Fußball

»Das ist Sklavenhandel«

Herr Rabbiner, Sie sind bekennender Fußballfan. Viele Freunde des Sports ärgern sich derzeit über die Millionen‐Transfers in unglaublicher Höhe. Sie auch?
Was die Profivereine in letzter Zeit treiben, hat mit Ethik und Moral überhaupt nichts mehr zu tun. Inzwischen hat das auch schon kaum noch etwas mit reinem Sport oder Fußballspiel zu tun. Diese Vereine, die zum Teil zweistellige Millionenbeträge für einen Spieler ausgeben, drängen sich in den Vor‐
dergrund und an die Spitze der jeweiligen Ligen. Und es ist traurig, das es kein Gremium oder Regularium gibt, dass diese Entwicklung aufhalten und dem Fußball wieder seinen Zauber zurückgeben kann.

Was sagen Sie, wenn zum Beispiel Cristiano Ronaldo für 94 Millionen Euro zu Real Madrid wechselt?
Einerseits ist es verständlich, wenn junge Spieler davon partizipieren wollen, was der Markt hergibt. Das ist ihnen nicht zu verdenken. Ich bin auch der Meinung, dass die Erziehung, Beschäftigung und das Heranführen von jungen Spielern sehr oft vernachlässigt wird. Andererseits ist es eine unnatürliche Entwicklung, dass solche Beträge gezahlt und die Summen immer höher ge‐
schraubt werden.

Nach dem Transfer soll Ronaldo künftig eine Milliarde Euro kosten. Zeigt das in Zeiten der Wirtschafts‐ und Finanzkrise nicht das ganze Ausmaß einer Perversion?
Das hat nichts mit Finanzkrise zu tun. Das ist eine ethische und moralische Krise, völlig losgelöst von der wirtschaftlichen Situation in der Welt. Und ich befürchte, das wird noch eine Weile so grenzenlos weitergehen.

Entfremdet diese Entwicklung nicht die Fans vom Fußball?
Die Fans, die ins Stadion gehen – zumindest die meisten –, schalten Logik und Vernunft aus. Sie wollen ihre Mannschaft gewinnen sehen. Je höher, desto besser. Dann ist die Woche gerettet. Alles andere zählt nicht.

Was denken Sie, wenn es zum Beispiel beim Millionenpoker um Frank Ribéry bei Bayern München heißt, der Spieler sei ›nicht verkäuflich‹?
Das ist moderner Sklavenhandel. Aber wenn Sie schon Bayern München erwähnen, darf ich auf Folgendes hinweisen: Diese Maß‐ losigkeit und der Egoismus mancher Ma‐
nager und Vereinsvorstände lässt sie auch noch ihre humanistischen Hemmungen ab‐
legen. Wenn Uli Hoeneß und andere zum Beispiel dem Chelsea‐Boss Roman Abramovich vorwerfen, er handle völlig hemmungslos, dann ist das verlogen. Was Chelsea und andere im internationalen Geschäft ma‐
chen, treibt Bayern im nationalen Rahmen.

Das klingt nicht so, als seien Sie Bayern‐Fan.
Ich bin Anhänger von Werder Bremen.

Lassen Sie sich den Spaß am Fußball verderben?
Nein, denn Werder Bremen ist ein anständig geführtes Unternehmen. Es ist ein solider Verein. Er hat jetzt zwar auch 25 Millionen eingenommen, geht damit aber vernünftig um, wirft es nicht dem Erstbesten in den Rachen. Allerdings hätte ich jetzt nicht acht Millionen für Marko Marin ausgegeben – aber was soll’s. Das vernünftige und ethische Denken sowie die solide Wirtschaft herrschen vor. Also bleibe ich. Und ich versuche, mich von allem Drumherum nicht ab‐
lenken zu lassen und mich nur auf das Spiel zu konzentrieren.

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