Degania

Das Kapital

von Björn Rosen

Dass hier vor zwei Monaten eine Art Revolution stattgefunden hat, ist auf den ersten Blick schwer zu glauben. In den gepflegten Gärten blühen die Blumen lila, rot und gelb. Aus der Ferne hört man leise einen Traktor. Vor dem Eingang der Siedlung, unter dem Schatten von Palmen und gegenüber den großen Bananenfeldern, sitzen Kinder im Gras und essen ihre Brote mit Humus und Salami.
Degania Alef ist noch immer ein beschaulicher Ort. Aber eine sozialistische Idylle ist es nicht mehr. Im Februar änderte die Siedlung am südwestlichen Ufer des Sees Genezareth, die 1910 als erster Kibbuz überhaupt gegründet wurde, radikal ihr Regelwerk. Rund 85 Prozent der 276 Mitglieder stimmten dafür. Die neuen Grundsätze, festgehalten in einem dünnen, blauen Schnellhefter, sind das Ende eines fast hundertjährigen zionistischen Traums. Dort, wo einst alle gleich sein sollten, gibt es jetzt reiche und weniger reiche Menschen. Die Revolution hat Degania in den Kapitalismus geführt – und ein starkes Zeichen ausgesandt: Wenn sich selbst die „Mutter aller Kibbuzim“ vom Sozialismus verabschiedet, steht wohl die ganze Bewegung vor ihrem Ende. Oder sind die neuen Regeln ihre letzte Hoffung?
Wer den Wandel in Degania begreifen will, geht am besten zu Frieda Rogel, die die vergangenen 56 Jahre hier verbracht hat. Die alte Dame, in Wien geboren, trägt eine ovale Brille mit Goldrand. Sie sitzt auf einem weißen Plastikstuhl vor ihrer Wohnung in einem langgezogenen, einstöckigen Mehrfamilienhaus, das wie ein zu groß geratener Bungalow aussieht. Auf dem Tisch vor ihr steht ein Glas Zitronenlimonade. Frieda Rogel mag die Hitze nicht. „Im Sommer gehen die Temperaturen hier unerträglich nach oben“, sagt die 74‐Jährige mit österreichischem Akzent. „Sehen Sie: Früher haben die Leute nichts für den Strom der Klimaanlage bezahlen müs+sen und die dann den ganzen Tag laufen lassen. Jetzt bekommen sie eine Rechnung und stellen die Anlage auch mal aus.“
Früher war es so in Degania: Wer Mitglied war, bekam die grundlegenden Dinge des Lebens kostenlos. Nicht nur die Elektrizität, sondern auch die Wohnung, das Essen, die Kinderbetreuung, den Schulbesuch, die Kleiderreinigung und sogar die Autoreparatur. Darüber hinaus gab es ein kleines Gehalt, das für jeden gleich ausfiel, egal, welchen Job man verrichtete oder wie hart man arbeitete. Mit dem obligatorischen Einkommen konnte man in den kleinen Läden der Siedlung einkaufen. Das funktionierte bargeldlos, die Beträge wurden einfach vom Kibbuz‐Mitgliedskonto abgebucht. Die Kinder von Degania wuchsen oft auf, ohne leibhaftig einen Schekel gesehen zu haben. Alles, oder jedenfalls das meiste, gehörte allen. Der Zusammenhalt war groß und beschlossene Sache: Gegessen werden musste gemeinsam, morgens, mittags und abends in einer großen Kantine im Zentrum der Siedlung.
Frieda Rogel, die vor den Nazis nach Shanghai floh und 1945 nach Palästina auswanderte, hat wahrscheinlich zu viel erlebt, um sentimental auf die Vergangenheit zu blicken. Wenn man die Rentnerin zum Beispiel auf das gemeinsame Kantinen‐Essen anspricht, das es so nicht mehr gibt, sagt sie nur: „Manchmal fehlt es mir. Aber die Qualität von Großküchen ist ja meist ziemlich schlecht. Das war auch bei uns so.“ Heute bietet der große Speisesaal nur noch mittags eine Mahlzeit an. Und die muss bezahlt werden. Wer will, kann zu Hause essen. Aber genau genommen ist das nichts Neues: Die Institution Speisesaal wurde von Degania schon vor Jahren abgeschafft. Wie überhaupt viele Grundsätze über die Jahrzehnte mitgeschleppt wurden. Frieda Rogel kann sich genau erinnern an all die „heiklen Themen“, wie sie es ausdrückt. „Leben bedeutet Veränderung. Dem konnte sich auch der Kibbuz nicht verschließen.“ In den 1960ern, sagt Frieda Rogel, gab es eine Debatte darüber, ob Fernseher in den Wohnungen erlaubt sein sollten. Am Ende kaufte der Kibbuz seinen Mitgliedern Fernseher. Dann gab es eine Dikussion, ob eine private Küche mit dem Gemeinschaftsleben vereinbar wäre. Am Ende hatte jeder im Kibbuz seine eigene Küche. Später wurde darüber verhandelt, ob sich Einzelne ein Auto anschaffen dürften. Am Ende durften sie es. Es wirkt wie das alte Duell zwischen Hase und Igel. Als wäre der Kibbuz immer nur der Wirklichkeit im Rest des Landes hinterhergelaufen.
Jetzt also der endgültige Bruch mit der Tradition. Ab sofort müssen die Mitglieder selbst bezahlen für Essen, Strom, für Versicherungen und Reparaturen. Dafür bekommen sie ein richtiges Gehalt, das auf private Bankkonten überwiesen wird. Die einen verdienen viel, die anderen wenig. „Ich war für die neuen Regeln“, sagt Frieda Rogel und nimmt einen Schluck Zitronenlimonade aus ihrem Glas. „Ich glaube, dass die Menschen jetzt mehr achtgeben, nicht nur auf den Stromverbrauch.“ Rogel hat viele Beispiele dafür parat, wie Einzelne früher die Gemeinschaft ausnutzten: „Als sich beim Essen noch jeder so viel nehmen durfte, wie er wollte, haben einige Extra‐Portionen für ihre Verwandten außerhalb des Kibbuz herausgeschleust. Und dann gab es Leute, die haben sich nicht angestrengt bei der Arbeit. Die haben hier auf Kosten der anderen gelebt.“
Degania ist eine kleine Gemeinschaft. In dieser überschaubaren Welt, in der jeder ein Auge auf den anderen hat, kamen rasch Vorwürfe auf: Du arbeitest nicht genug, du nimmst dir zu viel. Die Atmosphäre war manchmal vergiftet. Frieda Rogel, deren Kinder den Kibbuz für ein Leben anderswo in Israel und in den USA verlassen haben, sagt: „Der Mensch ist offenbar nicht dazu geboren, in einer Herde zu leben.“
Zehn Minuten Fußmarsch von Rogels grünem Garten entfernt, im einstöckigen Haupthaus des Kibbuz, liefert Tzali Koperstain in seinem Büro die nüchternen Fakten zu diesem persönlichen Fazit. Koperstain, ein gedrungener und kräftiger Mann mit grauem Haar, ist in der Kibbuz‐Verwaltung zuständig für die Wirtschaft. In Degania ernten sie Bananen, Avocados und Weizen, aber es gibt auch eine kleine Fabrik, in der Werkzeuge für die Diamantenverarbeitung hergestellt werden. „Wir hatten zu viele Ausgaben und zu wenig Einnahmen“, sagt der 56‐jährige Koperstain und lehnt sich in seinem schwarzen Chefsessel hinter dem hölzernen Schreibtisch zurück. „Aber vor allem waren wir nicht mehr attraktiv genug für junge Leute. Sie gingen in Scharen. Unser Durchschnittsalter liegt bei 55.“ Das konsumorientierte Leben in Tel Aviv ist eben einfach aufregender und bietet mehr Selbstbestimmung. Aber nicht nur, dass immer mehr Leute den Kibbuz verließen. Vielen, die blieben, fehlte der Wille, sich für die Gemeinschaft aufzuopfern. Die russisch‐polnischen Pioniere, die Degania Anfang des 20. Jahrhunderts buchstäblich im Nirgendwo errichtet hatten, waren noch ganz von der Vision einer besseren Welt beseelt gewesen. Beeinflusst von Marxismus und Zionismus wollten sie eine Gesell‐ schaft aufbauen, in der niemand den anderen unterdrückte oder wirtschaftlich ausbeutete. Nach Deganias Vorbild wurden erst Dutzende, später Hunderte solcher sozialistischer Landkommunen errichtet. Anfangs funktionierten sie gut. Die Kibbuzim kultivierten und besiedelten das Land, sie halfen, Israel nach seiner Gründung zu verteidigen und sie schenkten dem Staat viele seiner bedeutenden Männer, von Amos Oz bis Moshe Dayan. Das Wort Kibbuz wurde zu einem Synonym für Israel, obwohl nie mehr als sieben Prozent der Bevölkerung in den Kollektivsiedlungen gelebt haben.
Der Niedergang kam schleichend, nicht nur in Degania. Mit den Jahrzehnten bildeten in den Kibbuzim zunehmend Leute die Mehrheit, die sich das sozialistische Zusammenleben nicht erkämpft hatten, sondern zufällig in die gelebte Utopie hineingeboren oder aus Bequemlichkeit zugezogen waren. Mit der Zeit gingen den Kibbuzim die wahren Kibbuzniks aus.
Im breiten Flur vor Tzali Koperstains Büro hängen gerahmte Schwarzweißfotos an der Wand, die Degania in den Gründerjahren zeigen. Koperstain deutet mit dem Zeigefinger auf eines von ihnen, ein postergroßes Bild, in dessen Mitte man das aus Backsteinen errichtete Haupthaus sieht, in dem damals die Siedler wohnten und das heute die Verwaltung beherbergt. Daneben der alte Kuh‐ und Pferdestall, in dem jetzt Musikkonzerte stattfinden; drumherum erstrecken sich endlose Getreidefelder, im Hintergrund ragen die Berge auf. „Als die Aufnahme gemacht wurde, konnte man vom Haupthaus noch bis zum See Genezareth schauen“, sagt Koperstain mit einem Lächeln. „Heute versperren Bäume und Häuser den Blick.“ Das Foto ist Koperstains Lieblingsbild. Er, der die Abkehr von den sozialistischen Prinzipien entscheidend vorangetrieben hat, ist stolz auf Degania und seine Geschichte. Er findet, dass es eine Erfolgsgeschichte ist und bleiben wird. „Wir schaffen den Kibbuz nicht ab, wir verbessern ihn“, sagt er. „Wesentliche Dinge bleiben erhalten: die gute Pension für die Alten, die Nachmittagsbetreuung für die Kinder. Wer ein bestimmtes Grundeinkommen nicht erreicht, wird finanziell von uns unterstützt.“
Manchen ist das nicht genug. Die Kassiererin in dem kleinen Laden gleich gegenüber der Kibbuz‐Verwaltung ist wütend. Ihren Namen will sie nicht nennen. Die Frau mittleren Alters hat langes, glattes Haar und sitzt auf einem Drehstuhl vor ihrer Computerkasse, neben Kaugummis und Süßigkeiten. „Ob ich für die Veränderung gestimmt habe? Eine Kassiererin verdient nicht viel. Beantwortet das die Frage?“ Vier, fünf Kinder wollen Eis und Chips in bunten, knisternden Plastiktüten kaufen. Als sie weg sind, schließt die Frau ihre Kasse und meint: „Es musste sich was ändern. Aber nicht so radikal.“
Sind die Reformen Rettung oder Ende des Kibbuz? Shoshi Hadar glaubt, die Kibbuzniks werden bald begreifen, dass sie ein einmaliges Projekt zerstört haben. Die 36‐Jährige ist Tierärztin in Degania. Die kleine Praxis, in der sie arbeitet, gehörte früher der Gemeinschaft. Jetzt ist es ihre. Hadar hat langes, lockiges Haar, trägt weiße Handschuhe und einen hellgrünen Kittel. Sie beugt sich über einen Metalltisch, auf dem ein betäubter Hund liegt, den sie am Auge operiert. „In all diesen Diskussionen über die neuen Regeln habe ich nur gesagt: Lasst die Leute ein Jahr in Tel Aviv leben, damit sie die Sicherheit hier wieder zu schätzen wissen!“ Shoshi Hadar stammt aus Haifa, aus „einer total kapitalistischen Familie“. Nach ihrer Militärzeit heiratete sie einen Mann aus dem Kibbuz und zog nach Degania – aus Überzeugung. Doch bald merkte sie, dass sie eine von wenigen Idealisten war. Daran, glaubt sie, ist paradoxerweise der Kibbuz selbst schuld. Das Leben im Kollektiv habe die Leute entmündigt. Shoshi Hadar setzt ihr Operationsbesteck ab und grinst über das ganze Gesicht: „Als mein Mann den Kibbuz das erste Mal verließ, hatte er keine Ahnung, was eine Kreditkarte und ein Bankkonto ist“, sagt sie. „Einigen Leuten fehlte jede Vorstellung davon, wie viel Dinge kosten.“ Hadar beugt sich hinunter zu dem Hund, macht ein paar Bewegungen mit dem OP‐Messer, dann schaut sie wieder nach oben. „Mit der Reform hat die Kibbuz‐Verwaltung jedem ein symbolisches Startgeld gegeben und manche dachten, sie wären jetzt reich.“ Sie lacht spöttisch. „Es waren ganze 500 Schekel.“ Das sind gerade mal 100 Euro.
Shoshi Hadar hat darüber nachgedacht wegzuziehen. Aber ihr Mann hängt an Degania. Wohin sollten die beiden auch gehen? Es sind nicht mehr viele klassische Kibbuzim übrig geblieben. Über kurz oder lang werden sie wohl alle kapitalistisch werden. „Den ironischen Teil der Geschichte habe ich noch nicht erwähnt“, sagt Hadar und grinst wieder. „Ausgerechnet ich gehöre jetzt zu den Großverdienern hier. Vor zwei Wochen war ich in Thailand. Früher hätte ich mir das nie leisten können. Irgendwie auch gut.“

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