Berthold Simonsohn

Der andere Achtundsechziger

von Micha Brumlik

Viel ist dieser Tage von 1968 die Rede. Wenig bekannt ist hingegen, dass an der Herausbildung der Neuen Linken und somit der sogenannten 68er jüdische Intellektuelle eine nicht unerhebliche Rolle spielten. Dabei ist nicht nur an Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse zu denken, sondern auch an Berthold Simonsohn, der von 1962 bis 1977 an der Frankfurter Universität Erziehungswissenschaft lehrte. Simonsohn war von 1954 bis 1961 hauptamtlicher Geschäftsführer der Zentralwohlfahrtstelle der Juden und einer der letzten Vertreter einer Generation jüdischer Linksintellektueller, die – in der Weimarer Republik und im Schoß des Assimilationsjudentums geprägt – humanes, universalistisches Engagement mit einem bewussten Eintreten für jüdische Selbstbehauptung verbunden haben.
Berthold Simonsohn, dessen ereignisreiches Leben in einer kürzlich erschienenen Biografie aus der Feder seiner Schülerin, der Kasseler Erziehungswissenschaftlerin Wilma Grossmann, kenntnisreich und einfühlsam dargestellt wird, wurde im evangelischen Bernburg an der Saale als Sohn eines Kaufmanns geboren. Mit 17 Jahren trat Simonsohn in die Leitung des „Kreises jungjüdischer Pazifisten“ ein und forderte öffentlich dazu auf, an den „großen jüdischen Ideen der sozialen Gerechtigkeit und des Friedens mitzuarbeiten und sich so das Vertrauen der jüdischen Schüler und ihre Liebe zu erwerben“. Simonsohn studierte in Halle‐Wittenberg und Leipzig Staatswissenschaften, zu denen im Wesentlichen Jura gehörte. Die Machtübernahme der Nazis machte es Juden unmöglich, juristische Staatsexamen abzulegen. Gleichwohl konnte Simonsohn bei einem weit rechts stehenden, allerdings nicht nationalsozialistischen Strafrechtsprofessor, Erich Schwinge, der später als Wehrmachtsrichter drakonische Urteile verhängte, eine Dissertation zu dem heute exotisch anmutenden Thema Der Hochverrat in Wissen‐ schaft, Gesetzgebung und Rechtsprechung von der Französischen Revolution bis zum Reichsgesetzbuch anfertigen. Nach der Promotion im Jahre 1934 blieb dem umfassend interessierten Juristen nichts anderes übrig, als in der jüdischen Wohlfahrtspflege als Sachbearbeiter zu wirken, bis er infolge der Pogromnacht vom 9. November ins KZ Sachsenhausen gesperrt wurde.
Nach seiner Freilassung lebte Simonsohn in Hamburg und wirkte dort als Hauptfürsorger für die „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ bis zum Juli 1942, als er, 30‐jährig, nach Theresienstadt deportiert wurde. Auch dort verriet Simonsohn seinen Auftrag und seine Verantwortung nicht und übte dort die eigentlich unzumutbare Aufgabe eines stellvertretenden Leiters der Jugendfürsorge aus. In Theresienstadt auch lernte er die junge jüdische Widerstandskämpferin Trude Gutmann kennen, die er dort – Zivilehen waren für Juden nicht vorgesehen – nach jüdischem Brauch heiratete. Unter Lebensgefahr beteiligte sich Simonsohn im KZ Theresienstadt am Widerstand und war Mitherausgeber der illegalen Zeitung des „Arbeitskreises jüdisch‐nationaler Kommunisten“. 1944 wurde das Paar getrennt, und für beide begann jene Odyssee, die von der Deportation nach Auschwitz über die Todesmärsche zu den Außenlagern von Dachau führte, wo er schließlich befreit wurde, um nach Theresienstadt zurückzukehren.
Nach kurzer Tätigkeit bei der tschechischen Regierung leitete Simonsohn für anderthalb Jahre ein Sanatorium für lungenkranke jüdische Jugendliche, die Krieg und Holocaust überlebt hatten, um dann in Zürich weiterzustudieren. Da er jedoch kein Schweizer Staatsbürger war, hatte er nicht die Möglichkeit zur Habilitation. 1948 bewarb er sich auf Anraten eines Studienfreundes um eine Professur an der Universität Leipzig, erhielt jedoch vom sowjeti‐ schen Konsulat in Bern keine Einreisegenehmigung. Später stellte sich heraus, dass das mit Simonsohns früher Mitgliedschaft in der nicht‐stalinistischen SAP, der Sozialistischen Arbeiterpartei zusammenhing.
So kehrte Berthold Simonsohn zunächst zu seiner früheren Tätigkeit als jüdischer Fürsorger zurück und war wesentlich an der 1951 erfolgten Neugründung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland beteiligt, der er sieben Jahre, von 1954 bis 1961, vorstand und die er schließlich aufgrund von Querelen mit anderen Funktionären dieser Institution eher bitter verließ.
Als er 1962 endlich zum Professor für Sozialpädagogik und Jugendrecht ernannt wurde, entfaltete Berthold Simonsohn eine äußerst erfolgreiche Lehrtätigkeit. Er wurde zu einem der wesentlichen Fürsprecher einer Liberalisierung des Jugendstrafrechts. Vor allem aber war er es, der die in Deutschland von den Nationalsozialisten zerstörte Tradition einer psychoanalytischen Pädagogik wiederbelebte. Ohne selbst Psychoanalytiker zu sein, wurde er doch zum Begründer einer psychoanalytisch beeinflussten Sozial‐ und Heilpädagogik, die bald die noch wesentlich geisteswissenschaftlich ausgerichtete Pädagogik in Frage zu stellen begann. Gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Heinz Joachim Heydorn, dem Widerstandskämpfer, Wehrmachtsdeserteur und Sozialisten, setzte sich Simonsohn für die Belange des Staates Israel ein. Auch im Förderkreis linker Intellektueller, die den damals aus der SPD ausgeschlossenen SDS unterstützten und dessen Mitglied Simonsohn war, schieden sich nach dem Junikrieg des Jahres 1967 die Geister. Es begannen die Auseinandersetzungen, die vielen Linken nicht ganz zu Unrecht den Vorwurf mindestens dogmatischer Geschichtsblindheit, wenn nicht eines als Antizionismus getarnten Antisemitismus eintrug. Simonsohn schrieb damals enttäuscht: „Niemand verlangt eine einseitige Identifikation des internationalen Sozialismus mit der israelischen Politik, aber ich dachte, dass eine eindeutige Stellungnahme gegen Chauvinismus und Kriegshetzerei der Araber, gegen deren bedingungslose Aufrüstung durch die Sowjetunion und für ein Programm der Verständigung mit dessen Grundsätzen durchaus vereinbar sei. Ich bin der Meinung, dass es für Sozialisten auch in der Politik einen Grundtatbestand an moralischen Prinzipien gibt, die man nicht ungestraft verletzen darf.“
Berthold Simonsohn, der sich treu geblieben war und als Zionist und Mitglied des „Board of Governors“ der Hebräischen Universität Jerusalem stets die Friedensbewegung in Israel unterstützte, starb im Januar 1978. 30 Jahre nach seinem Tode ist zwar eine Schule in Frankfurt nach ihm benannt, doch hat sich noch keine jüdische Institution gefunden, die diesen großen jüdischen Humanisten, den bedeutenden Rechts‐ und Sozialwissenschaftler und einen der Wiederbegründer eines organisierten Judentums in Deutschland geehrt hat.

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi-Gruß ist«

Torwart des Premiere-League-Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019

Ferdinand von Schirach

Die zweite Schuld

Der Autor stellt Studie über Raubkunst in seiner Familie vor – und fordert Nazi-Nachkommen zu Transparenz auf

 12.04.2019

USA

Polizeihund darf nicht »Rommel« heißen

Mit den Worten »Willkommen an Bord, Rommel!« hatte das Sheriff-Büro den Neuzugang stolz vorgestellt

 08.04.2019