geschichte

Das rote Pogrom

geschichte
Das rote Pogrom

Neue Dokumente über Stalins Antisemitismus

von Samson Madievski

Daß viele Juden im Zarenreich die Oktoberrevolution 1917 begrüßten, lag nicht zuletzt daran, daß die Bolschewiki den Kampf gegen den Antisemitismus auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Später drehte sich der Wind: Die Sowjetunion verfolgte eine Politik der subtilen bis offenen Judenfeindschaft. Den Beginn des offiziellen Antisemitismus datiert ein neuer russischer Doku- mentenband auf das Jahr 1938. »Staatlicher Antisemitismus in der UdSSR von den Anfängen bis zum Höhepunkt 1938-1953« ist im Moskauer Verlag »Materik« erschienen. Der Herausgeber, G.W. Kostyrtschenko, hat Materialien aus den Beständen des Zentralkomitees der KPdSU und Akten des KGB ausgewertet. Andere Dokumente stammen aus dem Präsidialarchiv der Russischen Föderation, dem Russischen Staatlichen Archiv für Neuere Geschichte und dem Zentralarchiv der Streitkräfte.
Daß Kostyrtschenko den Beginn des staatlichen Antisemitismus auf 1938 datiert, ist zumindest fragwürdig. Nicht nur widerspricht es der Erinnerung von Zeitzeugen. Das einzige Dokument aus jenem Jahr ist eine Nachfrage der Abteilung Parteiorgane des ZK der KPdSU über die »Verunreinigung« der Kader im Volkskommissariat für Gesundheitswesen: Die Hälfte der erwähnten Familiennamen ist jüdisch. Plausibler erscheint es, das Jahr 1942 als Startdatum zu wählen, als sich geheime Parteidokumente dieser Art zu häufen begannen. Ab 1945 gewann die judenfeindliche Politik eine neue Qualität. In den Kriegsjahren hatte Stalin aus innen- und vor allem außenpolitischen Gründenden Antisemitismus noch auf kleiner Flamme köcheln lassen. Als der Kalte Krieg das Bündnis mit dem Westen ablöste, benötigte der Diktator neben dem äußeren Feind auch einen inneren. Für diese Rolle wurden gemäß einer langen russischen Tradition die Juden auserwählt. Dutzende von Dokumenten mit dem Stempel »geheim« und »streng geheim« illustrieren die verschiedenen Etappen und Facetten der antijüdischen Politik des Regimes: die Auflösung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees und die Ermordung seiner Führung, die Repressionen gegen Kader des Jüdischen Autonomen Gebiets Birobidschan, die Ausrottung der jiddischen Kultur und ihrer führenden Repräsentanten, die Kampagne gegen den »heimatlosen Kosmopolitismus« und die all diese Aktionen begleitenden Säuberungen unter den Kadern des Staatsapparats, der Wirtschaft, der Kultur und des Gesundheitswesens.
Die Akten belegen auch eine Eigenart des kommunistischen Antisemitismus: Er war unterschwellig, heimlich, dosiert und durch internationalistische Rhetorik getarnt. Die Säuberungen wurden per mündlicher Direktive angeordnet und persönlich oder telefonisch weitergegeben. Das Einvernehmen der Nomenklatur erlaubte es, sich auf ein Stichwort zu beschränken: »Du weißt schon, worum es geht«.
Die antijüdische Kampagne erreichte ihren Höhepunkt in Stalins letzten Lebensmonaten, als jüdische Kremlärzte unter dem Vorwurf verhaftet wurden, die Ermordung von Staats- und Parteiführern geplant zu haben. Bereitete der Dikator seine nächste Terrorwelle und/oder eine Massendeportation der Juden vor? Dokumentarische Beweise dafür gab und gibt es nicht. Vielleicht deshalb, weil der Wahnvorstellungen verfallene Sowjetführer rechtzeitig starb.

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026