Griechenland

Der alte Mann und das Haus

Ein kleiner Olivenbaum, umschlungen von einer Papyrusstaude, steht einsam in der Mitte des winzigen Hofes der Etz‐Chajim‐Synagoge in Chania, dem einzigen jüdischen Ort auf der Insel Kreta, der heute noch steht. Ein großer kräftiger Mann kommt lebhaft aus einer der schmalen Gassen der venezianischen Altstadt, die zum Eingang der Synagoge führen. Nikos Stavroulakis ist 75 und der einzige Jude im Ort. Seit mehr als zehn Jahren kümmert er sich um die Synagoge und betet vor. »Es ist die einzige Synagoge in ganz Europa, die von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends offen bleibt«, sagt er stolz. Sicherheitsleute gebe es keine, die Polizei bewacht das Gebäude nur, wenn es geschlossen ist.
Als Stavroulakis sich 1996 beim World Monument Found in New York und dem Zentralrat der jüdischen Gemeinde Griechenlands für die Restaurierung der bei der Nazi‐Kapitulation geschändeten Synagoge einsetzte, hatte er ein Ziel: »einen Gebetsort zu schaffen, der für jeden zugänglich ist.
Es ist Freitagabend und elf Männer und Frauen sind eingetroffen, um den Schabbat zu begrüßen, unter den Gottesdienstbesuchern ein Paar aus den USA, ein junger Ausländer und eine österreichische Katholikin. Stavroulakis begrüßt alle persönlich. Er liest die Gebete, und der Innenraum der Synagoge aus dem 15. Jahrhundert mit den alten Holzbänken und den bunten orientalischen Kissen füllt sich mit einer feierlichen Stimmung. Am Ende teilen die Anwesenden sich die Challe, die Stavroulakis selbst gebacken hat und trinken Karmelwein. »Ich habe eine internationale Gemeinschaft, die Leute kommen aus der ganzen Welt«, sagt er mit einen vielsagenden Lächeln. Er ist der einzige Jude, der direkte Wurzeln in Kreta hat, alle anderen, die zum Gebet in der Synagoge kommen, sind Touristen, in Chania lebende Ausländer und ab und zu Soldaten aus der amerikanischen Basis in Chania.
Stavroulakis lebt erst seit 1993 in Chania, dem Heimatort seines Vaters. Zuvor arbeitete er in den jüdischen Museen in Athen und Thessaloniki. Geboren wurde er in England, seine Mutter war eine Jüdin aus Istanbul, in den USA und in Israel studierte er Philosophie, Islamwissenschaften und Byzantinistik. Seitdem er auf Kreta wohnt, setzt sich Stavroulakis nebenbei auch für die Einrichtung eines jüdischen Museums in Rhodos ein. Für Chania hat er keine ähnlichen Pläne. »Es gibt keine Gegenstände, die aufbewahrt wurden«, bedauert er.
Die Spuren der Juden der Stadt verloren sich am 29. Mai 1944 kurz vor Dämmerung. Das gesamte jüdische Viertel, das sich rund um die Synagoge befand, wurde von Lastwagen der deutschen Besatzer abgeriegelt. Die deutschen Soldaten forderten die Gemeindemitglieder über Lautsprecher auf, ihre Häuser zu verlassen und auf die Straße zu kommen. Dann wurden sie in das nahe gelegene Gefängnis von Aya geschafft. Die Wehrmacht plünderte das Viertel, und was übrig blieb, nahmen sich andere.
Nach fast zwei Wochen Gefangenschaft unter unmenschlichen Bedingungen wurden die Juden von Chania nach Heraklion transportiert und dort am 9. Juni an Bord eines umgebauten Frachters namens »Tanais« gebracht, der am selben Abend Richtung Piräus in See stach. Offiziell 265 Männer, Frauen und Kinder der jüdischen Ge‐ meinschaft Kretas zusammen mit 600 griechischen und italienischen Kriegsgefangenen befanden sich an Bord, als am frühen Morgen des 10. Juni das Schiff kurz hinter der Insel Milos von einem britischen U‐Boot gesichtet und sofort torpediert wurde. Die »Tanais« sank innerhalb kürzester Zeit, es gab keine Überlebenden. Hätte das Schiff Athen erreicht, wären die Juden Chanias nach Auschwitz gebracht worden.
Die Etz‐Chajim‐Synagoge ist alles, was an die 2.400-jährige Geschichte der Juden Kretas erinnert. Einige ihrer Häuser sind nach dem Untergang der Fähre sofort von Einheimischen übernommen worden, die meis‐ten verkaufte ein jüdischer Mann aus Athen nach dem Krieg für einen symbolischen Preis an Bewohner des Ortes, die sie teilweise zu Restaurants und Bars umbauten.
Nur wenige der heutigen Einwohner Chanias wissen etwas über die Geschichte der jüdischen Gemeinde ihrer Stadt und die wiedereröffnete Synagoge. Sie verwechseln sie manchmal mit der Bar nebenan, die auf den Ruinen der alten hebräischen Schule entstand. Sie ist eine der schicksten Bars der Stadt, und trägt den Namen »Synagoge«. Über ihrem Eingang hängt ein Schild, das einen Rabbiner zeigt. »Ich werde traurig, wenn ich daran denke, dass die Nazis erreichten, was sie wollten. Sie haben außer der Synagoge auch die Erinnerung an die Juden Chanias vernichtet«, sagt Stavroulakis.
Überrascht war der alte Mann, als vor drei Jahren an einem regnerischen Novembertag eine Ausländerin die Synagoge betrat und alleine still in einer Ecke weinte. »Am nächsten Tag sprach sie mich an und sagte, sie sei die Enkelin eines hochrangigen Nazi‐Offiziers. Sie sei sehr überrascht, dass sie die Synagoge so ohne Weiteres betreten konnte«, sagt Stavroulakis und blickt lange in die Ferne.

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