Proteste

Der Haken mit dem Kreuz

von Britta Petersen

Die Aufregung war groß aber kurz: Ein Händler in der indischen Wirtschaftsmetropole Bombay hat seine mit Hakenkreuzen bedruckte Bettwäsche-Kollektion wieder vom Markt genommen, nachdem die Vereinigung Indischer Juden ihm gedroht hatte, dagegen zu klagen. »Schon einen Tag, nachdem in der Times of India ein Artikel erschienen war, hat der Händler angerufen und sich bei uns entschuldigt«, sagt der Vorsitzende der Vereinigung, Jonathan Salomon.
Salomon, der im Hauptberuf Anwalt ist, hat Erfahrung mit Fällen dieser Art. Denn in Indien ist das Hakenkreuz nicht wie in vielen anderen Ländern verboten. Es ist im Gegenteil ein altes hinduistisches Glückssymbol, das oft auf Tempeltüren zu sehen ist und in privaten Haushalten verwendet wird – wenn auch die Arme der indischen Swastika meist in die andere Richtung zeigen als in der nationalsozialistischen Variante. »Wir hätten deshalb auch nicht gegen die Verwendung der Swastika an sich geklagt«, betont Salomon. »Wir respektieren den Hinduismus.«
Doch der Kaufmann aus Bombay hatte seine Ware unter dem Slogan »The Nazi Collection« angepriesen – sodass ein Missverständnis auszuschließen war. Zwar behauptete er später, das Wort Nazi stehe für »New Arrival Zone of India«. Doch das dürfte eher als Erklärung zur Wahrung des Gesichts zu deuten sein. In Verwendung mit dem Wort Nazi wäre es möglich gewesen, den Mann wegen Verletzung religiöser Gefühle und Stiftung von Unfrieden vor Gericht zu bringen.
»Die meisten Leute hier in Indien wissen überhaupt nichts über die historischen Zusammenhänge«, sagt Salomon. Deshalb komme es öfters zu »Ausrutschern«, die eigentlich keinen antisemitischen Hintergrund hätten. So hatte kurz zuvor ein Gastwirt in Bombay sein neues Restaurant »Hitler’s Cross« nennen wollen und dafür mit Hakenkreuz und Hitler-Foto geworben. Auf die Proteste der jüdischen Gemeinde reagierte er überrascht, zeigte sich aber schnell einsichtig.
Mit Hitler assoziieren viele Inder vor allem eine Gegnerschaft zu Großbritannien – und stehen ihm deshalb positiv gegenüber. Der bekannte Freiheitskämpfer und frühere Mitstreiter Mahatma Gandhis, Subhash Chandra Bose, reiste während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland, um Hitler um Unterstützung im Kampf gegen die britische Kolonialherrrschaft zu bitten.
»Die meisten indischen Juden haben nach der Unabhängigkeit das Land verlassen, weil sie zuvor eng mit den Briten zusammengearbeitet hatten«, sagt Ramon Ben Esra. Er gehört der kleinen Bene-Israel-Gemeinde in Neu-Delhi an, die nur noch aus zehn Personen besteht. Heute leben in Indien, das mehr als eine Milliarde Einwohner zählt, nur noch etwa 5.500 Juden. Die meisten haben sich in Bombay niedergelassen. Ramon Ben Esra meint, dass die indischen Juden von sich aus auf einen Fall wie die Hakenkreuz-Bettwäsche gar nicht reagieren würden, wenn es nicht ein Thema für die ausländischen Medien wäre. »Wir sind doch ständig von diesem Symbol umgeben. Die Leute malen es sogar auf die Fensterscheiben, wenn sie sich ein neues Auto kaufen, weil es Glück bringen soll.«
Doch nicht zuletzt wegen der vielen Kontakte ins Ausland werden Fälle dieser Art immer wieder bekannt. Nissim Moses Talkar etwa stammt aus einer jüdischen Familie aus Südindien und wanderte schon vor Jahrzehnten nach Israel aus. Dennoch besucht er Indien regelmäßig und unterstützt die Synagoge in Delhi finanziell. Für ihn ist es ein »Akt der Solidarität mit den indischen Juden«, gegen die gedankenlose Verwendung von Nazi-Symbolen vorzugehen. Dennoch betont er, die Hindus seien »die tolerantesten Menschen der Welt«, denn sie erlauben es jeder Minorität, »in Frieden in Indien zu leben«.
Doch gegen einige mächtige Politiker, die mit religiösen Ressentiments auf Stimmenfang gehen, konnte die kleine jüdische Gemeinde in Indien bisher nichts ausrichten. Die Stadt Bombay etwa wurde lange von der Partei Shiv Sena regiert, deren Vorsitzender, Bal Thackaray, ein bekennender Anhänger Adolf Hitlers ist. Und im Bundesstaat Gujarat sind noch immer Schulbücher in Gebrauch, die Hitler als großen Staatsmann feiern. Der Holocaust hingegen wird nur mit einem einzigen Satz erwähnt. »Wir haben einen Protestbrief an den Ministerpräsidenten von Gujarat geschrieben«, sagt Jonathan Salomon, »er hat es aber nicht für nötig gehalten zu antworten.«

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