Collier Schorr

Die einzige Jüdin im Ort

Von Georg Patzer

Ein junger Mann in SS-Uniform: Die blonden Haare schimmern, die Riemen und Knöpfe blitzen, in seinen Händen hält er einen Stahlhelm mit Runen. Ein paar Bilder weiter läuft ein kleiner Junge in Lederhose durch einen Garten. Dann wieder sitzt ein Mädchen im Sommerkleidchen auf einer Wiese, die blonden Haare fallen ihr weit über den Rücken. Auf einem zweiten Foto sieht man das Mädchen noch einmal, von hinten, jetzt scheint ihre Haarpracht mit den hochstehenden Halmen zu verwachsen: ein blondes deutsches Märchenprinzesschen im Märchenland.
Die Schwarzweiß-Fotos von Collier Schorr, die der Badische Kunstverein Karlsruhe bis zum 18. März zeigt, scheinen auf den ersten Blick Bilder einer längst untergegangenen deutschen Idylle zu sein, romantisierend, schöngezeichnet, wie in der Werbung oder der Nazi-Propaganda. Fast. Doch der Bub trägt zu seinen urdeutschen Lederhosen Schuhe mit Klettverschluss und der Stahlhelm mit Siegrunen, den der SS-Mann in der Hand, hält, ist voll mit Äpfeln und Orangen. Die Abgebildeten leben hier und heute.
Forests & Fields – Wälder und Felder nennt die amerikanische Fotografin Collier Schorr ihre Ausstellung mit Bildern aus Schwäbisch Gmünd. Und was will uns die Künstlerin mit ihren Fotos sagen? Dass die Deutschen von heute im Herzen immer noch Nazis sind? Nein, wohl eher versucht Collier Schorr mit ihren verfremdeten Inszenierungen die eigenen Vorurteile und Ängste zu problematisieren, vielleicht sogar zu ironisieren. Die junge jü- dische New Yorkerin kam 1989 zum ersten Mal in die deutsche Kleinstadt, in eine für sie fremde und befremdende Welt, in der sie sich sofort als Außenseiterin fühlte. An einem Hausgiebel fiel ihr zum Beispiel einmal die Inschrift »ANN FRAN« auf: »Ich merkte, dass ich etwas sah, was sonst niemand sah. Keinem der Einwohner ist das je aufgefallen.« Kein Wunder: Schorr war die einzige Jüdin im Ort. Auch wenn in ihrer unmittelbaren Familie niemand der Schoa zum Opfer gefallen ist – ihre Großeltern und Eltern waren lange vor dem Holocaust aus Rumänien in die USA ausgewandert – waren für die junge Frau die Deutschen dennoch »die Feinde«. Das änderte sich. Collier Schorr freundete sich mit Schwäbisch Gmündern an, sprach mit ihnen über die deutsche Geschichte und kommt seither jedes Jahr wieder.
Diese Menschen sind der Ausgangspunkt der Bilder. Viele Bekannte von Schorr stellten sich als Modell zur Verfügung, ließen sich auf ihre Inszenierungen ein, wie der junge Mann, der die SS-Uniform anzog. »Beim Anziehen ist er durch alle Stadien von Gefühlen gegangen: Staunen, Angst, Scham, Wut. Er hat quasi die emotionale Geschichte Deutschlands in einer halben Stunde durchlebt«, berichtet die Fotografin. Auch sie selbst wurde mit der Historie konfrontiert. Von einem alten Mann, der sie immer sehr freundlich behandelt hat, erfuhr Schorr, dass er Aufseher in Dachau gewesen war. Kaum jemand aus dem Ort wusste das. Sie lichtete ihn ab, mit all seinen Gebrechen, und seinen kleinen Enkel fotografierte sie in Lederhosen, wie auf einem uralten Familienfoto.
Es sind gestochen scharfe Aufnahmen, mit einem studiohaft künstlichen Aufbau, bis ins kleinste Detail durchkomponiert, klar und präzise inszeniert. Sehr distanziert beobachtet Schorr ihre Umwelt, dennoch liegt etwas Geheimnisvolles und Unbestimmtes in den Fotos. Einerseits besit- zen die Fotos eine Eindringlichkeit, etwas scharf Analytisches und trotzdem eine große persönliche, fast private Nähe zu den Abgebildeten: unmöglich, sie eindeutig zu interpretieren, sie festzulegen.
Collier Schorr ist keine besonders fromme Jüdin. Einmal, erzählt sie, wollte sie in Stuttgart in den Gottesdienst und war verstört, als sie in der Synagoge nur sieben alte Männer antraf. Aber dass sie in jeder Faser Jüdin ist, steht für sie außer Frage. Das Thema Judentum hat sich ihr nicht zuletzt in Deutschland geradezu aufgedrängt. Schorrs nach eigener Einschätzung »jüdischstes Bild« ist das von zwei Mädchen, die in einer Scheune stehen: »Als wenn sie sich gerade verstecken würden.«

Collier Schorr: Forests & Fields
Badischer Kunstverein Karlsruhe, Waldstr. 3. bis 18. März
www.badischer-kunstverein.de

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