Charles King Mallory IV

»Deutschland steckt mittendrin«

Herr Mallory, am 19. Juni gab es in Genf Atomgespräche des Westens mit dem Iran, an denen auch der US-Diplomat William Burns teilgenommen hat. Ist das ein Anzeichen für eine Wende in der amerikanischen Iranpolitik?
mallory: Ich glaube, grundsätzlich nicht. Es ist immer noch die Zielsetzung der Vereinigten Staaten, das iranische Atomwaffenprogramm zu stoppen. Man wollte den Europäern beweisen, dass die Amerikaner bereit wa- ren, nach langer Zurückhaltung an den Verhandlungstisch zu kommen. Die zweite Zielsetzung ist, vielleicht ein bisschen zynisch betrachtet, dass man das Thema Iran im Wahl- kampf entschärfen wollte. Barack Obama kann nun nicht sagen, dass John McCain die Politik von Bush fortsetzen würde, nicht mit dem Iran zu reden. Denn Bush hat ja jetzt mit dem Iran geredet.

Der Westen hat Ahmadinedschad in Genf ein Angebot gemacht, die Sanktionen zu lockern, wenn der Iran sein Atomprogramm einstellt. Das hat der Iran abgelehnt. Kommt nun die militärische Option wieder auf den Tisch?
mallory: Die militärische Option bleibt auf dem Tisch, aber man muss fragen, ob sie glaubwürdig ist. Wir wissen, dass das iranische Atomprogramm so breit verteilt ist, auch unterirdisch, dass es sehr schwierig wäre, es mit einem Luftangriff einfach auszuschalten. Und die Pläne für eine Besatzung des Irans sind kaum realisierbar. Es ist verhandlungspolitisch klug, die Kriegsoption nicht vom Tisch zu nehmen, aber ob sie ausführbar ist, ist eine andere Frage. Ein Luftangriff würde das Atomprogramm wahrscheinlich nicht ausschalten und könnte sogar eher dazu führen, dass die Iraner ihr Programm beschleunigen.

Könnte Israel einen solchen Angriff auf eigene Faust durchführen?
mallory: Ich würde die israelische Luftwaffe nicht unterschätzen. Wenn es den politischen Willen in Israel gibt, dann wird die Luftwaffe auch dazu in der Lage sein. Aber die Regierung ist nach dem angekündigten Rücktritt von Premierminister Ehud Olmert ruderlos. Wenn es überhaupt zu einem Angriff auf den Iran kommt, dann ist die wahrscheinlichste Option, dass er nach der Präsidentschaftswahl und vor dem Antritt eines neuen Präsidenten unternommen wird.

Ist die amerikanische Außenpolitik gegenüber Israel distanzierter geworden, etwa indem Außenministerin Condoleezza Rice immer wieder Maßnahmen der israelischen Regierung kritisiert?
mallory: Richtig. Viele frühere Mitarbeiter haben die Administration verlassen, und die klassische arabistische Schule hat im Außenministerium wieder die Vormacht. Das ist eine Gruppe professioneller Diplomaten wie William Burns, David Welch oder David Satterfield. Diese Leute sind eher proarabisch eingestellt und haben jetzt wieder mehr zu sagen. Und Frau Rice will vermutlich auch noch einen Erfolg haben, bevor sie abtritt.

Wie sehen Sie die Nahostbilanz der Regierung Bush?
mallory: Wenn es einen Erfolg der Regierung Bush gibt, dann ist es der, Saddam Hussein beseitigt zu haben. Was danach kam, war nicht unsere beste Leistung. Aber dass Bush eine internationale Koalition gegen den Iran zusammengehalten hat, ist eine weitere Errungenschaft. Ich bin stolz darauf – ich war ja von 2002 bis 2007 Berater für Nahostfragen im US-Außenministerium –, dass diese Administration eine der israelfreundlichsten seit Langem war. Wir haben Dinge gesagt, die man schon längst hätte sagen müssen, nämlich dass die meisten Probleme in der arabischen Welt überhaupt nichts mit Israel zu tun haben. Israel ist nicht für die 76 Prozent Analphabeten im Jemen verantwortlich.

Mischen die USA in den Verhandlungen zwischen Israel und Syrien aktiv mit?
mallory: Als ich noch für die US-Regierung gearbeitet habe, wollten wir Israel von solchen Verhandlungen abhalten. Auch das hat sich in den letzten Monaten geändert. Israel wollte direkte Verhandlungen aufnehmen. In den USA beobachtet man das im Moment nur. Aber vielleicht sagt eine neue US-Administration im Verbund mit einer neuen israelischen Regierung: Uns ist die Bedrohung aus dem Iran wichtiger. Also sichern wir erst einmal die israelische Nordfront, indem wir Syrien dazu bringen, die Hisbollah im Libanon nicht mehr zu unterstützen und aus der Allianz mit dem Iran auszusteigen.

Was können die Europäer tun, um die iranische Atombombe zu verhindern?
mallory: Es gibt keine Wahrnehmung einer iranischen Gefahr in Europa. Die europäischen Politiker müssten ihren Bevölkerungen erklären, warum eine iranische Bombe nicht im europäischen Interesse ist. Man weiß anscheinend in Deutschland nicht, dass der Iran Raketen hat, die Süddeutschland treffen können. Ich würde den Deutschen sagen: Glaubt bitte nicht, dass ihr neutral seid, wenn es zum Krieg zwischen Iran und Israel kommt. Deutschland ist der größte Handelspartner des Irans. Wenn ihr überhaupt etwas tun möchtet, das nichts mit Gewalt zu tun hat, dann habt ihr die größte Einflussmöglichkeit, indem ihr den Handel mit Iran zurückfahrt. Bisher hat es den politischen Willen, das im großen Maß zu tun, nicht gege- ben.

Heißt das, der Iran bekommt seine Atomwaffe?
mallory: Ich gehe davon aus. Das ist übrigens nicht unbedingt eine Frage von Krieg oder Frieden. Eher gibt es ein atomares Wettrüsten im Golf, wie im Kalten Krieg. Dann ist die große Frage, ob ein Land wie Iran sich wirklich durch Abschreckungspolitik beeinflussen lässt. Man muss bedenken, dass das Regime bereit war, im Iran-Irak-Krieg Tausende in den Tod zu schicken. Vielleicht wäre der Iran bereit, eine Stadt bei einem atomaren Gegenschlag zu verlieren. Bei den Russen konnte man sich darauf verlassen, dass sie nicht bereit waren, massive Verluste hinzunehmen. Ich bin nicht überzeugt, dass das auch beim Iran der Fall wäre.

Das Gespräch führte Ingo Way.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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