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»Der Reformweg ist der richtige«

Herr Rabbiner, die Synagogengemeinde »Sukkat Schalom« betont, in direkter Traditionsfolge zur Berliner Reformgemeinde zu stehen. Was bedeutet das?
Dass sie versucht, an das anzuknüpfen, was die Reformgemeinde wollte. Im Sinne einer Erneuerung möchte sie dort wieder beginnen, wo das Judentum vor 2.000 Jahren nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels schon einmal stand. Ohne zu negieren, was sich dazwischen entwickelt hat, aber es doch kritisch zu bedenken.

Was heißt das konkret?
Die Berliner Reformgemeinde hat schon Mitte des 19. Jahrhunderts sehr deutlich die Gleichstellung von Mann und Frau gefordert. Und das hat in der konservativen, liberalen und möglicherweise auch der orthodoxen Tradition Spuren hinterlassen. Das wird zum Beispiel bei der Ketubah deutlich: Auch altfromme Rabbiner trauen sich doch kaum noch zu sagen, was da im aramäischen Original steht. Und ob ein solcher Ehevertrag, der nicht einmal von der Frau mitgezeichnet wird, überhaupt rechtlich gültig ist, müssen andere entscheiden. Aber wir setzen etwas dagegen. Die Zeit ist doch nicht stehen geblieben. Man darf nicht vergessen, dass Moses Mendelssohn noch mit einem Bann belegt wurde, weil er die fünf Bücher Moses übersetzt hatte. Wo finden sie heute noch eine orthodoxe Synagoge außerhalb Israels, wo es neben dem hebräischen Text nicht auch eine Übersetzung in der jeweiligen Landessprache gibt?

Gibt es personelle Verbindungen zur Re‐
formgemeinde von damals?
Nein, eigentlich nicht. Das ist auch nach so vielen Jahren, in denen die Reformtradition unterbrochen war, schwer möglich. Aber wir hatten zu Peter Galliner, dem Sohn eines ehemaligen Vorstandsmitgliedes der Re‐
formgemeinde, intensiven Kontakt. Er hat uns auch ermuntert, diesen Weg zu gehen.

In dem von Peter Galliner herausgegebenen Buch über die Reformgemeinde heißt es: »Der Tempel ist verschwunden, die Organisation ist verschwunden, die Mitglieder sind verschwunden«. Ist damit auch die Idee verschwunden?
Nein, die Idee ist zum Beispiel in Amerika sehr lebendig. Die größte jüdische Bewegung in den USA ist die Reformbewegung. Auch wenn sie zurzeit in einem gewissen Umbruch ist und etwas traditioneller wird. Aber das sagt nichts gegen die Reformbewegung. Das sagt vielmehr etwas gegen die vergangenen 20 oder 25 Jahre, wo einiges entstanden ist, was über das Ziel hinausgeschossen ist.

Samuel Holdheim, der erste Rabbiner der Reformgemeinde, hat gesagt, dass immer nur die Reform möglich ist, für welche die »Gemeinden empfänglich sind«. Wie empfänglich ist denn Ihre Gemeinde?
Sie ist sehr offen, wie sich an der Liturgie zeigt. Wir lesen schon einige Psalmen und Gebete, wie das Haschkiwenu, in Deutsch. Wir wiederholen Gebete nach Möglichkeit auch nicht, wie zum Beispiel die Amidah am Schabbat. Auch den jeweiligen Toraabschnitt versuchen wir zu erläutern und in Deutsch zu lesen, um eine Idee davon zu bekommen, was man da tut. Das sind die klassischen Dinge, mit denen der Reformgottesdienst angetreten ist, und die von anderen gelegentlich auch übernommen werden. Das zeigt, wie richtig der Reformweg ist.

Zum Reformweg gehörte 1849 die Verlegung des Schabbat‐Gottesdienstes auf den Sonntag, entsprechend der christlichen Umgebung. War auch das richtig?
Das ist ein Reformkonzept, das sich sehr schnell ad absurdum geführt hat. Nicht alles, was im 19. Jahrhundert diskutiert und umgesetzt wurde, kann und soll aufgenommen werden. Aber man muss schon immer darauf achten, dass die Gottesdienste be‐
sucht und von der Gemeinde angenommen werden können. Und dazu gehören die Gottesdienstzeiten und der Umfang des Gottesdienstes. Den muss man so reduzieren, dass man ihn mit Kawanah, Hingabe und Konzentration, wahrnimmt.

Gottesdienst am Sonntag, weil manche Gemeindemitglieder am Samstag arbeiten?
Nein, sie werden heute auch viele finden, die am Sonntag arbeiten müssen. Aber wir orientieren uns am Minhag Israel. Das bedeutet, bei den Wallfahrtsfesten nur den ersten Tag zu feiern. Ich glaube, dass wir damit den Menschen entgegenkommen.

Der Reform wurde stets eine Nähe zur protestantischen Kirche nachgesagt. In Seesens 1810 gegründetem Tempel hat eine Glocke zum Gottesdienst gerufen.
Es gab auch in Indien Synagogen, die eine Glocke hatten. Das ist durchaus nicht nur eine Idee der Reformbewegung. In Frankfurt am Main war es der Tempelklopfer, der durch die Gassen lief und an die Türen klopfte, damit die Leute zum Gottesdienst kamen. Mittlerweile gibt es hier in Berlin eine Synagoge, die flächendeckend SMS vor Beginn des Schabbats verschickt. Das ist ja auch eine Form des Glockenläutens. Man muss sich also keinem Konzept verpflichten, das tatsächlich einer anderen Religion zu‐
zuordnen ist.

Zurück zur Stellung der Frauen. Ihnen wurde 1920 in der Berliner Gemeinde Wahlrecht eingeräumt. Heute haben wir in Berlin und auch im Zentralrat eine Frau an der Spitze. Sehen Sie da wirklich Nachholbedarf?
Man konnte schon 1789 nicht sagen: Wir kommen raus aus dem Ghetto und werden gesellschaftlich gleichgestellt, aber vor der Synagoge macht das plötzlich halt. Ich glaube, das Jahr 1789 mit der Französischen Revolution war eine Zeitenwende für das Judentum, so wie die Zerstörung des Jerusalemer Tempels. Man musste viele Dinge daraufhin neu denken, das ist in der Re‐
formbewegung früh geschehen und heute Standard. Die Gleichberechtigung stellt den entscheidenden Punkt dar, an dem sich im 21. Jahrhundert das altfromme und moderne Judentum trennen werden.

Das sagen Sie als Mann. Es gibt aber auch Frauen, die sagen, es gäbe ewige Werte, die nicht reformierbar seien.
Keiner bestreitet das Existenzrecht einer altfrommen jüdischen Gemeinde. Judentum war zu allen Zeiten eine plurale Gesellschaft. Das ist beste Tradition. Ich habe auch nicht für die anderen zu sprechen. Ich spreche für das Reformjudentum und meine, dass da die Diskussion entschieden ist.

Holdheim führte 1850 die Trauung ge‐
mischter Paare ein. Würden Sie eine Chuppa für eine katholische Frau und einen jüdischen Mann abhalten?
Hochzeiten werden grundsätzlich im Himmel geschlossen, aber auch vor dem Standesamt. Und die Paare, die sich danach von einem Rabbiner eine Zeremonie erbeten, bekommen den Segen. Wenn man sich der Frage eines Segens für religionsverschiedene Ehen nähert, kann man das in vielerlei Hinsicht betrachten. Ich kenne Familien, die in einer privaten Zeremonie die Schewa Brachot sprechen. Das hat auch einen liturgischen Charakter, aber es ist etwas anderes als die Chuppa. Ich selbst finde es schwierig, über solche Situationen abschließende Überlegungen anzustellen, da alles im Fluss ist. Und weil die Zahl der religionsverschiedenen Partnerschaften zunimmt. Man muss überlegen, ob man diejenigen, die mit dem einen Fuß rausgehen, wenigs‐
tens mit dem anderen im Judentum halten kann. In Amerika ist das entschieden. Dort sind die meisten Reformrabbiner zugleich Friedensrichter und dürfen es ohnehin nicht ablehnen, jemanden zu trauen. Ob sie dann noch Elemente der jüdischen Trauungszeremonie einfügen, ist Sache der Rabbiner. In Deutschland wird man darauf noch Antworten geben müssen. Wir sind mitten in dieser Diskussion.

Und die gleichgeschlechtliche Eheschließung?
Natürlich kann man sich eine Segnungszeremonie überlegen, die für solche Partnerschaften da ist. Auch darüber wird die progressive Bewegung in Deutschland diskutie‐
ren müssen.

1845 wurde die Berliner Reformgemeinde gegründet, inmitten der großen jüdischen Gemeinde Berlins. Nimmt auch die Synagogengemeinde Abschied von der Einheitsgemeinde?
Die Synagoge Hüttenweg gehört zur Einheitsgemeinde, wird von ihr, wenn auch in bescheidenem Maße, subventioniert. Sehr viel weniger als alle anderen, aber darüber wird man auch noch reden müssen. Im Au‐
genblick ist es so, dass »Sukkat Schalom« eher der Unterstützerverein ist, der diese Synagoge trägt und organisiert. Sie wird natürlich in den nächsten Jahren die gleichen Ansprüche erheben wie die anderen Synagogen. Und ich glaube nicht, dass das die Jüdische Gemeinde zu Berlin in den fi‐
nanziellen Ruin treiben wird.

Die Berliner Reformgemeinde stellte da‐
mals einen Antrag auf eigenen Körperschaftsstatus. Ist das auch seitens der Synagogengemeinde zu erwarten?
Das steht nicht zur Diskussion, solange die Gemeinde die von ihr benötigten Mittel auch bekommt. Wie bislang. Gleichgültig, ob aus dem Budget der Gemeinde oder den Spenden der Mitglieder. Ich gehe davon aus, dass es bei der derzeitigen Rechtslage – die ja sehr viel vorteilhafter für kleine Gemeinden geworden ist – nicht nötig sein wird, sich in der Öffentlichkeit darüber auseinanderzusetzen. Ich denke, es ist selbstverständlich, dass die Reformgemeinde Teil der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sein wird. So wie andere Synagogen, nur inhaltlich anders aufgestellt.

Ist Berlin in dieser Hinsicht ein Modell?
Ja, schon, aber auch Frankfurt geht einen klaren Weg. In dem Gebäude, in dem der altfromme Gottesdienst stattfindet, trifft sich zugleich die Reformgemeinde zum Ge‐
bet. In München hat es sich anders entwi‐ckelt, dort existiert die Reformgemeinde au‐
ßerhalb der Einheitsgemeinde. Frankfurt und Berlin gehen voran. Ich würde das als Modell für andere Gemeinden vorschlagen. Problematisch werden Reformgemeinden oder sehr altfromm aufgestellte Gemeinden immer nur da, wo es nur einen Minjan an einem einzigen Ort geben kann, weil dort zu wenige Juden leben. Hier wird weder in der einen noch in der anderen Form die reine Lehre praktiziert werden können, weil man sehen muss, wie man aufeinander zugeht.

Die Reformbewegung wollte damals Antworten auf die Moderne geben. Wie lauten die aktuellen Fragen?
Die Gleichheit aller vor dem Gesetz, und da‐
mit innerhalb der Synagoge, ist die Kernfrage, in der sich altfrommes und modernes Judentum gegenüberstehen. Ich glaube nicht, dass man im 21. Jahrhundert leben und sagen kann, dass das Geschlecht entscheidet, ob man vor oder hinter dem Vorhang sitzt oder ob man zur Tora aufgerufen wird oder nicht. Nach der Schoa – in der Männer, Frauen und Kinder sowie Hetero‐ und Homosexuelle gleichermaßen verfolgt wurden – haben sich solche Fragen einfach überlebt. Wer meint, die Unterscheidungen weiter betreiben zu können, soll das tun. Er soll aber auch wissen, dass dies keine Lebensform des 21. Jahrhunderts ist. Ich glaube, dass das moderne Judentum die einzige Antwort darauf ist.

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