Gerhard Hentrich

Der Bewahrer

von André Glasmacher

Klein, aber fein. Wie die gelben Bändchen des Stuttgarter Reclam Verlags. Der Vergleich gefällt Gerhard Hent‐ rich. »Nur, als Verlag bin ich natürlich längst nicht so groß«, sagt er und blickt auf die drei Handspannen großen Bücher, die rot, blau und grün auf seinem Schreibtisch liegen.
Die Bändchen gehören zu Hentrichs Verlagsserie »Jüdische Miniaturen«. Ziel der Reihe: kurz, aber nicht oberflächlich ein jüdisches Thema behandeln. 82 Bände hat der 85‐Jährige bereits herausgegeben, der nächste Titel ist schon in Planung. Gerade hat er mit dem Berliner Rabbiner Walter Homolka telefoniert. »Es wird um den Juden Jesus gehen.«
Seit 1982 betreibt Gerhard Hentrich, der bis 1995 auch eine der größten Druckereien in Berlin besaß, den kleinen Hentrich & Hentrich Verlag. Quasi im Alleingang und neben der regulären Arbeit stampfte der Berliner das Projekt aus dem Boden und gab Bücher heraus, von denen er wusste, dass sie keinen Gewinn einbringen würden, »die aber dennoch nötig waren, weil sie sonst keiner druckte«. Dabei ist es bis heute geblieben. Auch als 85‐Jähriger setzt er sich einmal in der Woche mit seinem Partner Klaus‐Peter Gerhardt zusammen, der einst Lektor beim Ostberliner Unionsverlag war, entwirft Cover, diskutiert über Manuskriptseiten.
Sein Engagement sei auf die Erlebnisse der Nazizeit zurückzuführen, erzählt er mit sparsamen Gesten, leicht brüchiger Stimme und wachen Augen hinter einer Goldrandbrille. Er sitzt in seinem Büro unweit der Schloßstrasse im Berliner Bezirk Steglitz. Hier wurde er am 6. Mai 1924 geboren. Sein Vater war Handelsvertreter einer Druckerei, die Mutter Jüdin. »Aber nur formal: Religion spielte bei uns nie eine große Rolle.« Doch durch die »Nürnberger Gesetze« galt Hentrich als »Mischling ersten Grades«.
1942 zieht ihn die Wehrmacht ein, als Soldat nimmt er an Hitlers Überfall auf die Sowjetunion teil. Dort wird der junge Mann erstmals mit der Schoa konfrontiert: Er fährt durch ein weitgehend menschenleeres Dorf, fragt Soldaten, was passiert sei. »Mein erster Gedanke war: Diese schrecklichenVerbrechen werden auf uns Deutsche zurückfallen.« Auch deshalb sei er Verleger geworden. »Das, was geschehen ist, darüber muss aufgeklärt werden. Und deshalb muss man es drucken.«
Im Frühjahr 1944 wird Hentrich schwer verwundet. Ein Bein wird amputiert. Heute lehnen zwei Krücken an seinem Schreibtisch. »Meine ganz persönliche, bleibende Erinnerung an die Nazizeit«, sagt er. Durch die Verwundung kann er zumindest seine Mutter vor weiterer Zwangsarbeit in der »Organisation Todt« bewahren. Es gelingt ihm, die damals 42‐Jährige als persönliche Pflegerin zu reklamieren. Der Vater leistet Zwangsarbeit in Peenemünde beim Bau von Hitlers »Wunderwaffe«.
Nach Kriegsende versucht Hentrich einen Neuanfang, will endlich studieren. Während des »Dritten Reichs« hatte man ihm das Studium aus »rassischen Gründen« verweigert. Und jetzt lehnt ihn die Berliner Universität, die heutige Humboldt‐Uni, als »Klassenfeind« ab. Er gründet mit seinem Vater eine kleine Druckerei. Und hat Erfolg. Hentrich stellt seit den 70er‐Jahren die Programmhefte und Eintrittskarten sämtlicher Westberliner Theater sowie Ausstellungskataloge her. »Auch die berühmten gelben Bühnenpläne, die einst in Berliner U‐Bahnstationen hingen, stammen aus meiner Druckerei.«
1982 wird er dann eher zufällig zum Verleger: Ein junger Historiker namens Wolfgang Wippermann, heute ein renommierter Fachmann für die NS‐Zeit, will aus Anlass des 40. Jahrestags der »Wannsee‐Konferenz« ein Buch herausbringen mit dem Titel Steinerne Zeugen: Stätten der Judenverfolgung in Berlin. Da Wippermann keinen Verlag dafür findet, will er den Text auf eigene Kosten drucken lassen. Hentrich ist von der Idee überzeugt und entscheidet: »Ein ordentliches Buch braucht einen Verlag und eine ISBN‐Nummer.« Kurzerhand gründet er einen eigenen Verlag. Und für das Buch gewinnt der Neuling in der Branche einen prominenten Vorwortschreiber: Bundespräsident Richard von Weizsäcker.
In den folgenden Jahren baut Hentrich systematisch das Verlagsprofil aus. Er veröffentlicht nicht nur Forschungsarbeiten zur Schoa und die von dem Historiker Hermann Simon herausgegebene Schriftenreihe »Gegen Verdrängen und Vergessen« des Berliner Centrum Judaicum, sondern durchforstet auch Antiquariate nach Judaica. Hentrich veröffentlicht Reprints alter Reiseberichte aus Palästina und Feldpostbriefe jüdischer Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg. »Mir ging es darum zu zeigen, wie reich und normal einst jüdisches Leben in Deutschland war.« In diese Richtung gehen auch seine »Jüdischen Miniaturen«. Hier will Hentrich bekannte und heute oft in Vergessenheit geratene deutsche Juden und Jüdinnen vorstellen. So hat er unter anderem eine Biografie des ersten jüdischen Fußball‐Nationalspielers Julius Hirsch veröffentlicht, der 1943 nach Auschwitz verschleppt wurde.
Den Verlag führt Hentrich bis 1995, geht dann in den Ruhestand und verkauft das kleine Unternehmen für eine symbolische D‐Mark. Doch sein Nachfolger setzt das ambitionierte Projekt in den Sand. 1998 übernimmt er selbst wieder die Geschäfte. »Sonst macht es ja keiner.« Monatlich verkauft er zwischen 100 und 300 Bücher. Die Druckkosten würden zwar hereinkommen, doch Hentrich selbst und sein Lektor Klaus‐Peter Gerhardt arbeiten »auf der Basis purer Selbstausbeutung«. Spätestens in einem halben Jahr soll endgültig Schluss sein. Ein Nachfolger ist aber noch nicht in Sicht. Immerhin war sein verlegerisches Werk für ein etabliertes Unternehmen der Branche interessant. Doch das Projekt scheiterte: »Die haben alles durchgerechnet und festgestellt, dass sie mindestens fünf Vollzeitkräfte brauchen. Das lohnt sich nicht«, sagt Hentrich und schmunzelt. »So schlecht scheinen wir die Arbeit also nicht gemacht zu haben.«

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