Filmporträt

Die Heimsuchung der Hilde D.

von Jessica Jacoby

Hilde Domin, eigentlich Hilde Löwenstein (1909-2006), die im dominikanischen Exil mit 42 Jahren zu schreiben begann, war nicht nur eine der wichtigsten deutschsprachigen Gegenwartslyrikerinnen. Sie wusste auch allzu aufdringliche Journalisten auf Abstand zu halten. Eine Ausnahme machte sie für Anna Ditges, eine junge deutsche Filmemacherin, die fasziniert war von Domins sprachlicher Eindringlichkeit, ihrer sehr bewegten, sehr jüdischen Biografie und dem Ruf der Unzugänglichkeit.
Das war ein Fehler. Denn Ditges Porträt Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin, das diese Woche in die Kinos kommt, zeigt nicht nur, wie Domin Gedichte schreibt oder für eine Büste Modell sitzt, lässt sie nicht bloß aus ihrem Leben erzählen – von der glücklichen Kindheit und Jugend in Köln, über die Flucht vor Hitler in die Karibik bis zur späten Karriere in Deutschland.
Der Film zeigt auch und vor allem Bil-der von atemberaubend voyeuristischer Schamlosigkeit. Bis die hölzerne Taube, der Hilde Domin ein Gedicht widmete, mit der Dichterin zu Grabe getragen wird, haben die Zuschauer einiges auszuhalten. Sie müssen zusehen, wie die Greisin auf einem Heidelberger Friedhof verzweifelt nach dem Grab ihres Mannes sucht, des 1988 verstorbenen Dichters Erwin Walter Palm, der nie den selben Ruhm wie seine Frau erreichte und damit nicht zurechtkam. Sie erleben Domins vergebliche Telefonanrufe an ihrem letzten Silvester mit, die niemand mehr entgegennimmt. Unerbittlich penetrant und allgegenwärtig kriecht die Kamera dabei in jede Gesichtsfalte förmlich hinein, so sehr Hilde Domin versucht, das abzuwehren.
Ohne jeden Sinn für Diskretion und Anstand fragt Anna Ditges die 95-Jährige nach den Qualitäten ihres Mannes als Liebhaber oder nach Einzelheiten eines Schwangerschaftsabbruchs, bohrt respektlos nach, wenn Domin eine Frage nicht beantworten will.
Hilde Domin war eine starke, auch egozentrische Frau. Da lockt es natürlich, auch ihre verletzliche Seite zu zeigen. Das ist im prinzip auch legitim: Filme, deren Macher in Ehrfurcht vor ihren Protagonisten erstarren, vermögen meist nicht, die Zuschauer zu berühren. Aber es gibt eine Grenze zwischen Nähe und voyeuristischer Distanzlosigkeit. Erstere entsteht von allein und erlaubt den Protagonisten, freiwillig Dinge von sich preiszugeben, die sonst unter Verschluss bleiben würden. Letztere manipuliert und beutet aus. Anna Ditges, 26 Jahre alt, passt mit ihrer Haltung zu einem Zeitgeist, der Indiskretion als Intimität verkauft.
Hilde Domin war im Alter vereinsamt, brauchte Gesellschaft, wollte vielleicht nicht allein sterben. Das mag erklären, wieso sie einer Anna Ditges Einlass in ihr Leben gewährte und sie nicht kurzerhand hinauswarf. Ich will dich – Begegnungen mit Hilde Domin heißt der Film. Aus den Begegnungen ist eine Heimsuchung geworden.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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