Leid

Das tut not

von Olaf S. Ossmann

Wieder einmal wird die Welt von Naturkatastrophen mit Zehntausenden Toten heimgesucht. Ob Birma oder China – schreckliche Bilder beherrschen die Medien. Und alle sind sich einig, dass schnell geholfen werden muss (auch wenn die hiesigen Medien ihre Standardfrage nach betroffenen deutschen Opfern gerne voranstellen). In der ersten Reihe, wie so oft auch schon in der Vergangenheit, stehen dabei amerikanisch‐jüdische Organisationen. Warum? Und was unterscheidet sie von den vielen europäischen Organisationen und Vereinen?
Es soll hier nicht von „richtigen“ Hilfsorganisationen die Rede sein, sondern von den vielen amerikanisch‐jüdischen Organisationen, die unabhängig von ihrem eigentlichen Hauptzweck Helfer schicken, Spenden sammeln und versuchen, auf schnellem Weg Leid zu lindern. Sicherlich, die große Anzahl von Mitgliedern erklärt zum Teil das Phänomen. Manch einer ist zudem der Ansicht, dass sich im humanitären Engagement nur das „Welt‐Polizistentum“ der Amerikaner spiegelt: Wer Soldaten überall dorthin schickt, wo es brennt, müsse sich schließlich auch weltweit um die Opfer kümmern. Aber erklärt dies allein schon das vielfache persönliche Engagement der zahlreichen amerikanischen Freiwilligen? Wer jemals Kontakt zu einer dieser Organisationen hatte, ist jedes Mal erstaunt, wie bereitwillig und unkompliziert geholfen wird, egal, ob im kriegsgeplagten Darfur oder im vom Zyklon zerstörten Birma.
Natürlich kann man einwenden, in den USA sei das Verhältnis zur Wohltätigkeit ein anderes. Wer etwas hat (und nicht nur derjenige, der sehr viel hat), gibt gern davon ab und macht dies auch publik: Tue Gutes und rede darüber! Doch will man der besonderen Stellung jüdischer Organisationen beim Helfen auf den Grund gehen, müssen die kulturell‐religiöse Verankerung und die Wurzeln der jüdischen (Einwanderer)-Familien in den USA berücksichtigt werden. Ihnen ist immer präsent, aus welch widrigen Verhältnissen sie einst geflohen sind. Zugleich sind sie stolz auf das Erreichte. Die Bilder von Katastrophen, von Not und Leid, rufen in einem Einwandererland wie den USA stets Betroffenheit hervor, die auf persönlichen, ja kollektiven Erfahrungen beruht. Bei jüdischen Amerikanern kommt noch etwas hinzu: die Mizwa, wohltätig zu sein. Eine Pflicht, die nur erfüllt werden kann, wenn sie wirklich von Herzen kommt. Das erklärt zumindest ansatzweise den Enthusiasmus, mit dem geholfen wird.
Warum aber engagieren sich Amerikas Juden gerade in Asien und Afrika? Warum konzentrieren sie sich nicht auf Notleidende, die zum eigenen „Kulturkreis“ gehören? Auf Israel zum Beispiel, ein Land, das von vielen internationalen Hilfsorganisationen gemieden wird. Das wäre ein prädestinierter Adressat. Und schmälert nicht jedes Engagement für die Dritte Welt die Möglichkeit, denen zu helfen, die einem nahestehen? Muss man nicht Prioritäten setzen?
Die amerikanisch‐jüdischen Organisationen folgen zum Glück einem gänzlich anderen, einem universalistischen Ansatz. So wie die Menschenrechte Allgemeingültigkeit besitzen, so ist auch das Leid in der Welt unteilbar. Es ist wie bei folgendem Gleichnis: Wenn Kälte herrscht, gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten: Entweder man zieht sich etwas Warmes an, am besten einen Pelz. Dann ist das Problem für einen selbst gelöst. Oder aber, man zündet ein Feuer an. Dann haben alle etwas davon. Talmud und Tora lehren uns, dass nur der zweite Weg zu wahrer Gerechtigkeit führt.
Kann sich eine solche Sichtweise in einem Land wie Deutschland durchsetzen? In einem Staat, der sich weiterhin energisch dagegen wehrt, „Einwandererland“ genannt zu werden und nicht gewillt ist, dieser Tatsache Rechnung zu tragen? Muss nicht auch in Europa eine Diskussion darüber beginnen, welche Grundsätze des Zusammenlebens unter den veränderten globalen und demografischen Bedingungen maßgeblich sein sollten? Hier haben wir, die wir als Juden existenziell vom zunehmenden Partikularismus bedroht sind, eine große Verantwortung.
Zu den unveräußerlichen Rechten des Menschen, mit denen uns Gott ausgestattet hat, gehören neben dem Recht auf Leben und Freiheit auch das auf ein Streben nach Glück. Dies muss für jeden Menschen gelten, weltweit. Ein Pelz macht nicht glücklich, wenn auch nur ein Einziger da ist, der friert.

Der Autor ist Rechtsanwalt und Präsident der deutschen Sektion der „Internationalen Vereinigung jüdischer Anwälte und Juristen“.

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