Edgar Hilsenrath

Der Unsentimentale

von Wolf Scheller

Das literarische Werk des Schoa-Überlebenden Edgar Hilsenrath hat im deutschsprachigen Raum keinerlei Entsprechung. Ein Buch wie der 1948 in New York entstandene Roman Nacht ist Lichtjahre entfernt von dem, was man hierzulande abschätzig »Bewältigungsliteratur« nennt. Nacht schildert den Überlebenskampf eines jungen Juden namens Ranek in Prokov, einer Trümmer- und Totenstadt am Ufer des Dnestr. Das Buch basiert auf dem, was sein Autor im rumänischen Ghetto Moghilev-Podolsk selbst erlebt hat. Der Roman, geschrieben in einem Emigranten-Café am Broadway, wo Hilsenrath als Kellner jobbte, wurde in den USA Schullektüre. In Hilsenraths deutscher Heimat er- schien er erst 1964 und praktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit in einer Auflage von gerade mal 1000 Exemplaren. Das Buch war kein Erfolg. Dafür war es zu hart. Nirgends sonst in der deutschen Nachkriegsliteratur war ein Jude bis dahin so eindeutig als Mitbewohner eines existentiellen Infernos dargestellt worden, aus dem es kein Entrinnen gab. Die Unerbittlichkeit der Darstellung wollte nicht in das Klima des kalkulierten Philosemitismus passen, der in der Adenauer-Ära mit der Scheckbuch-Moral der »Wiedergutmachung« Auschwitz vergessen lassen wollte.
Später wurde Hilsenrath hierzulande dann doch noch bekannt, vor allem mit der Groteske Der Nazi und der Friseur und Romanen wie Bronskys Geständnis, Die Abenteuer des Ruben Jablonski oder Jossel Wassermanns Heimkehr. Die literarische Qualität dieser Bücher ist höchst unterschiedlich, gemeinsam ist ihnen aber das autobiographische Moment.
Edgar Hilsenrath wurde am 2. April 1926 in Leipzig geboren und wuchs in Halle auf. Weil sie kein Visum für die USA bekommen hatte, floh die Familie 1938 in das Bukowina-Städtchen Sereth in Rumänien, ein Schtetl, in dem Hilsenrath, wie er sagte, die glücklichste Zeit seines Lebens verbrachte. »Hier in der Bukowina, in diesem kleinen osteuropäischen Ort, fühlte ich mich zum ersten Mal frei von den Bedrohungen der Nazis.« Doch es gab für die Juden dieser Jahre keine Sicherheit. Hilsenraths Familie wurde in einer wochenlangen Irrfahrt 1941 ins Ghetto von Mogilev-Podolsk deportiert, wo bis zur Befreiung durch die Russen 1944 25.ooo Juden durch Hunger, Kälte und Seuchen umkommen. Zu den wenigen Überlebenden gehörte Edgar Hilsenrath, der nach Kriegsende in Palästina, Frankreich und dann in den USA in immer neuen Anläufen versuchte, seine grauenhaften Erfahrungen zu verarbeiten. Sein alter ego Ruben Jablonski in Die Abenteuer des Ruben Jablonski ist 18, als das Ghetto befreit wird. Auf Umwegen, meist durch Abenteuer sexueller Natur, gelangt er nach Palästina, und was ihn dort am meistens beschäftigt, sind seine Virilität und das Vorhaben, über die Lagererfahrung einen Roman zu schreiben. »Über das Ghetto kann man keinen Roman schreiben«, sagt eine Lehrerin im Kibbbuz. Aber Jablonski widerspricht: »Doch, das kann man.«
Hilsenraths Schoa-Romane sind bar jeder Sentimentalität und gerade deshalb so eindrucksvoll. Da fragt der kleine Ruben seine Eltern: »Werden die Nazis meinen Teddybär wegnehmen?« »Den nehmen sie bestimmt.« »Er hat aber nur ein Ohr.« »Das macht nichts.« Ohne Gefühlsduselei, und umso erschütternder, auch diese Szene aus Jossel Wassermanns Heimkehr über die Fahrt der Juden des polnischen Grenzstädtchens Pohodna in einem Viehwaggon: »Sie fuhren in östlicher Richtung. Der Osten liegt dort, wo die Sonne aufgeht, auch wenn es zum letzten Mal ist.« Der Schnee verweht ihre Spuren, und der Rabbi bemerkt: »Aber die Zeit würde sie allmählich verwischen, und es würde nichts zurückbleiben. Nichts.«
Hilsenraths Erzählstil zeichnet sich durch ein gelungenes Nebeneinander von lakonischer Weltsicht und schwarzer Erinnerungs-Metaphorik aus. So läßt er einen polnischen Rabbi im 19. Jahrhundert das Grauen des 20. vorausahnen: »Und da der Tod viele Gesichter hat und viele Werkzeuge und auch Bilder erzeugen kann, sah der Wunderrabbi eine schlammige Judengasse, eine der Zukunft, und auf der Judengasse lagen Judenhüte herum. Und zerrissene Gebetbücher. Und überall war Blut.«
Der Holocaust und die Zerstörung des osteuropäischen Judentums sind Edgar Hilsenraths Lebensthema. Er hat aber auch in seinem beeindruckenden Roman Das Märchen vom letzten Gedanken 1989 den Völkermord der Türken an den Armeniern behandelt. Wer, wenn nicht ein Überlebender der Schoa, wäre besser dafür geeignet!

Edgar Hilsenraths gesammelte Werke sind im Berliner Dittrich-Verlag erschienen.
www.dittrich-verlag.de

Zahl der Woche

28 Prozent

Fun Facts und Wissenswertes

 07.10.2021

Gedenken

Die Namen zurückholen

Nach jahrelangem Tauziehen wurde in Amsterdam das Nationale Holocaust-Monument eingeweiht

von Tobias Müller  20.09.2021

Ehrung

Merkel wird mit Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet

Die Laudatio auf die Kanzlerin hält der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster

 29.08.2021

Antisemitismus

Experten warnen eindringlich vor Verharmlosung

AJC Berlin und Bundesverband RIAS stellen neue Studie zu Verschwörungsmythen vor

von Leticia Witte  09.08.2021

SchUM-Städte

Zentren jüdischer Kultur und Gelehrsamkeit

Das jüdische Erbe am Rhein könnte Unesco-Welterbe werden

von Karsten Packeiser  28.07.2021 Aktualisiert

Felix Klein

Nationale Strategie gegen Judenhass geplant

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung will noch vor der Bundestagswahl Eckpunkte vorlegen

 26.07.2021

Karlsruhe

Fundament der Gemeinschaft

Die Jüdische Kultusgemeinde feiert die Eröffnung der neuen Synagoge vor 50 Jahren

 12.07.2021

Magazin

»1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«

Das Magazin der JA zum Jubiläum gibt es hier!

 23.06.2021

Landtag Brandenburg

Neuer Vorstand Freundeskreis Israel

Ziele des Gremiums sind Unterstützung der Gedenkstättenarbeit und Förderung des friedlichen Zusammenlebens

 18.06.2021