Bestimmung

Das Los entscheidet

von Rabbiner Jonathan Magonet

An jedem Jom Kippur während des Mussaf-Gottesdienstes erinnern wir uns der Traditionen, die in der Zeit, als der Tempel noch stand, zu diesem Tag gehörten. Besonders eindrucksvoll ist das Ritual der zwei Ziegen, über deren Schicksal das Los entscheidet. Eine wird zum Sühneopfer für Gott bestimmt, die andere in die Wüste geführt und dort freigelassen.
Die biblische Schilderung dieser Zeremonie steht im 3. Buch Moses, Kapitel 16. Ihr geht jedoch am Anfang des Kapitels ein Satz voraus, der einem Wochenabschnitt seinen Namen verleiht: »Acharei Mot« (deutsch: »Nach dem Tod«): »Nach dem Tod der beiden Söhne Aarons, die umgekommen waren, als sie vor den Herrn hintraten ...« (Vers 1).
Was ist das Verbindungsglied zwischen dieser Geschichte und der darauf folgenden Auskunft über das Jom-Kippur-Ritual? Die Tora liefert es, indem sie erklärt, dass Aaron gewisse Vorsichtsmaßnahmen treffen muss, wenn er vor den Herrn tritt, damit er nicht auch stirbt. Dies leitet dann zur detaillierten Schilderung der Jom-Kippur-Zeremonie über.
Die Geschichte von Aarons Söhnen Nadab und Abihu wird das erste Mal im 3. Buch Moses, Kapitel 10 erzählt. Sie nahmen ihre Rauchpfanne, legten Feuer in sie und Räucherwerk »und brachten vor dem Herrn ein unerlaubtes Feuer dar, eines, das er ihnen nicht befohlen hatte«. Ein Feuer kam vom Himmel und verzehrte sie. Im Kapitel 16 wird dieses »unerlaubte« Feuer nicht erwähnt, nur dass sie nahe dem Herrn waren. Es ist eine merkwürdige Erzählung, und noch merkwürdiger ist es, in der Einleitung zur Zeremonie von Jom Kippur daran erinnert zu werden. Vielleicht aber lässt sich ja ein tieferer Zusammenhang ausmachen.
Nadab und Abihu sind in der Bibel bereits in einem ganz besonderen Zusammenhang in Erscheinung getreten. Als die Israeliten am Berg Sinai standen und den Bund mit Gott schlossen, wurde die Zeremonie mit einem rituellen Opfer beendet. Doch als es vorbei war, stiegen Moses und Aaron, Nadab und Abihu und 70 der Ältesten Israels in einer der geheimnisvollsten Passagen der Tora den Berg hinauf, »und sie sahen den Gott Israels. Die Fläche unter seinen Füßen war wie mit Saphir ausgelegt und glänzte hell wie der Himmel selbst. Gott streckte nicht seine Hand gegen die Edlen der Israeliten aus; sie durften Gott sehen, und sie aßen und tranken« (2. Buch Moses 24, 9-11).
Man kann sich vorstellen, welche Wirkung dieses außerordentliche Erlebnis auf diejenigen hatte, die dabei waren. Anderswo wird uns gesagt, dass niemand das Gesicht Gottes sehen und leben darf; doch jene durften es sehen, und sie überlebten diese tiefste aller mystischen Erfahrungen – einzigartig in der Tora. Es könnte sein, dass dieses Erlebnis für Nadab und Abihu ihre Rolle als Priester und potenzielle Nachfolger ihres Vaters in etwas viel Intensiveres, Spirituelles und letztendlich Allesverzehrendes verwandelte. Gott mit ganzem Herzen zu dienen, war nicht länger eine intellektuelle oder emotionale Verpflichtung, sondern wurde zu einem brennenden Verlangen, das den Kern ihrer eigenen Existenz ausmachte. Es war der religiöse Eifer, Gott mit ihrem ganzen Sein zu dienen, der sie ohne Erlaubnis und ohne Vorsichtsmaßnahmen zu treffen ins Heiligtum führte.
Ihre Geschichte steht in der Tora unmittelbar nach der Erzählung von der Errichtung des Heiligtums selbst und der ersten Opfer auf dem Altar. Diese wurden von einem Feuer verzehrt, das vom Himmel kam, um Gottes Bejahung des Opfersystems zu bezeugen. Offenbar wurden Nadab und Abihu im selben Augenblick von dem gleichen himmlischen Feuer verzehrt, das auch das erste Opfer auf dem neu geweihten Altar verbrannte. Aufgrund des inneren Feuers ihrer mystischen Hingabe an Gott wurden sie von der gleichen Flamme verzehrt. Sie wurden selbst zu dem, was sie im Grunde sein wollten: ein Opfer für Gott aus überwältigender Liebe zu Gott.
Warum werden wir zu Beginn der Jom-Kippur-Zeremonie an dieses tragische Ereignis erinnert? Zwei ganz verschiedene Arten von religiöser Frömmigkeit treffen in diesem Moment zusammen: die zutiefst mystische, die ekstatisch, leidenschaftlich, individualistisch ist, aber auch ins Fanatische und Selbstzerstörerische umschlagen kann; und die disziplinierte, ritualisierte und formalisierte Religion, die mit Aaron und dem Priestertum assoziiert wird, eine Religion, die das normale, kollektive Alltagsleben einer Gesellschaft regelt.
Was den beiden Söhnen Aarons widerfährt, steht für die erste Form, das symbolische Ritual von Jom Kippur steht für die zweite. In der Ziehung der Lose, durch die über das Schicksal der zwei Ziegen entschieden wird, spiegelt sich eine besondere Realität des menschlichen Daseins: Wir können nie wissen, was uns im Leben von einem Augenblick zum nächsten erwartet. Wir können das, was uns begegnet, als Zufall oder als unser besonderes Schicksal verstehen; als rein willkürlich oder als Teil eines Musters göttlicher Fürsorge und Bestimmung. Auch wenn das, was uns im Leben begegnet, eine Art Lotterie zu sein scheint, liegt, was wir damit machen, in unserer eigenen Verantwortung. Das ist es, woran uns Jom Kippur erinnert.
Wie die Söhne Aarons wird eine der Ziegen zum Opfer und im Nu vom Feuer verzehrt. Die andere aber wird nicht getötet, sondern in die Wüste, ihren natürlichen Lebensraum, geschickt und muss für sich selbst sorgen an einem Ort voll unbekannter Gefahren und Möglichkeiten.
All unsere Vorbereitungen für Jom Kippur, wenn wir versuchen, Dinge zu korrigieren, die wir falsch gemacht haben, und zerbrochene Beziehungen wiederherzustellen, schenken uns die inneren Reserven, die nötig sind, um in dieser unbekannten Welt, die uns jeden Augenblick erwartet, zu überleben und zu gedeihen. An diesem tiefstreligiösen Tag des jüdischen Jahres erinnern wir uns kurz der mystischen Dimension, konzentrieren uns dann aber auf die solide Grundlage eines in der Gemeinschaft gelebten Lebens, die uns das Judentum bietet.

Der Autor ist emeritierter Professor für Bibelwissenschaften. Bis 2005 leitete er das Leo Baeck College in London.

Jom Kippur: 3. Buch Moses 16, 1-34 und
4. Buch Moses 29, 7-11

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