Böhmen

Das Wunder von Decin

von Kilian Kirchgessner

Die schönste Geschichte über seine Synagoge erzählen die Details. „Schau dir nur den Kronleuchter an“, ruft Vladimir Poskocil, der jeden Gast sofort duzt, um ihn zu seinem Verbündeten zu machen. Der schwere Messinglüster ist der Blickfang in der Synagoge zu Decin und der ganze Stolz des Gemeindevorsitzenden. Er stammt aus der Requisitenkammer des örtlichen Theaters, heute hängt er im Gebetssaal der Synagoge. „Auf die Art haben wir unseren ganzen Laden wieder aufgebaut“, sagt Posko‐ cil. „Jeder hat etwas beigetragen, jeder hat ein bisschen mit angepackt.“ Heute strahlt der Tempel wieder, und mit ihm lebt die ganze jüdische Gemeinde auf, hier in Decin, der 50.000-Einwohner-Stadt ganz im Norden Böhmens.
Oder die Geschichte, die der schwarze Gedenkstein erzählt. Er hängt im Foyer der Synagoge, seine Inschrift leuchtet golden aus dem massiven Marmor heraus: „Zu Ehren Gottes erbaut“, steht dort in deutscher Sprache. „Unter der glorreichen Regierung Sr. Majestät des Kaisers Franz Josef I.“ Von 1907 stammt die Tafel. Österreich‐Ungarn reichte damals bis nach Decin. Die Stadt lag mitten im Sudetenland, offiziell hieß sie noch Tetschen. Auch die Honoratioren der jüdischen Gemeinde hatten deutsche Wurzeln, wie schon die Namen verraten: Adolf Pächter war der Vorsitzende, seine Mitstreiter hießen Brauner, Pick und Heller. „Heute ist das alles anders“, sagt Vladimir Poskocil. Wenn der jetzige Vorsitzende im Mitgliederregister blättert, findet er fast nur noch tschechische Namen. 130, um genau zu sein.
Auf diese Zahl ist Poskocil stolz. Vor zehn Jahren ist er an die Spitze der Gemeinde gekommen, damals war er 65 Jahre alt, und die Gemeinde lag am Boden. Nur noch eine Handvoll Mitglieder fand sich überhaupt ein, um ihn als Vorsitzenden zu wählen. Auch um die Synagoge war es schlecht bestellt. Sie hat als einziges jüdisches Gebäude weit und breit die Zeit überdauert, zuerst die „Reichskristallnacht“ 1938 und dann die langen Jahre im Kommunismus, aber ihr Zustand war erbärmlich. Kein Makler hätte für das Gebäude mit seiner orientalisch anmutenden Fassade wesentlich mehr bezahlt als den Wert des kleinen Hanggrundstücks, auf dem es steht. Die Tora ist irgendwann im Kommunismus spurlos verschwunden, der frühere Gebetssaal diente dem städtischen Archiv als Lagerraum und war vollgerümpelt mit ungezählten Regalmetern an Akten. Und dann kommt Vladimir Poskocil. Mit seinem Amtsantritt beginnt die Wiedergeburt der Deciner Gemeinde.
So etwas wie einen Masterplan hatte der neue Vorsitzende nicht. Große Pläne schmieden, das kann er sowieso nicht gut. Vladmir Poskocil packt lieber an, das hat er sein ganzes Leben lang gemacht. Ärmel hochkrempeln, loslegen. Was am wichtigsten ist, sieht er sowieso auf den ersten Blick: „Bei der Synagoge müssen wir die Kuppel richten“, sagte er gleich am Anfang seiner Amtszeit. „Wenn uns die einstürzt, ist alles hinüber.“ Also ging er Klinken putzen beim Bürgermeister, bei den katholischen Gemeinden vor Ort, bei den Handwerksmeistern und in den Büros der vie‐ len kleinen Unternehmer, die es in Decin gibt. Endlich weiß er, wofür er all die Jahre in dem kleinen Wald am Stadtrand Leichtathletik und Speerwurf trainiert hat: Die Ausdauer kommt ihm jetzt zugute. Fast täglich führt Poskocil örtliche Würdenträger durch den erbärmlich verkommenen Gebetssaal, zeigt die marode Kuppel und klopft allen Besuchern zum Abschied auf die Schulter wie alten Kumpeln. Wenn es etwas zu organisieren gibt, schreibt er das einfach kreuz und quer auf ein weißes Blatt Papier, einen Terminkalender hat er bis heute nicht. Wer etwas will, soll eben vorbeikommen in der Synagoge; er ist sowieso da.
Die Hilfe rollt an. Einige Studenten kümmern sich um die morsche Bausubstanz. Bis alles fertig ist, schlafen sie auf dem Dachboden über dem Gebetssaal. Der Bürgermeister bringt einen Scheck, auch die Leute aus dem Nachbarort steuern ein paar Kronen bei. Der Maler schreibt viel weniger auf seine Rechnung, als er gearbeitet hat, Vladimir Poskocil selbst zimmert aus billigen Baumarktbrettern eine Theke. Er stellt sie im Keller der Synagoge auf, die vielen Helfer stoßen hier am Abend auf ihre guten Taten an. „Plötzlich gehörten wir Juden wieder zu Decin“, sagt Vladimir Poskocil, „überall waren die Türen für uns offen.“ Das alles erzählt er ohne Verwunderung. So, als sei ihm schon immer klar gewesen, dass es genau so kommen würde. Die kleine Deciner Gemeinde gesundet allmählich. Zum ersten Mal in der Geschichte ist nicht mehr Deutsch die Sprache der Gläubigen. Nach Nationalsozialismus und Vertreibung wird auch in Decin wieder tschechisch gesprochen.
Und dann meldet sich eines Tages diese Frau aus Deutschland im Gemeindebüro. Sie heißt Nora Goldenbogen und ist Poskocils Amtskollegin aus Dresden, eine promovierte Historikerin. Die beiden Vorsitzenden aus Tschechien und aus Deutsch‐ land kommen miteinander ins Gespräch, sie reden über die gemeinsamen Wurzeln ihrer Gemeinden und darüber, ob man nicht wieder in engeren Kontakt treten solle. Es liegen ziemlich genau 60 Kilometer zwischen Dresden und Decin, die Entfernung wäre also kein Hindernis. Und doch gibt es Welten zu überbrücken zwischen den Gemeinden. Vladimir Poskocil residiert mit einer Teilzeit‐Sekretärin an einem verschlissenen Schreibtisch, sein Büro liegt hinter den bogenförmigen Bleiglasfenstern im ersten Stock der alten Synagoge. Das Bücherregal an der Wand war ursprünglich für den Sperrmüll bestimmt. Nora Goldenbogen hingegen blickt aus ihrem Büro im Dresdner Gemeindezentrum durch raumhohe Fenster auf die neu erbaute Synagoge, die sich ein paar Schritte vom Bürokomplex entfernt in den Himmel erhebt. Nora Goldenbogen steht einer Gemeinde vor, die mit 700 Mitgliedern zu den stärkeren in Deutschland gehört und derzeit unaufhaltsam wächst. Vladimir Poskocil indes macht sich Sorgen um das Überleben der Deciner Gemeinde, von den 130 Mitgliedern leben viele schon längst im ausländischen Exil. Eine Zusammenarbeit mit Dresden also. Er überlegt. Aber warum eigentlich sollte man das nicht einmal probieren?
Vladimir Poskocil geht zu seinem altersschwachen Bücherregal und blättert in der Chronik seiner Gemeinde. Allzu viel weiß er noch nicht über die deutsche Vergangenheit der Deciner Juden, er selbst lebt schließlich erst seit 20 Jahren hier; ursprünglich kommt er aus dem Südosten von Tschechien. „Der erste Jude, der sich um 1865 in Tetschen niederließ“, heißt es in einem Aufsatz über die Gemeinde, „war der aus Dresden stammende Moritz Mannsfeld, der einen schwunghaften Getreidehandel betrieb und seinen Kahn bis nach Hamburg fahren ließ.“ Da ist sie, die erste Verbindung nach Dresden. Von dort kommen die meisten jüdischen Siedler, deren Spuren in den Nachbarorten von Decin viel weiter in die Vergangenheit hinein führen. In Teplice etwa begruben die Dresdner Juden schon im 18. Jahrhundert ihre Toten, weil sie selbst noch keinen eigenen Friedhof anlegen durften. 1851 ging dann die Eisenbahnstrecke in Betrieb, die Decin und Dresden miteinander verband und dann weiterführte, nach Prag in der einen Richtung, nach Berlin in der anderen. Seither blüht die Wirtschaft in Nordböhmen; das Wachstum lockte auch jüdische Kaufleute an, die aus Sachsen herübersiedeln. Der israelitische Kultusverein in Decin formiert sich 1887, in den folgenden Jahren wächst die junge Gemeinde unaufhaltsam. Vor dem Zweiten Weltkrieg zählt sie fast 500 Mitglieder, in der ganzen Region ist sie damit einer der stärksten jüdischen Verbände.
Heute ist die Bahnstrecke zwischen Decin und Dresden immer noch in Betrieb. Neulich hat Vladimir Poskocil zum ersten Mal seit langem wieder eine Karte für die kurze Fahrt gelöst. Alle zwei Stunden verkehrt ein EuroCity, für die gut 60 Kilometer braucht der Zug exakt 48 Minuten. Die Gleise schlängeln sich kurvenreich entlang der Elbe, zu beiden Seiten der Waggons erheben sich die schroffen Felsen der Sächsischen Schweiz. Es ist eine Vernissage, für die Vladimir Poskocil nach Dresden reist. Er ist ein wenig aufgeregt, seine Reise ist immerhin von diplomatischer Bedeutung. Es geht gar nicht so sehr um die Ausstellung, in der ein tschechischer Künstler in der Dresdner Gemeinde seine Ölgemälde zeigt, 37 großformatige Werke. Viel wichtiger ist es, das Eis zwischen Dresdnern und Decinern zu brechen, die gemeinsame Ausstellung soll der Auftakt sein zu einer engeren Zusammenarbeit. Es folgen freundschaftliche Gesten: Nora Goldenbogen, die Dresdner Gemeindevorsitzende, war in Decin dabei, als dort in der renovierten Synagoge die Tora eingehoben wurde. Vladimir Poskocil revanchierte sich mit einem Besuch, als die Dresdner das fünfjährige Jubiläum ihres Gemeindezentrums feierten.
Ein vorsichtiges Herantasten ist das, über die Grenze hinweg, über die Sprachbarriere hinweg. „Bis jetzt ist das ein Kontakt zwischen den Vorständen“, sagt Nora Goldenbogen. „Als Nächstes müssen wir unsere Gemeinden mitnehmen.“ Das ist die Phase zwei der Annäherung, sie soll in diesem Jahr starten. Pläne gibt es schon zur Genüge: Der Dresdner Synagogenchor wird zum ersten Mal in Böhmen auftreten. Dann gibt es eine gemeinsame Kennenlern‐Reise. Das ist schon ausgemachte Sache. Genauso wie das Programm der Dresdner Schüler, die sich für einen Synagogenbesuch in Decin angemeldet haben. Wanderausstellungen sollen das Jahr über in beiden Gemeindezentren nacheinander gezeigt werden.
„Ich glaube, dass wir sehr viel voneinander lernen können“, sagt die Dresdnerin Nora Goldenbogen. Sie ist die Vordenkerin des Zusammenwachsens, sie koordiniert die gemeinsamen Aktionen – und sie weiß auch, auf welchen Gebieten die Zusammenarbeit der ungleichen Gemeinden am ergiebigsten ist. „Die meisten Erfahrungen in der jüngeren Geschichte haben wir geteilt, hier in Dresden und Decin“, sagt sie. Beide Gemeinden waren im Sozialismus unterdrückt, beide entwickeln sich erst seit der Wende wieder aus eigener Kraft. „Nur, wer den Nachbarn kennt“, sagt Goldenbogen, „der kann auch ein Gefühl dafür entwickeln, zu Hause zu sein.“ Dass die Dresdner Gemeinde mit ihren 700 Mitgliedern mehr als fünfmal so groß ist wie ihr Pendant in Decin, das spielt vor diesem Hintergrund plötzlich keine Rolle mehr.
Vladimir Poskocil tut sich noch schwer, für die neue Partnerschaft Worte zu finden. Er zeigt lieber auf die Taten. In seiner Synagoge, oben auf der lichten Galerie, stellt gerade der Kunstverein Sächsische Schweiz ein paar Bilder aus. Die Maler kommen allesamt aus Deutschland, die Besucher sind mehrheitlich Tschechen. „Wir machen einfach da weiter, wo wir früher wegen des Krieges aufhören mussten. Das ist doch eine ganz natürliche Sache“, sagt Vladimir Poskocil. Auf seine Art hat er längst angefangen, die Werbetrommel zu rühren für die gemeinsamen Projekte mit den jüdischen Nachbarn aus Sachsen. Auf dem Schreibtisch vor ihm türmen sich schon wieder die Schmierzettel, auf denen er seine Ideen und Termine notiert. Die Synagoge ist seit kurzem wieder aufgebaut; jetzt sieht es so aus, als gebe es für den Ausdauersportler Vladimir Poskocil endlich wieder etwas zu tun.

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