Robert Schopflocher

Das Leben, ein Zickzack

von Karen Naundorf

Als Robert Schopflocher nach Buenos Aires kommt, gibt es dort nur wenige Hochhäuser. Der Milchmann zieht mit Kuh und Kälbchen durch die Straßen, um zu beweisen, daß seine Milch unverpanscht sei. Wenn es regnet, geht kein Telefon mehr. Dem Buenos Aires, das Schopflocher im Mai 1937 kennenlernt, als seine Familie mit dem Schiff nach Argentinien kommt, haftet etwas Provinzielles an.
Wer Schopflocher heute besuchen will, geht an einem Portier vorbei und fährt mit dem Aufzug in den 13. Stock eines Hochhauses. Das Hupen der Taxen, das Dröhnen der alten Mercedesbusse, die sich durch die Straßen von Buenos Aires drängeln, klingt nur noch gedämpft nach oben. Der Lärm verliert seine Macht, die Fenster geben den Blick frei auf die oberen Etagen der anderen Hochhäuser und durch die Häuserfluchten hindurch, nur wenige Kilometer entfernt, auf das Beigebraun des Río de la Plata. Es ist der Fluß, auf dem Robert Schopflocher nach Buenos Aires kam. An schönen Tagen kann er ihn von seinem Schreibtisch aus sehen.
Robert Schopflocher steht kerzengerade im Türrahmen. Ein fester Händedruck. Er trägt ein blau‐weiß gestreiftes Hemd, darüber eine dunkelblaue Strickjacke. Die weißen Haare sind nach hinten gekämmt. „Nicht daß Sie denken, Sie haben es hier mit einem siechen alten Knacker zu tun“, hatte Schopflocher, 83 Jahre alt, in der E‐Mail geschrieben, in der er darum bat, die erste Verabredung zu verschieben. Seine Sorge ist unbegründet. Alt ist hier nur die Fossilie, die auf einem Beistelltischchen im Wohnzimmer steht. Schopflocher mailt, hat DVDs. Er macht Holzschnitte, schreibt seine Stücke mit dem Rechner. Geht zweimal in der Woche zur Gymnastik. Spielt Schach, um sich fit zu halten. Im Spiegel‐ Special, das zur Frankfurter Buchmesse herauskam, ist Schopflocher der einzige Autor, der zweimal auftaucht: Einmal als Schriftsteller, dessen Buch rezensiert wird. Das zweite Mal als Journalist, der über das Werk eines anderen Autors schreibt.
Nun liegt das Spiegel‐Special in Buenos Aires, im 13. Stock eines Hochhauses, umgeben von deutscher und spanischsprachiger Literatur. In einer Wohnung, in der die Spuren der Vergangenheit präsent sind: Das Schwarzweißfoto der Hochzeit der Urgroßeltern in Fürth. Auf der Kommode eine rechteckige Kiste aus dunklem Holz, in die der Vater während der Kriegsgefangenschaft im Ersten Weltkrieg Weinreben geschnitzt hat. In einer Vitrine eine silberne Menora, die die Familie aus Deutschland nach Argentinien begleitet hat.
Robert Schopflocher hat Buenos Aires in die Höhe wachsen sehen, zwei Militärdiktaturen in Argentinien durchstanden, die Wirtschaftskrisen. Doch obwohl er seit bald 70 Jahren nicht mehr in Deutschland wohnt – beim Wort „Baum“ fällt ihm zuerst die Dorflinde in Ranna ein, dem kleinen Ort in der Fränkischen Schweiz, in dem er als Kind mit der Familie die Sommerferien verbrachte. „Eigentlich müßte ich an einen Ombú in der Pampa denken oder einen Paraíso, allein schon aus Dankbarkeit gegenüber dem lebensrettenden Land“, sagt Schopflocher.
Argentinien ist nur die zweite Heimat, die Erinnerungen an die Kindheit sind mit Fürth verknüpft: Die Biedermeiermöbel der Großeltern, die Tropfsteinhöhlen der Fränkischen Schweiz, die Villa in Ranna, in der morgens die Erwachsenen als erstes ihren Nachttopf entleerten, die Chanukkalichter und der Weihnachtsbaum, der aus rein dekorativen Zwecken in der elterlichen Wohnung aufgestellt wurde. Aber auch an Nazideutschland erinnert sich Schopflocher, zum Beispiel an einen harmlos anmutenden Kinderreim:
„Es war einmal ein Kommunist,
Der wußte nicht, was Nazi ist.
Da ging er in das Braune Haus
Und kam dort ohne Zähne raus.“
In Buenos Aires ging er zunächst weiter zur Schule und machte danach eine Ausbildung zum Agronom. Wohl fühlte er sich in diesem Beruf nie wirklich, obwohl ihm die Ausbildung zu seinem ersten Bestseller verhalf: Mehr als 40.000 Exemplare eines Buches über Geflügelzucht gingen über den Ladentisch. Auch wenn Schopflocher dieses Werk heute ein bißchen peinlich ist – wenn man im Laden fragt, welches Buch von Roberto Schopflocher (in Argentinien sprich: Schopflotscher) vorrätig ist, so ist es meist dieses. „Nach der Ausbildung arbeitete ich als Verwalter in den Siedlungen, die Baron Hirsch Ende des 19. Jahrhunderts errichtet hatte“, erzählt Schopflocher. Es war ein Brotjob, der ihn nie ganz erfüllte. 1951 kehrte er dann nach Buenos Aires zurück und stieg in die Firma des Vaters ein. Von da an verdiente er sein Geld mit Schaumstoffen und Farbpigmenten.
Der erste Band mit Kurzgeschichten kam 1980 heraus, in ihm stehen Schopflochers Holzschnitte im Mittelpunkt, die Texte sollten nur Beiwerk sein. „Aber sie gefielen mir viel besser als die Bilder. Also fing ich an, mehr zu schreiben.“ Jahrelang schrieb er auf Spanisch, bekam den Literaturpreis der Stadt Buenos Aires. Erst spät kam die literarische Rückkehr zur Muttersprache. „Wenn ich eine meiner spanischen Erzählungen auf Deutsch wiedergebe, ist es, als wenn ich eine Haut abhebe, unter der die deutsche Originalsprache zum Vorschein kommt“, sagt Schopflocher. Zu Hause mit seiner Frau spricht Schopflocher deutsch, doch bei Familienfesten wird spanisch gesprochen, damit alle alles verstehen.
„Weil ich über die jüdischen Siedlungen schreibe, werde ich oft mit Singer verglichen. Weil manche Geschichten so phantastisch sind, mit Kafka. Und weil ich in Argentinien wohne, mit Borges. Kann ich nicht einfach schreiben wie Schopflocher?“ Doch gleich im nächsten Satz nimmt sich Schopflocher zurück: „Nicht ich bin interessant, sondern mein Leben. Ich habe so viele verschiedenartige Etappen mitgemacht. Von der Stadt aufs Land. Von einem Land ins andere. Von einem Milieu ins andere. Es ging im Zickzack hin und her. Dieses zwischen zwei Stühlen sitzen erzeugt bei mir eine Spannung, eine kreative Spannung.“
Ein paar Stationen dieses Zickzacks hat Schopflocher nun in einem Band zusammengefaßt: Die Dörfer in Nordpatagonien. Die Militärdiktatur in Argentinien. Seine Kindheit in Fürth. Unter dem Titel Spiegel der Welt sind elf Erzählungen und ein autobiographischer Essay erschienen. Die Geschichten ziehen den Leser in den Bann, weil sie eine starke gefühlte Nähe zu den Hauptpersonen kreieren. Da ist Doktor Tomás Correa, ein alternder Arzt, dessen Frau schwerkrank ist und der plötzlich aus seiner Lethargie erwacht, als er ein Kind trifft, das er adoptieren möchte. Da ist der Damenschneider Jacobo Sznaider, der eine Blutkonserve bestatten lassen möchte, weil sie das letzte ist, was ihm von seiner Tochter geblieben ist – das Blut als Sitz der Seele. Das Mädchen wurde von den argentinischen Militärs gefoltert und ermordet. Da ist Doña Clara, eine ältere Dame, abgeschoben in ein Altersheim, in dem das Pflegepersonal nur darauf wartet, daß es endlich passiert, daß der Tod sie endlich holt. Eindrucksvoll beschreibt Schopflocher das Verlöschen eines Menschen und eine letzte Freude: Doña Clara öffnet die Tür des Bauers und läßt ihren Kanarienvogel frei. Die elf Geschichten zeigen einen melancholischen Spiegel der Welt, aber nicht ohne Humor, der die ungünstigen Sterne, unter denen das Schicksal der Protagonisten steht, immer wieder in den Hintergrund rücken läßt.
Das wird in seinem nächsten Buch wohl schwerer zu erreichen sein. Der Roman spielt im siebzehnten Jahrhundert in Südamerika, im Zeitalter der Inquisition. Wann das Buch erscheint? „Ich bin dran, suche nur noch einen Verlag“, sagt Schopflocher und lächelt. „Das können Sie ruhig schreiben.“

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