Michael Dagmann

»Das wäre ein Beruf für mich«

Meine Woche ist gerade sehr ungeordnet. Ich gehe im Moment oft in die Gemeinde und zu den Gottesdiensten. Ich versuche, alles zu machen, was das Judentum fordert – und was ich früher nicht getan habe. Früher, das war vor 1991, als ich von Litauen nach Deutschland kam. Für mich ist das schon ziemlich lange her.
Ich kann mein Leben in drei Abschnitte unterteilen: Der erste Teil ist das Leben in der Sowjetunion, der zweite begann mit dem Umzug nach Deutschland mit meiner Familie, meinen beiden Kindern. Und der dritte Teil kam dann 2005, als mein Vater starb. Das war für mich sehr schwer. Wir haben versucht, ihn nach den jüdischen Regeln zu beerdigen. Deshalb ging ich oft zur Gemeinde, um mit dem Rabbiner zu sprechen. Seitdem besuche ich regelmäßig die Synagoge. Gemeinsam mit dem Rabbiner und der Gemeinde wurde es leichter für mich, den Tod meines Vaters zu verarbeiten. Ich habe mich der Tora genähert, habe mich plötzlich sehr dafür interessiert. Vielleicht steckte das irgendwie schon in mir. So hat es sich jedenfalls angefühlt.

lebenskonzept Meine Eltern haben in der Sowjetunion nicht wirklich jüdisch gelebt. Mit der Tora hatten sie nicht viel zu tun, und in die Synagoge sind sie auch nicht gegangen, wie fast alle anderen. Ich kannte in Litauen niemanden, der dorthin ging. Aber ich selbst bin jetzt gern da. Ich habe viel gelernt und lerne immer weiter. Dafür habe ich gerade auch viel Zeit, denn ich bin ohne Arbeit. Ich habe mein Lebenskonzept geändert, als ich nach dem Tod meines Vaters anfing, zur Synagoge zu gehen.
Früher hatten wir einen Imbiss-Betrieb, ein kleines Familienunternehmen. Fast zehn Jahre lang haben wir ihn geführt und sind deshalb auch in diesen Stadtteil von Dortmund gezogen, weil der Stand hier in der Nähe lag. Es war ein Imbiss mit Pizzeria, Lieferdienst und allem, was dazu gehört. Dafür sind zehn Jahre eine lange Zeit, ich kenne nicht viele Betriebe, die so lange durchgehalten haben. Meine Frau kennt sich aus in diesem Gewerbe, sie ist gelernte Köchin und hat noch in Litauen in diesem Beruf gearbeitet, und in Deutschland dann auch.
2007 haben wir das alles verkauft. In der Zeit nach dem Tod meines Vaters habe ich viel über das Leben nachgedacht: Warum machen wir das alles? Es war eine schwere Arbeit. Es hat mir zwar Spaß gemacht, aber dann habe ich angefangen, Tora zu lernen. Dort steht, dass man anderen helfen soll, und das nicht nur materiell. In unserer Gemeinde gibt es viele Menschen, die Hilfe brauchen, besonders ältere. Etliche sind allein, ohne Kinder und Verwandte. Ich habe immer versucht, mit diesen Leuten zu sprechen, sie zu fragen, was sie brauchen. Vor ungefähr eineinhalb Jahren wurde bei uns in der Gemeinde eine Gruppe gegründet, die diesen älteren Leuten und den Kranken helfen wollte: Bikur Cholim. Ich bin dort Mitglied und damit sehr beschäftigt.

beruf Nachdem wir den Imbiss abgegeben hatten, wollte ich gern auch beruflich in diese Richtung gehen. Ich dachte an einen Pflegedienst für ältere und kranke Menschen. Die Idee habe ich immer noch. Meine Frau hat schnell eine Arbeit gefunden. Und ich hoffe, es kommt die Zeit, in der auch ich etwas finde.
Bei Bikur Cholim werden die Menschen, die Hilfe brauchen, nach Ortsteilen in Gruppen geteilt. Ich habe eine Liste mit Leuten, die nicht weit von mir wohnen. Ich telefoniere regelmäßig mit ihnen, besuche sie. Und sie sind so glücklich. Danach fühlt man sich selbst gut, weil man gesehen hat, wie viel Freude die Menschen hatten. Vor zwei Jahren, bevor sich die Gruppe gegründet hat, ging es ihnen sicher nicht so gut. Sie sagen uns manchmal, dass sie vor 15 Jahren nach Deutschland kamen, aber noch nie so viel Aufmerksamkeit bekommen haben. Wenn man so etwas hört, dann macht man noch mehr, das ist klar. Ich tue das ehrenamtlich. Aber ich habe die Kraft, noch mehr zu machen, und vielleicht geht es eines Tages auch beruflich.
Ich habe mich auch schon mal beworben. Wir haben ein Altenheim, nicht weit entfernt von der Gemeinde. Das Konzept war, dass unsere älteren Menschen dort zusammenkommen. Leider sind es noch nicht so viele. Aber Bikur Cholim ist da, und wir helfen, wo immer wir können. Von dem Altenheim habe ich dann leider eine Absage bekommen, weil ich keine medizinische Ausbildung habe. Aber ich bin überzeugt, dass ich trotzdem viel machen kann.
Ich bin gelernter Bauingenieur, und in der Sowjetunion habe ich in diesem Beruf auch gearbeitet. Als ich nach Deutschland kam, hatte ich die eine große Hoffnung, in diesem Bereich weiterzuarbeiten. Aber ich konnte damals überhaupt kein Deutsch. In der Schule hatte ich nur Englisch. Ich habe dann sogenannte Anpassungsmaßnahmen besucht – noch immer voller Hoffnung. Aber es hat nicht geklappt. Deshalb haben wir dann den Imbiss eröffnet. Es war nicht gerade mein Berufsfeld. Aber wenn man es mit Seele und mit Freude macht, dann geht das auch gut.
Meine Mutter nimmt in meiner Woche gerade viel Platz ein. Sie hat Parkinson. Ich betreue sie, verbringe viel Zeit mit ihr, obwohl sie einen Pflegedienst hat, der morgens und abends kommt. Wir gehen viel spazieren oder unterhalten uns.
Ansonsten habe ich immer gerne und viel Sport getrieben. Als Junge war ich Ringer, aber das ist lange her. Hier in Deutschland habe ich oft Fußball gespielt. In der Nähe gibt es einen Platz, und in der Gemeinde kommen die Leute auch bei Makkabi zusammen. Dort habe ich Volleyball gespielt. Aber im Moment geht das nicht, weil ich Probleme mit meinem Rücken habe. Ich habe beim Bücken irgendeine falsche Bewegung gemacht. Aber das sollte hoffentlich bald wieder besser werden. Ich hätte mir früher nie vorstellen können, dass es so kommt, wenn man älter wird. Ich bin jetzt 53.

familie Regelmäßig geht es meiner Frau und mir natürlich auch um unser Enkelkind. Leider lebt unsere Tochter in Wien, sie studiert dort Tiermedizin. Deshalb sehen wir sie nicht so oft. Das Enkelchen heißt nach meinem Vater Simon und ist jetzt sieben Monate alt. Wir waren schon ein paar Mal dort, in Wien, um sie zu besuchen. Wir unterhalten uns regelmäßig übers Internet, über Skype. Vielleicht kommt unsere Tochter mit ihrer Familie zurück nach Dortmund. Das würde meine Frau und mich sehr freuen. Zunächst wollten sie in Wien bleiben, doch inzwischen denken meine Tochter und ihr Mann darüber nach zurückzukehren. Aber es ist nicht leicht, denn Wien hat vieles, was Dortmund nicht bieten kann. Für mich ist Dortmund in Ordnung, wir sind ja auch schon so lange hier. Es ist gut, würde ich sagen. Aber es könnte immer besser sein, wie überall.
Was ich sonst noch mache? Ich sitze ab und zu am Computer oder lese. Mit dem Fernsehen habe ich nicht viel am Hut, ich gucke höchstens die Nachrichten. Ich versuche hauptsächlich, mehr Tora zu lernen. Dabei hilft mir auch unser Rabbiner, der eine Menge organisiert. Es gefällt mir, dabei zu sein, es macht mir große Freude. Was mir aber noch schwer fällt, das ist das Lesen in der Tora. Aber inzwischen darf ich wohl behaupten, dass ich Hebräisch lesen kann.
Die Tora bringt viel Gutes für meinen Charakter, lehrt mich viele nützliche Dinge, die man als Mensch braucht. Als wir noch den Imbiss hatten, haben es die Angestellten mir angemerkt. Sie haben mir Komplimente gemacht und gesagt, dass ich mich als Chef geändert hätte. Es lohnt sich nicht, zu schimpfen und immer aufgeregt zu sein. Man muss ruhiger, gelassener sein. Wenn man einen Menschen verliert, so wie ich meinen Vater, der auch Freund und Vorbild war, dann sind diese ganzen Kleinigkeiten egal. Das zählt dann alles nicht mehr. Dann denkt man plötzlich über ganz andere Dinge nach.

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