potsdam

Der Vorbeter

Deutschland sucht den Superstar, das nächste Topmodel und seit Neuestem Starlets für Hollywood. Diese mediale Aufmerksamkeit wird Juval Porat wohl nicht zu Teil werden, wenn er am Sonntag im Rahmen eines Konzerts im jüdischen Gemeindehaus Berlin seine letzte Prüfung ablegt. Am Donnerstag wird er ordiniert als erster Kantor aus Deutschland für Deutschland.
Der junge Mann im Café in der Fasanenstraße hat ein feines Gesicht und weiche Züge. Er stellt seine Gitarre ab und wirkt auf den ersten Blick ein wenig reserviert. Sobald er spricht, verströmt er eine Sanftheit und Ruhe, die für einen 30‐Jährigen ungewöhnlich ist. Das mag, lässt er durchaus wissen, auch an einer Kindheit liegen, die nicht ganz einfach war. Juval Porat lebte mit seinen Eltern zwischen Israel und Deutschland.

standortsuche Geboren wurde er in Netanja, in Eschweiler eingeschult, verbrachte wieder zwei Jahre in Nentanja, dann in Wuppertal, um ab der siebten Klasse – und diesmal getrennt von den Eltern – in Israel die Jeschiwa zu besuchen. Danach studierte er Architektur am Aachener Technion.
Als Reflexion dieser wechselhaften Eindrücke führte er Tagebuch. Er hörte Musik und fand darin einen Ort des Rückzugs wie des Ausdrucks. Er lernte Flöte und Gitarre spielen. Mit zwölf Jahren schrieb er sein erstes Lied. »Ich bin religiös erzogen worden mit all den Widersprüchen, unser Judentum in Deutschland auszuleben«, sagt Juval Porat. Morgens legte der Vater dem Sohn die Tefellin, dann beteten sie.
In der Jeschiwa lehnte er sich auf. »Das war schon sehr konservativ, fast eine Gehirnwäsche. Ich brauchte die Rückkehr nach Deutschland, um zu begreifen, dass nicht alle Araber Terroristen sind und nicht jeder Mensch, der Schweinefleisch isst, böse ist.« Noch heute pflege er Gespräche mit seinem »inneren Fundamentalisten« als spräche er »mit einem Kumpel«.

irritation »Wenn eine Frau mit deutschem Akzent aus der Tora liest und dabei auch noch Fehler macht, dann denke ich zunächst, das kann doch nicht angehen in einer jüdischen Gemeinde. Oder die offene Körperlichkeit, die Umarmungen in den liberalen Gemeinden in Los Angeles. Dabei ist das ist doch alles ganz wunderbar«, sagt er. In den imaginären Streitgesprächen mit sich selbst hat er gelernt: »Es gibt keinen einzigen, richtigen Weg das Judentum auszuleben.«
Juval Porats Weg ist vielleicht ebenso ungewöhnlich wie seine Gedanken. »Eines Tages stand er da und wollte zum Kantor ausgebildet werden. Aber diese Ausbildung gab es bei uns noch gar nicht«, erinnert sich Mimi Sheffer. Bisher hatte die Sopranistin, Opern‐ und Synagogensängerin Studenten des Rabbinerseminars unter anderem stimmlich ausgebildet. Sie schickte ihren neuen Schüler an die Musikhochschule nach Potsdam und ein Jahr nach Jerusalem in das Programm des Hebrew Union College. »Er war schüchtern und musste lernen, aus sich herauszugehen. Er hatte Vorkenntnisse als Lehrer und Vorbeter, musste aber seine Persönlichkeit und Stimme ausbilden, die Liturgien studieren und lernen, wie man eine Gemeinde in Deutschland leitet«, sagt Mimi Sheffer.
Seine Arbeit »Zur musikalischen Entwicklung des Abendgebets für Schabbat in Deutschland vom 17. Jahrhundert bis zu unserer Zeit« schrieb Juval Porat in Jerusalem. Unterstützt hat ihn bei seiner viereinhalbjährigen Ausbildung auch der Zentralrat der Juden in Deutschland. Schließlich praktizierte er in einigen deutschen Gemeinden. »Er ist so etwas wie unser Wegbereiter«, sagt Mimi Sheffer. Denn seit November gibt es – dank ihm – am Abraham Geiger Kolleg das Jewish Institute for Cantorial Arts (JICA), das jetzt eine Ausbildung zum Kantor ermöglicht.
Jüdische Liturgie bedeutet das Festhalten an bewahrten und detailgetreu weitergegebenen Texten, Psalmen, Preisungen, Klagen. Dabei lernen die Studenten mit ihrem Gesang und ihrer Stimme ein Stück ihrer eigenen Persönlichkeit und ihrer individuellen Interpretation an die Gemeinde weiterzugeben, aber auch, die Liturgie den Bedürfnissen der unterschiedlichen Ge‐ meinden und Strömungen anzupassen.

uraufführung »Wichtig ist doch, den Menschen das Judentum und die hebräische Sprache nahezubringen. Das kann für die Einen Synagogenmusik von Louis Lewandowski und für andere Popsongs von Debbie Friedman sein. Es kommt auf die Balance an.« Porat schreibt auch Songs mit hebräischen Texten, die er als Elektro‐Pop‐Musik bezeichnet. Ein Lied aus der liberalen Liturgie von Lea Goldberg wird er am Sonntag in der Gemeinde uraufführen.
Längst hat ihn die Leidenschaft gepackt. Seinen Beruf als Architekt hat er an den Nagel gehängt. »Ich sehe mich als Kantor für Deutschland«, sagt er. Schade nur, dass er in Deutschland bislang keine Anstellung finden konnte, von der er auch leben könnte. Ab Juli wird Juval Porat zunächst in einer liberalen Gemeinde in Los Angeles arbeiten. Doch eigentlich wünscht sich der junge Mann mit den sanften Augen: »Ich hoffe, mit mehr Erfahrung Gemeinden in Deutschland dienen zu können.«

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