Magnus-Hirschfeld-Institut

„Das sind wir seinem Erbe schuldig“

Herr Simon, die „Initiative Queer Nations“ will in Berlin ein Magnus‐Hirschfeld‐Institut errichten (s. Infokasten). Sie sind Direktor des Centrum Judaicum, einer dezidiert jüdisch ausgerichteten Einrichtung, und haben sich als Kurator für „Queer Nations“ zur Verfügung gestellt. Wie kam es dazu?
simon: Mir ist daran gelegen, die Leistung dieses bedeutenden Gelehrten nicht nur zu erforschen, sondern auch entsprechend gewürdigt zu wissen. Zudem ist Magnus Hirsch‐
feld aus dem jüdischen Kontext nicht wegzudenken, so daß es meines Erachtens ausgesprochen sinnvoll ist, sich an diesen Aktivitäten zu beteiligen.

Welche Relevanz hat Hirschfeld heute?
simon: Das ist für einzelne Interessengruppen ganz unterschiedlich. Seine Lehre von den „sexuellen Zwischenstufen“ war ein Versuch, homosexuellen Frauen und Männern ihren Platz in der Natur und dadurch auch in der Gesellschaft zu geben. Das ist heute, wo bestimmte gesellschaftliche Gruppen ihre Ressentiments gegenüber Homosexuellen pflegen, durchaus noch relevant. Zu Diskussionen innerhalb der Sexualwissenschaft will ich mich nicht äußern, aber mir ist natürlich bekannt, daß Hirschfelds wissenschaftliches Erbe umstritten ist und die Debatte darüber intensiv geführt wird.

Und für Sie persönlich?
simon: Ich bin seit dreißig Jahren mit der Lebensgeschichte eines Menschen befaßt, dem Hirschfeld eigentlich erst zum Leben verholfen hat: In meiner Familie wurde die Geschichte von Karl Baer erzählt, der als Mädchen aufwuchs und ab 1906 mit Hirschfelds Hilfe als Mann weiterleben konnte. In seinen Memoiren gibt es eine interessante Stelle: Die Noch‐Frau Baer, die sich in eine Frau verliebte, berät sich mit einem Arzt – das war wohl Hirschfeld. Dieser bemerkte: „Meine Liebe zu meiner Freundin sei kein Laster – übrigens gäbe es in der Liebe keine Laster, höchstens in der Sinnlichkeit, sondern ein natürliches Gefühl.“ Auch für mich als Historiker ist Hirschfeld von Bedeutung: Ich hatte 1987 erstmals Kontakt zur Magnus‐Hirschfeld‐Gesellschaft, die mir für eine Ausstellung ihre Hirschfeld‐Büste zur Verfügung stellte. Vor einiger Zeit waren wir daran beteiligt, einen Teil seines Nachlasses nach Berlin zurückzuführen.

Und für die jüdische Gemeinschaft? Hirschfeld ist unter anderem im Lexikon des Judentums nicht enthalten …
simon: Na gut, dies ist ja vielleicht auch nicht der Weisheit letzter Schluß. Ich finde, daß er auf jeden Fall dort hinein gehört, weil er aus einem traditionellen jüdischen Elternhaus stammt. In unserer Ausstellung „Pioniere in Celluloid“ war er präsent, und wir haben ihn in unsere Reihe „Jüdische Minia‐ turen“ aufgenommen. Er ist also auch von jüdischer Seite nicht vergessen.

„Queer Nations“ hat mit dem geplanten Erinnerungs‐ und Zukunftsprojekt ehrgeizige Ziele im Namen von Hirschfeld verkündet. Was halten Sie davon?
simon: Die Ziele – internationales Zentrum mit weltweiter Vernetzung, 15 Millionen Euro und mindestens 30 wissenschaftliche Stellen – sprechen für Energie und Entschlußkraft. Vom Inhalt haben wir aber noch nicht viel gehört. Hinweise zur konkreten Ausgestaltung der wissenschaftlichen Arbeit werde ich deshalb aufmerksam verfolgen.

Daß sich die Initiative erklärtermaßen mit Sexualität auseinandersetzen will, die nicht der Idee der Fortpflanzung dient, wird unter anderem bei gläubigen Juden nicht nur Begeisterung auslösen …
simon: Genau das sind Fragen, wo wir mitdiskutieren können. Auch mir ist wichtig zu wissen, ob es Entwicklungen auf unserer Seite gibt, die neu und modern sind. Das ist sicher der Fall, nur kenne ich den Forschungsstand nicht. Ich selbst habe mich ganz an‐ ders entschieden, aber auch auf jüdischer Seite sollte doch das Problem „Queer Jews“ – manchmal scheint es ein Tabu zu sein – diskutiert werden. Darüber mit „Queer Nations“ ins Gespräch zu kommen, wäre doch sehr spannend. An dieser Stelle bringe ich gern meine Erfahrungen als Heterosexueller ein.

Haben Sie Wünsche an die Initiatoren?
simon: Ich hoffe, daß „Queer Nations“ inhaltlich den wissenschaftlichen und interdisziplinären Ansatz verwirklicht, den sie in ihrer Höchstglanzbroschüre verkündet hat. Ihr Leitgedanke, Gleichberechtigung von Homosexuellen und Heterosexuellen, muß im Profil deutlich erkennbar sein. Eine Akademie im Namen Hirschfelds sollte sich in der Stadt und in der Wissenschaftslandschaft so etablieren, daß sie unabhängig von gegenwärtigen politischen Förderern funktioniert. Sie müßte sich in den Kontext der vorhandenen Einrichtungen einfügen und allein durch ihre Arbeit überzeugen. Aus Erfahrung weiß ich, daß Kooperation sinnvoller ist als Konfrontation. Dem Erbe Magnus Hirschfelds sind wir es schuldig.

Sehen Sie Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit dem Centrum Judaicum?
simon: Natürlich gibt es inhaltlich Überschneidungspunkte. Nach der Miniatur zu Hirschfeld ist eine weitere zum Hirschfeld‐Kollegen Iwan Bloch geplant, und in unserer nächsten Ausstellung über den Graphiker Hermann Struck wird Hirschfeld ebenso eine Rolle spielen.

Das Gespräch führte Anke Ziemer

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