Alfred Dreyfus

Das Opfer, ein Held

von Katharina Born

Wieder einmal erhitzt die „unsterbliche Affäre“ in Frankreich die Gemüter. Dreyfus im Panthéon, schreibt der ehemalige sozialistische Kulturminister Jack Lang in seinem offenen Brief an den Präsidenten Jacques Chirac, „das hieße, die zivilen Ideale unserer Moderne zu ehren: den Widerstand gegen Unterdrückung und Unrecht, den Kampf für Respekt und Würde.“ Dreyfus im Panthéon, zitiert dagegen die konservative Zeitschrift Le Point dieser Tage „zahlreiche Intellektuelle“, das hieße, „wieder einmal ausgerechnet an die schamvollsten Momente der französischen Geschichte zu erinnern“.
Anlaß der Debatte ist der 100. Jahrestag der Rehabilitierung Alfred Dreyfus’ am 12. Juli 1906. Kaum ein politisches Ereignis hat die französische Gesellschaft so sehr geprägt wie die Affäre um den zu Unrecht wegen Spionage für die Deutschen verurteilten jüdischen Hauptmann. Mit ihr begann eine Tradition der intellektuellen Einmischung gegen die Staatsraison und des Engagements für Menschenrechte, auf die die Franzosen noch heute stolz sind. „Auch wenn die Risse und Linien, die die Affäre in kultureller und politischer Hinsicht in der Gesellschaft gezogen hat, teilweise noch nachwirken“, sagte der Dreyfus‐Spezialist Jean‐Denis Bredin kürzlich, „heute wirkt die Geschichte in erster Linie identitätsstiftend.“
Die Frage, ob Dreyfus heute ein Grab im Panthéon verdient, wäre allerdings noch vor kurzem undenkbar gewesen. Dreyfus sei lediglich „als Opfer zum Held geworden“, merkte noch dieser Tage der bekannte konservative Philosoph Alain Finkielkraut an. Bisher galt der Hauptmann auch seinen Fürsprechern als „passives, ungünstiges Opfer“, als unauffällig ergebener Militär, der „seiner Affäre nicht gewachsen“ gewesen sei. Erst mit dem Erscheinen einer ersten Biographie im April dieses Jahres gewinnt die Person Alfred Dreyfus Konturen. Der Pariser Professor für Sozialgeschichte Vincent Duclert konnte anhand zahlreicher Dokumente und des Familiennachlasses den Offizier, als begabten, hellsichtigen und republikanischen Patrioten zeigen.
Daß Präsident Chirac, der letztlich über das Ausmaß der offiziellen Ehrung Alfred Dreyfus entscheiden wird, bisher noch schweigt, ist bezeichnend für eine lange Tradition, der delikaten Affäre von staatlicher Seite nicht zu viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Zwar erscheint die Geschichte des wohl berühmtesten Unschuldigen zum Jahrestag nach und nach in fast allen französischen Medien, mehrere hochkarätig besetzte Kolloquien finden in diesen Wochen statt, und das Jüdische Museum in Paris zeigt seit Mitte Juni eine große Ausstellung zur Affäre. Doch in den meisten Fällen geht die Initiative zur Erinnerung, wie bei dem im ehemaligen Haus Emile Zolas in Médan geplanten Dreyfus‐Museum, auf private Initiativen zurück. Auch die Briefmarke, die anläßlich des Jubiläums gedruckt werden soll, wird kaum etwas daran ändern, daß die Gedenkbemühungen eher auf das interessiertere Publikum zielen. „In Zeiten der Fußballstars und Poplegenden gehören Vaterlandsliebe und Republiktreue nicht mehr zu den spannendsten Eigenschaften“, sagt ein Journalist des Radiosenders France Culture.
Dabei hat gerade das Museum für Kunst und Geschichte des Judentums mit seiner zeitgemäß und multimedial ausgelegten Ausstellung „Dreyfus – Der Kampf um Gerechtigkeit“ einen Ansatz gefunden, der die langatmigen Geschichtslektionen der Schulzeit, die alle Franzosen zum Thema über sich ergehen lassen mußten, vergessen läßt. Vor dem Schaukasten mit Dreyfus’ Monokel, einem Notizbuch und zahlreichen Fotos der elsässisch‐jüdischen Industriellenfamilie aus dem 19. Jahrhundert steht eine Pariser Lehrerin und erklärt ihrer kleinen Tochter, wie Dreyfus die Republik gespalten hat. Für Christine Cohen ist die Affäre ein Teil ihrer Familiengeschichte. Ihr Urgroßonkel war wie Dreyfus jüdischer Offizier in der französischen Armee. „Die Assimilierung der Juden, der französische Antisemitismus bis hin zur Kollaboration im Zweiten Weltkrieg, all das kann man am Beispiel Dreyfus sehr gut sehen“, sagt sie. „Das Verständnis dieser Affäre und das Beispielhafte von Zolas Engagement für ein unschuldiges Opfer gehören für mich zu den Dingen, die ich persönlich an meine Kinder weitergeben will.“ Auch ein älterer Besucher mit langem, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenem Haar findet die Affäre noch hochaktuell. „Nur leider ist es längst nicht mehr die einzige ihrer Art. In diesem Moment sitzen doch auf der ganzen Welt Hunderte wie Dreyfus in irgendwelchen Foltergefängnissen.“
„Guantanamo“, sagt Michel Drouin von der Internationalen Gesellschaft der Geschichte der Dreyfus‐Affäre. „Ein hochdemokratischer Staat leistet es sich, nicht mal Rechenschaft abzulegen, was dieses Gefängnis angeht. Was damals, nach der Niederlage von 1870/71 die staatliche Obsession mit Spionage und Verrat war, das ist heute der Terrorismus. Damit entschuldigt man alles.“ Dem Forscher am renommierten Centre National des Recherches Scientifiques fällt einiges ein, wenn er nach der Bedeutung der Affäre für die heutige Gesellschaft gefragt wird. „Heute stürzen sich die Leute auf den Da Vinci Code, weil er so schön aufregend und voller Verschwörungstheorien ist. Was da Wahrheit und was erfunden ist, kann kaum noch jemand sagen. Ende des 19. Jahrhunderts las man La France Juive.“ Der Bestseller von 1886, eine Mischung aus antirepublikanischen Halbwahrheiten und übelster Judenhetze des bekannten Antisemiten Edouard Drumont, erreichte im Frankreich der von Korruption und reaktionären Kräften geschwächten Dritten Republik schnell die 150. Auflage.
Am wichtigsten findet Drouin die französische Kontinuität des Mißtrauens gegen die juristischen Institutionen. „Nehmen wir Outreau“, sagt er. Der Kinder‐ schänder‐Prozeß, in dem eine ganze französische Kleinstadt unschuldig in jahrelange Gerichtsverfahren und öffentliche Ächtung geriet, endete im vergangenen Jahr mit der spektakulären Rehabilitierung von mehreren unschuldig eingesperrten Bürgern – und mit einem nationalen Trauma, das sich in einer schwieri‐ gen Debatte um die Macht der Medien und Systemfehler der Justiz entlud. „Es geht noch immer darum, sich nicht blind einem Rechtsurteil zu beugen, sondern die Gerechtigkeit zu verteidigen“, sagt Drouin. „Es geht um das Mächte‐Gleichgewicht der demokratischen und juristischen Institutionen und um den Einfluß der Öffentlichkeit auf dieses Gleichgewicht.“ Leider sei das den meisten Franzosen aber nicht bewußt. „Die Dreyfus‐Affäre könnte zu einem hervorragenden Träger auch für die heutige Wertevermittlung werden.“
Bisher scheinen die etwas widerwilligen Gedenkbemühungen allerdings eher auf das traditionell schwierige Verhältnis des französischen Staats zur Dreyfus‐Affäre hinzuweisen. Unter der Überschrift „Französische Gedächtnislücken“ heißt es dieser Tage im linken Nachrich‐ tenmagazin Marianne: „Wahrscheinlich ist sich die Republik letztlich der Exzesse bewußt, zu denen Ultranationalismus und Antisemitismus sie damals geführt haben, und deshalb hat sie es immer vermieden, eines Ereignisses zu gedenken, das für Polemik sorgen könnte.“ Während General de Gaulle, der 1940 selbst von einem Militärgericht zum Tode verurteilt worden war, der Affäre noch auf seine souveräne, etwas abgehobene Weise gedachte, wurde es in den siebziger Jahren unter Valéry Giscard d’Estaing still um Dreyfus. Auch die Machtübernahme der Linken änderte kaum etwas daran. François Mitterrand teilte die Vorstellung eines Dreyfus, der, hätte man ihn gefragt, sicher selbst Antidreyfusard gewesen sei. Er zog es vor, Oberstleutnant Picquart zu ehren, einen der wenigen Militärs, die zum Komplott gegen den jüdischen Hauptmann nicht geschwiegen hatten. Die Dreyfus‐Statue, die Mitterrands Kulturminister Jack Lang 1984 in Auftrag gab, wurde aus Rücksicht auf einen eventuellen Protest der Militärs dann nicht wie geplant im Hof der ehrwürdigen Pariser Ecole Militaire aufgestellt, wo die Affäre ihren Anfang genommen hatte. Erst Jacques Chirac ließ sie auf den benachbarten Boulevard transportieren. Noch 1994 brauchte es einen Aufschrei in der Presse, um daran zu erinnern, was an offizieller Stelle einfach ver‐ gessen wurde: der 100. Jahrestag der Verurteilung Alfred Dreyfus’. Als daraufhin in einem militärischen Gedenkschreiben auch noch die Unschuld des Soldaten als „die generell von den Historikern unterstützte These“ bezeichnet wurde, war der Skandal komplett. Erst 1998, zum 100. Jahrestag des Erscheinens von Zolas J’accuse, gedachte man der Affäre mit einer großen Reproduktion des Artikels, die an der Fassade der französischen Nationalversammlung aufgehängt wurde.
Mitte Juni dieses Jahres schließlich eröffnete immerhin Justizminister Pascal Clément im Hof des ehrwürdigen Pariser Hotel Particulier die Ausstellung des Jüdischen Museums. Allerdings wies er ungeschickt vor allem auf Fehler der Justiz hin, die es künftig durch Reformen zu vermeiden gelte. Auch der Präsident des Kassationsgerichts, Guy Canivalet, sprach während eines Kolloquiums von einem „Justizfehler, der an einem Mann begangen wurde, der aufgrund seiner Rasse als Aussätziger behandelt wurde“. Dabei hat schon der Dreyfus‐Spezialist Jean‐Denis Bredin in seinem Standardwerk L’Affaire betont, daß es sich eindeutig nicht um „einen Fehler, sondern um ein Verbrechen der Justiz“ handelte. Dreyfus war nach dem ersten Fehlurteil 1899 entgegen aller Fakten erneut verurteilt worden. Erst der drohende internationale Boykott der für das Jahr 1900 geplanten Pariser Weltausstellung hatte zu seiner Begnadigung geführt. Auf eine Rehabilitierung wartete Dreyfus noch sieben weitere Jahre.
Allein das Ausmaß der juristischen Bedeutung einer solchen Rehabilitierung könnte die heutigen offiziellen Fehleinschätzungen entschuldigen. Jeder einzelne Punkt der Anklage

wurde mit enormem Aufwand überprüft, bis alle Zeugenberichte, Expertisen und Beweisstücke sich als falsch oder sogar gefälscht erwiesen – aus Antisemitismus, aus Nationalismus oder aus Corpsgeist. „Die Rehabilitierung durch das Kassationsgericht, entgegen aller gesellschaft‐ lichen Widerstände, ist bisher als historisches Datum immer unterschätzt worden“, sagt Dreyfus‐Spezialist Jean‐Jacques Becker von der Universität Nanterre. „Bisher galt die Begnadigung nach dem Prozeß von 1899 als Ende der Affäre. Dabei ist eine Begnadigung nicht dasselbe wie eine Rehabilitierung.“ „Die Affäre kann bis heute nicht als abgeschlossen gelten“, setzt Marc Knobel, Forscher im Pariser Dachverband Jüdischer Organisationen, hinzu. „Schließlich sind die Schuldigen an Dreyfus’ Leid, die Drahtzieher des militärischen und politischen Komplotts, nie zur Rechenschaft gezogen worden.“
Die Überführung der Überreste von Dreyfus ins Panthéon sehen die Fürsprecher als dessen ultimative Rehabilitierung.

Daß er trotz der Hetze und der Folterhaft auf der Teufelsinsel nie den Glauben an das republikanische System und die Werte von 1789 verloren hat, daß er und seine Familie den Kampf für Gerechtigkeit nie aufgegeben haben, mache Dreyfus heute, so sein Biograph Duclert, zum „modernen Helden, der die höchste Ehrung durch die Republik verdiene.“
Foto: ullstein

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