Pessach

Die Fackel der Aufklärung

von Hannes Stein

Nein, es ist nicht wahr, dass die Freiheitsstatue ein Stück Mazze unter ihren rechten Arm geklemmt hat. In ihrer hochgereckten linken Hand hält die Göttin auch nicht jenen Hirtenstab, den Charlton Heston sel. A. in seiner berühmtesten Rolle dazu benutzte, um das Rote Meer zu teilen. Überhaupt handelt es sich bei der von grünem Edelrost bedeckten Dame auf Liberty Island um eine ziemlich heidnische Gestalt: eine entfernte Verwandte von Artemis und Athene. Das kommt daher, dass die junge amerikanische Republik sie 1876 von den Franzosen geschenkt bekam. (Ausgerechnet!) Die Franzosen aber kamen, als sie ihre Revolution machten, ganz ohne Zitate aus der Heiligen Schrift aus. So reckt die kupferne Lady aus dem Lande Robespierres nicht den Stab Moses’, sondern die Fackel der Aufklärung in den Frühlingshimmel über New York.
Mir gefällt diese französische Freiheitsstatue, aber ich bin trotzdem kein Freund der Französischen Revolution. Sie kommt mir wie ein verrücktes totalitäres Experiment vor. Robespierres Genossen errichteten in Paris nach 1789 einen neuheidnischen »Kult der Vernunft«, dem Menschen- opfer dargebracht wurden. Die amerikanische Revolution von 1776 war da anders, sie war weniger fanatisch. Vielleicht liegt das daran, dass sie ihre Wurzeln nicht in der französischen, sondern in der angelsächsischen Aufklärung hatte, genauer gesagt: in der schottischen. Und die schottischen Aufklärer brachen nicht mit der jü- disch-christlichen Überlieferung.
Als die Amerikaner gegen das englische Mutterland revoltierten, spielten sie biblische Heilsgeschichte nach. Die Neue Welt galt ihnen als Kanaan. Der englische König George III., der den Amerikanern die Unabhängigkeit verweigerte, wurde der »Pharao in Übersee«. Die Continental Army war, wenn sie gegen die britischen Rotröcke Krieg führte, das kämpfende Gottesvolk. George Washington war Moses, der die Israeliten in die Freiheit führte. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 beginnt mit einer kühnen theologischen Feststellung. »Wir halten die folgenden Wahrheiten für selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen wurden, dass der Schöpfer sie mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet hat, dass sich unter diesen Leben, Freiheit und das Streben nach Glück befinden.«
Das Wunderbare ist, dass sich hier nicht ein Wort von selbst versteht. Kein Athener zur Zeit des Perikles hätte unterschrieben, dass der Schöpfer alle Menschen – Griechen und Barbaren, Freie und Sklaven, Männer und Frauen – mit gleichen Rechten ausgestattet habe. Um auf diese verwegene Idee zu kommen, muss man schon mal etwas vom Auszug aus Ägypten gehört haben.
In der amerikanischen Verfassung wird Haschem Elokeinu mit keiner Silbe mehr erwähnt. Stattdessen wird dort die absolute Trennung von Staat und Religion festgeschrieben. Hinter der amerikanischen Verfassung steht dennoch eine Vorstellung, die mit heißer Nadel direkt aus der Tora abgekupfert wurde: Die amerikanische Nation wird durch das Gesetz konstituiert, ein Gesetz, das regelt, wie man die Macht mithilfe von »checks and balances« so verteilt, dass sie keinen mächtig macht; kein Diktator, kein Pharao soll sich über die anderen Menschen erheben. Mit anderen Worten: Die Amerikaner verstanden sich von Anfang an als Gottesvolk am Sinai. So tief reichte die Identifikation mit dem Auszug aus Ägypten, dass Benjamin Franklin vorschlug, auf dem Staatssiegel abzubilden, wie die Israeliten trockenen Fußes durch das Meer waten, während die Wellen über dem Heer der Sklaverei zusammenschlagen.
Das amerikanische Beispiel ist Beweis: Wer das Judentum eine Stammesreligion nennt, redet wirr. Es hatte immer eine universale Botschaft. Der Ewige lässt dem auserwählten Volk durch seinen Propheten Amos ausrichten: »Seid ihr Kinder Israel nicht genauso die Meinen wie die Mohren?, spricht der Herr. Habe ich nicht Israel aus Ägyptenland geführt, und die Pelischtim aus Kaftor, und die Aram aus Kir?« Nicht nur die Juden haben eine Befreiungsgeschichte. Die heidnischen Nationen sind genauso Teil des göttlichen Heilsplanes. Darum: Wenn man sich am Sederabend zurücklehnt und seine vorgeschriebenen vier Gläser Wein trinkt, ist es nicht gerade verboten, einen Augenblick lang an Tibet zu denken. An die Soldaten des chinesischen Pharao, die dort heute Jagd auf Menschen machen; an die Foltergefängnisse, in denen Leute verfaulen, nur weil sie keine Lust hatten, den kommunistischen Götzen anzubeten. Mögen wir erleben, wie Nachbildungen der Freiheitsstatue in der tibetischen Hauptstadt Lhasa, aber auch in Peking errichtet werden – bald und noch in unseren Tagen.

Anita Lasker-Wallfisch

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