Barack Obama

»Die Beziehungen sind sehr gut«

Rabbi Schneier, bei den US-Präsidentschaftswahlen haben mehr als drei Viertel der jüdischen Wähler und 96 Prozent der Schwarzen für Barack Obama gestimmt. Was sagt das über das Verhältnis zwischen beiden Gruppen aus?
schneier: Keine Gruppierung der amerikanischen Gesellschaft hat die schwarze Community im Kampf um die Bürgerrechte so stark unterstützt wie die Juden. Die schwarz-jüdische Allianz war verantwortlich für die früheren sozialen und politischen Veränderungen in der Geschichte der USA. Dass Barack Obama ins höchste Amt gewählt wurde, ist auch ein Ergebnis der einzigartigen Rolle, die die jüdische Gemeinschaft im Kampf für Bürger- und Menschenrechte gespielt hat.

Neuerdings sehen manche Beobachter dunkle Wolken aufziehen. Wie ist das schwarz-jüdische Verhältnis heute?
schneier: Die Beziehungen zwischen Juden und Schwarzen waren 1991 während der Ausschreitungen in Crown Heights in New York auf dem Tiefpunkt. Doch seitdem haben führende Vertreter beider Seiten viel Zeit und Energie darauf verwendet, das gute Verhältnis wiederherzustellen. Wenn ich die Beziehungen zwischen Juden und Schwarzen heute definieren müsste, würde ich das Wort Kooperation benutzen. Bundesweit bestehen Programme, in denen Juden und Afroamerikaner gemeinsame Werte erkunden und wiederentdecken.
Sie leiten eine interkulturelle Dialoggruppe. Über welche Themen sprechen Sie mit Ihren afroamerikanischen Partnern?
schneier: Die Foundation for Ethnic Understanding ist mehr als eine Dialoggruppe. Wir gehören zu den bekanntesten Organisationen der USA, die die Beziehungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen festigen. Wir haben viele Programme auf den Weg gebracht. Derzeit versuchen Russell Simmons, der Geschäftsführer unserer Stiftung, und der Rapper Jay-Z, die MTV-Generation mit einem Werbeclip gegen Antisemitismus zu erreichen.

Wie stark ist der Antisemitismus in der afroamerikanischen Gesellschaft?
schneier: Im Sechs-Tage-Krieg 1967 begannen einige militante Schwarze, sich mit den Palästinensern zu identifizieren. Deutlich verschlechterte sich das Klima zwischen Schwarzen und Juden, als Israel in den 70er- und 80er-Jahren seine Kontakte zu Südafrika intensivierte. Auf der anderen Seite stieß uns 1984 der schwarze Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Jesse Jackson, mit antisemitischen Bemerkungen vor den Kopf – und noch mehr sein Anhänger Louis Farrakhan, der das Judentum als »Religion der Gosse« beschimpfte. Der Tiefpunkt in den Beziehungen waren die Ausschreitungen zwischen Chassiden und Schwarzen in Crown Heights 1991. Seitdem hat sich aber viel verändert. Heute sind die schwarz-jüdischen Beziehungen sehr gut.
Was bedeutet Amerikas jüdischer Gemeinschaft das Verhältnis zu den Afroamerikanern?
schneier: Die afroamerikanisch-jüdische Partnerschaft ist ein wichtiger Teil der Geschichte des Judentums in den Vereinigten Staaten. Sie ist tief im Bewusstsein unserer Gemeinschaft verankert. Der Kampf um die Bürgerrechte war für uns ein Brennpunkt. Ein aktuelles Musterbeispiel für die schwarz-jüdische Partnerschaft sehe ich in der Ernennung Rahm Emanuels zum Stabschef im Weißen Haus.
Welche Rolle spielen die sogenannten Black Jews, die übergetretenen afroamerikanischen Juden, für das Verhältnis zwischen Juden und Afroamerikanern?
schneier: Sie spielen kaum eine Rolle, obwohl vor einigen Monaten publik wurde, dass der bekannte schwarze Rabbi von Chicago ein Cousin von Michelle Obama ist. Die Obamas haben also einen Rabbiner in der Familie! Das ist faszinierend!

Sie haben kürzlich gesagt, Obama sei Martin Luther Kings jüdischem Vermächtnis verbunden. Was meinen Sie damit?
schneier: Martin Luther King unterstützte den Staat Israel und lehnte den Antisemitismus ab. Aus seiner Sicht – und ich glaube, das ist eines seiner größten Vermächtnisse – waren Menschen, die für ihre Rechte kämpfen, nur dann ehrenhaft, wenn sie auch für die Rechte anderer kämpfen. Für ihn schloss der Kampf für die Rechte der Schwarzen den Einsatz für jüdische Belange mit ein. Auch Obama hat Verständnis für die zentralen Themen der jüdischen Gemeinschaft: den Staat Israel und den Kampf gegen den Antisemitismus. Ich glaube, mit Barack Obama haben wir einen wahren Freund im Weißen Haus.

Mit dem Vorsitzenden des amerikanischen Zweigs des Jüdischen Weltkongresses und Präsidenten der Foundation for Ethnic Understanding sprach Tobias Kühn.

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