Schicksal

Das Schlamassel mit dem Masel

von Detlef David Kauschke

Masel tow! Eigentlich müsste dieser Glückwunsch aus dem Vokabular gläubiger Juden gestrichen werden. Ebenso wie der Wunsch, eine bevorstehende Geburt, Hochzeit oder ein anderes freudiges Ereignis möge unter einem guten Zeichen, einem »Siman tov«, stehen. Denn die Tora verbietet den Glauben an gute Geister, positive Zeichen, Glücksbringer und ähnlichen Zauber. Doch trotz der eindeutigen Ablehnung okkulter Traditionen ist die jüdische Haltung zu Sternkreiszeichen (Masalot) und ihrem Einfluss auf das persönliche Schicksal nicht ganz so eindeutig. Das hebräische Wort Masal stand in der talmudischen Zeit für Sterne und Planetenkonstellationen, erst später wurde es einfach mit »Glück« übersetzt.
Im Talmud ist einerseits zu lesen: »Leben, Kinder und Nahrung hängen nicht vom Verdienst ab, sondern vom Glück« (Moed Katan 28a). An anderer Stelle (Schabbat 156a) wird Raw Hanina mit den Worten zitiert: »Der Glücksstern macht weise, der Glücksstern macht reich, und auch Israel unterliegt dem Glücksstern.« Raw Jochanan hingegen meint genau das Gegenteil: »Israel unterliegt dem Glücksstern nicht.« Auch Raw Nachman ben Jitzchak, Rabbi Akiwa und andere Weise sind dieser Auffassung. Verdeutlicht wird das im Talmud auch mit der Torageschichte von Awraham, der Gott gegenüber behauptet, in den Sternen erkannt zu haben, dass er keinen männlichen Nachfahren haben werde: »Herr der Welt, ich habe durch meine Astrologie geschaut, dass ich einen Sohn zu zeugen nicht geeignet bin.« Worauf Gott ihm erwidert: »Hinaus aus deiner Astrologie, Israel unterliegt nicht dem Glücksstern.« Ejn Masal LeIsrael.
An einer Stelle wird in der Bibel (Jeremia 10,2) die Abgrenzung zu anderen Kulturen deutlich: »An den Weg der Völker gewöhnt euch nicht, und vor den Zeichen des Himmels zaget nicht, ob auch die Völker davor zagen.«
Der Rambam (Rabbi Mosche ben Mai-
mon, 1135-1204) meint, dass man weder im Guten noch im Schlechten den Sternen einen Einfluss zusprechen sollte, da dies zur Anbetung der Himmelskörper führen könnte. Astrologie sei wie Zauberei eine eindeutig untersagte Tätigkeit. Selbst einen Astrologen zu konsultieren, falle unter dieses Verbot. Der Ramban (Rabbi Mosche ben Nachman, 1194-1270) rät hingegen, die Warnungen der Astrologen in Bezug auf negative Sternkonstellationen zu beachten.
Auf jeden Fall spielen die Tierkreiszeichen in der mystischen Lehre des Ju-
dentums eine wichtige Rolle. Schon im frühesten kabbalistischen Werk, dem Raziel HaMalach, ist zu lesen, dass Gott die zwölf Sternzeichen, die »über die zwölf Monate herrschen«, geschaffen hat. Viele rabbinische Gelehrte beschäftigten sich später mit der Astrologie, wie zum Beispiel der Maharal von Prag oder der Vilnaer Gaon. Und der italienische Kab-
balist Shabtai Donnolo schrieb im 10. Jahrhundert in seinem Buch Chachmuni, dass Gott die Position und Konstellation der Sterne kalkulierte und so das Schicksal aller kommenden Generationen und aller Individuen voraussah. Jedoch gab er den Planeten keine eigene Kraft, Gut oder Böse zu beeinflussen. Vielmehr verlieh er den Menschen die Möglichkeit der Tschuwa, zu ihm zurückzukehren.
Mit Gottes Gnade ist es möglich, dass der Mensch seine schlechten astrologischen Aussichten in einen Glücksstern verwandelt, schreibt Shabtai Donnolo. Auf diese Erkenntnis verweisen auch heute noch jüdische Astrologen, wenn sie sich gegen wiederholte Kritik wehren, sie würden gegen die jüdische Lehre handeln: Tefilla und Tschuwa können das Schicksal verändern. Der Jerusalemer Kabbalist Ya-
kov Kronenberg zitiert dabei einen berühmten Kollegen, den 2006 verstorbenen Rabbiner Yitzhak Kaduri: »Das Problem, das das Judentum mit der Astrologie hat, liegt nicht an der Astrologie, sondern an den Astrologen.« Kronenberg bezeichnet die Astrologie als Wissenschaft, jedoch nicht als exakte Methode, da Menschen die Möglichkeit hätten, ihr Schicksal selbst zu beeinflussen.
Der Jerusalemer Rabbiner und Buch-
autor Matityahu Glazerson formuliert es so: »Wenn die Weisen sagen, dass Israel über den Konstellationen steht, meinen sie nicht, dass die Sterne gar keinen Einfluss auf Israel hätten. Sie haben eben nur keinen absoluten Einfluss.« Glazerson zitiert in seinem Buch »Above the Zodiac« Bachya ben Asher, einen spanischen Rabbiner des 13. Jahrhunderts: »Öffnet eure Augen und erkennt die Lehre der Sternkreiszeichen.« Die Zeichen lehren, dass die Kraft der Konstellation der Sterne außergewöhnlich groß sei. Gleichwohl gäbe es eine Macht, die darüber steht, betont Rabbenu Bachya. Es ist Gott, der den Monat der Waage (Libra) für den Tag des Gerichts gewählt hat, an dem er über das Schicksal der gesamten Schöpfung entscheidet. In diesem Sinne: Schana towa und Masel tow!

Anita Lasker-Wallfisch

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