Vogelgrippe

»Das ist doch Wurst«

von Dirk Hempel

Verendete Schwäne auf Rügen brachten vergangene Woche die traurige Gewißheit: Die Vogelgrippe hat Deutschland erreicht. Seitdem kämpfen die Behörden mit vorsorglichen Tiertötungen, Schutzzonen und Desinfektionsanlagen gegen das Virus. Wie aber reagieren die Verbraucher? Ist eine Verunsicherung spürbar? Wirkt sich die Seuche auf den Absatz koscheren Geflügels aus?
Für den Verkäufer im »Kosher Deli« in der Goethestraße läßt sich die Reaktion der Kundschaft mit sechs Worten zusammenfassen: »Keine Fragen, kein Thema, kein Problem«. Es werde nicht weniger Geflügelfleisch verkauft als sonst. Aber auch nicht wesentlich mehr.
Für die Fleischqualität verbürgt sich der freundliche Mann hinter dem Tresen. Das koschere Fleisch beziehe der Laden aus Belgien und Israel, wo es genau geprüft werde. »Natürlich kaufen wir nur Ware mit Kaschrut-Zertifikat«, sagt er. Nach den jüdischen Speisevorschriften muß das Fleisch nach dem Ausbluten genau auf seine Qualität untersucht und vollständig von Adern befreit werden.
»Durch die Untersuchung ist koscheres Fleisch meist besser«, sagt der Maschgiach (Kaschrut-Kontrolleur) des Restaurants »Gabriel« im Gemeindehaus an der Fasanenstraße. Auch hier steht Geflügel unverändert auf dem Speiseplan. Besorgte Nachfragen gibt es nicht. »Unsere Gäste ma- chen höchstens mal einen Witz über die Vogelgrippe«, sagt der Mann. Aus Belgien und Deutschland bezieht das »Gabriel« Geflügelfleisch, mit Kaschrut-Zertifikat. Außerdem halte man sich strikt an die Empfehlungen und Weisungen der Behörden.
Und die sehen nach Auskunft von Thomas Schlicht vom Bundesinstitut für Risikobewertung derzeit keinen besonderen Handlungsbedarf. Die üblichen Sicherheits- und Gesundheitsvorschriften gelten unverändert. Ob koscheres Fleisch in der Vergangenheit durch besonders gute Qualität und als weniger seuchengefährdet aufgefallen ist, kann der Behördenvertreter nicht sagen. Dafür gebe es keine Statistik: »Das Fleisch wird lediglich auf die Einhaltung der Vorschriften geprüft – ob koscher oder nicht, das ist doch Wurst«, erklärt Schlicht im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen.
Auch das Verbraucherministerium sieht bislang keine akute Gefahr für den Konsumenten. Dabei wird zum Beispiel Geflügel aus Israel oder koscheres Fleisch nicht besonders erfaßt, erklärt Tanja Thiele von der Pressestelle des Ministeriums. Ganz allgemein könne Geflügel »ohne Einschränkungen unter Beachtung der üblichen hygienischen Maßnahmen gekauft und verzehrt werden«, heißt es aus dem Ministerium. Eine Übertragung des Erregers über rohe Eier sei zwar möglich, aber wenig wahrscheinlich. Denn bei einer Infektion mit der Vogelgrippe komme es »zu einer drastischen Verminderung der Legeleistung«. Dadurch sei die »Vermarktungsmöglichkeit betroffener Betriebe sehr eingeschränkt«.
Als koscheres Kaffeehaus muß sich das »Beth Café« in Berlin-Mitte nicht mit dem Thema beschäftigen. Schließlich gibt es hier nur Speisen, die milchig oder parwe sind. Die Gäste aber machen sich schon ihre Gedanken zur Ausbreitung des Virus. An einem der Bistrotische ihren Zimt-Kaffee schlürfend, sitzt Hannah Stein. »Im Moment kann man die Vogelgrippe ja gar nicht ignorieren«, sagt sie und deutet auf den Zeitungsständer des Cafés, an dem neben der Jüdischen Allgemeinen vier Tageszeitungen hängen. Eine nichtjüdische Freundin der 49jährigen sei vor Jahren tatsächlich auf koscheres Fleisch umgestiegen – »damals, als der Rinderwahn groß in den Schlagzeilen war«. Stein selbst änderte aber ihr Einkaufsverhalten nicht. »Koscheres Geflügel ist doch in jedem Fall besser kontrolliert als das, was man im normalen Supermarkt bekommt«, ist sie überzeugt.
Demnach dürfte die Vogelgrippe sich kaum auf den Absatz von koscherem Fleisch auswirken, zumal kein akutes Übertragungsrisiko besteht. Und Schwäne gehören nach den Kaschrut-Bestimmungen ohnehin nicht auf den Speiseplan: Sie gelten als unrein.

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