieren. Schritt für Schritt kommen die Erinnerungen wieder, zunächst in Form surrealistischer Bilder. Die Grenze zwischen Realität und Einbildung verschwimmt – was bleibt ist Verwirrung.
Um dem Publikum eben dieses Gefühl der Unsicherheit und Unbestimmtheit vermitteln zu können, hat Ari Folman seine cineastische Technik des animierten Dokumentarfilms entwickelt. »Waltz with Bashir« lebt von Vorstellungskraft, Traum und Erinnerung – Elemente, die, so der Regisseur, sich am besten in Comicform darstellen lassen. »Es geht um Erinnerun-gen und verschüttete Erlebnisse. Es geht um Träume, um Halluzinationen und das eigene Unterbewusstsein. Diese Dinge lassen sich am besten zeichnen.« Denn, fährt Folman, rhetorisch fragend, fort: »Wie hätte der Film denn ausgesehen, wenn ich eine normale Dokumentation daraus gemacht hätte? Man sähe einen Mann mittleren Alters zwischen 40 und 45, der Interviews gibt. Der in die Kamera Geschichten erzählt, die 20 Jahre zurück- liegen. Damit hätte man keine 90 Minuten vollgekriegt. «
Folman, der seinen Film mit sehr niedrigem Budget drehte, will mit der animierten Form eine junge Zielgruppe ansprechen. Damit die Zuschauer dabei nicht vergessen, dass es sich hier nicht um ein Videospiel handelt, endet die Animation kurz vor Ende des Films. Dann kommen reale Bilder des Massakers. »Ich wollte nicht, dass das Publikum aus dem Kino spaziert und sagt: Das ist ein netter Animationsfilm«, erklärt der Regisseur. »Der Schluss rückt alles ins rechte Licht. Diese Sache ist wirklich passiert, Tausende von Menschen wurden getötet, Kinder, Frauen und Alte. Diese 50 Sekunden waren mir sehr wichtig.«
Die eingespielten Archivsequenzen zeigen die brutale Realität des Massakers. Der Comic-Stil der Hauptgeschichte macht die dargestellten Ereignisse ertragbarer, ohne das Geschehene zu verharmlosen. Ganz im Gegenteil entspricht die ästhetische Form des Films wohl am ehesten dem, wie ein junger Soldat die überwältigenden Erlebnisse des Krieges subjektiv erfährt: scho-ckierend, laut und schnell. Das Visuelle dominiert und hilft über kleinere dramaturgische Schwächen und Unfeinheiten hinweg. Gestützt werden die lakonischen Bilder durch den kongenialen Soundtrack von Max Richter, der an den Pop der 1980er-Jahre erinnert.
»Waltz with Bashir«, das betont Ari Folman immer wieder, ist nicht als politischer Film gedacht. Ihm gehe es vor allem darum, persönliche Erinnerungen und Erlebnisse zu rekonstruieren und therapeutisch aufzuarbeiten. Dennoch dürfte der Film beim Kinostart nicht nur in Israel für Gesprächsstoff sorgen. Einige Zuschauer werden Probleme damit haben, dass Parallelen zwischen den von der israelischen Armee zwar nicht verübten, aber geduldeten Palästinenser-Massakern und dem Morden in Auschwitz angedeutet werden. Auf Seiten der Palästinenser wird sich die Kritik wahrscheinlich daran entzünden, dass die Geschehnisse einseitig aus der Sicht eines israelischen Soldaten erzählt werden.
Seinen ersten Test – das Screening in Cannes – hat Folmans Werk mit Bravour bestanden. Der ungewöhnliche Genre-Mix, die beeindruckenden Bilder und die stimmige Musik faszinierten und bewegten Zuschauer und Kritik. Bei den Jury-Beratungen um die Preisverleihung wird dieser Film mit Sicherheit auf der Agenda stehen.

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